Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

29.07.2022

16:33

Vorwerk Ventures

150 Millionen Euro gegen den Trend: Vorwerk Ventures legt den nächsten Start-up Fonds auf

Von: Florian Kolf, Anja Müller

Während viele Finanzinvestoren zögern, legt Vorwerk Ventures einen 150-Millionen-Fonds für die Investition in Start-ups auf. Der Zeitpunkt ist kein Zufall.

Managing Partner Norbert Muschong (fünfter von links) sieht größere Chancen, interessante Investments zu tätigen. Victor Strasse

Das Team von Vorwerk Ventures

Managing Partner Norbert Muschong (fünfter von links) sieht größere Chancen, interessante Investments zu tätigen.

Düsseldorf Zwei Jahre lang befeuerte das billige Geld der Notenbanken einen Boom in der Start-up-Welt, Finanzinvestoren verteilten das Geld mit der Gießkanne. Doch mit steigenden Zinsen ist Ernüchterung eingekehrt, Investoren halten sich zurück und viele Gründer fragen sich: Woher kommt nun das Geld für die Expansion?

Vorwerk Ventures hat darauf eine Antwort: Die Finanzierungsgesellschaft hat einen 150-Millionen-Euro-Fonds für Investitionen in europäische Start-ups aufgelegt. Das Geld kommt zum größten Teil vom Familienunternehmen Vorwerk. Ziel sei es, kommende Tech-Einhörner aufzubauen, wie Vorwerk Ventures betont, also Unternehmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde US-Dollar.

Der Investor sieht gerade jetzt gute Möglichkeiten. „Uns bieten sich größere Chancen zu vertretbaren Bewertungen interessante Investments zu tätigen“, sagt Norbert Muschong, der als Managing Partner Vorwerk Ventures gemeinsam mit Dirk Meurer und Holger Witte leitet, dem Handelsblatt. „Insgesamt sinken die Bewertungen“, beobachtet er.

Vorwerk ist mit seiner antizyklischen Investmentstrategie nicht allein. Auch andere Familienunternehmen, die eher langfristig denken, entdecken nun gute Möglichkeiten.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    „Wir sehen Familienunternehmen jetzt verstärkt als Käufer in M&A-Transaktionen“, bestätigt Markus Eckey, der im Wealth-Management der Deutschen Bank Corporate-Finance-Transaktionen für Familienunternehmen betreut. „Gerade weil nicht mehr so viel billiges Geld im Markt zur Verfügung steht, werden sie als Investoren wichtiger.“

    Familienunternehmen sehen Chancen für Zukäufe

    Für viele Unternehmen bietet das Chancen für Zukäufe. „Als langfristig denkendes Familienunternehmen sehen wir angesichts der Marktsituation vermehrt Potenziale für den Portfolio-Umbau“, erklärt beispielsweise Haniel-Chef Thomas Schmidt. Aber er betont, Haniel investiere auch unverändert in seine Beteiligungen. Der bisher letzte große Zukauf von Haniel war die Mehrheitsübernahme des Start-ups Emma Matratzen.

    „Weil das billige Geld versiegt, müssen die Unternehmen wieder Geld verdienen oder zumindest einen klaren Pfad zur Profitabilität aufzeigen.“ Norbert Muschong, Managing Partner Vorwerk Ventures

    Vorwerk-Ventures-Partner Muschong erkennt eine grundsätzliche Veränderung im Markt, die ihnen in die Karten spiele. „Weil das billige Geld versiegt, müssen die Unternehmen wieder Geld verdienen oder zumindest einen klaren Pfad zur Profitabilität aufzeigen“, erklärt er.

    „Wir sehen eine völlige Strategieumkehr, man sucht wieder profitabel wachsende Unternehmen“, so Muschong. Davon profitiere Vorwerk Ventures, das ohnehin schon diese Kriterien an die Investments angelegt habe.

    Unter den Start-ups hat eine brutale Auslese begonnen. Der US-Wagniskapitalgeber Sequoia spricht schon von einem „Survival of the quickest“, in dem nur die überleben, die am schnellsten ihre Kosten in den Griff bekommen. Etliche mit viel Wagniskapital aufgebaute Start-ups, denen der Kapitalnachschub auszugehen droht, haben bereits mit Entlassungen reagiert.

    Muschong hält die Entwicklung im Markt für gesund. „Durch die niedrigen Zinsen der Notenbanken ist sehr viel billiges Geld in diese Industrien gekommen. Die Folge war, dass viele Unternehmen gebaut wurden, die eine Chance auf eine Monopolstellung haben sollten“, beobachtet er.

    „Wir sehen Familienunternehmen jetzt verstärkt als Käufer in M&A-Transaktionen.“ Markus Eckey, Wealth-Manager Deutsche Bank

    Profitabilität habe dabei keine Rolle gespielt, es sei nur darum gegangen, Marktanteile zu gewinnen. „Jetzt ist die Situation eine andere, viele sind schockiert und erfinden sich neu“, sagte er.

    Die gesamte Venture-Capital-Industrie habe sich abgekühlt, bestätigt Judith Dada vom Frühphaseninvestor La Famiglia, in dessen Fonds zahlreiche bekannte Familienunternehmer investiert haben. Aber es sei eher eine „Normalisierung“ zu beobachten nach den Übertreibungen bei der Höhe der Unternehmensbewertungen in den vergangenen zwei Jahren.

    Darüber hinaus stellt sie fest, dass derzeit zwar alle Investoren abwartender agieren, dies aber vor allem bei Finanzierungen in den späteren Phasen von Start-ups. Geld gebe es dagegen noch in den Frühphasen-Investments, also wenn die Start-ups ganz am Anfang stehen.

    Unterschiede zum Platzen der Dotcom-Blase

    Dada betont, dass die Zahl der spannenden Gründer nach wie vor groß sei und in den frühen Phasen, die ja weniger Geld benötigten, auch weiter von Family Offices und anderen Investoren investiert würde. Der langfristige Vorteil: „Dann sind in Zukunft auch wieder größere Wertsteigerungen möglich.“

    Der aktuelle Umbruch im Markt sei mit dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 nicht zu vergleichen, sagt auch Muschong. „Damals gab es viele Unternehmen ohne jegliche Substanz“, erinnert er sich. Heute seien die Start-ups und die Industrie viel reifer, da sei viel mehr Erfahrung. „Ich denke, wir haben keinen Zusammenbruch, sondern eine notwendige Korrektur.“

    Darauf gründet der Optimismus von Vorwerk Ventures, noch gute Investments zu finden. Das Unternehmen kann bereits Erfolge bei der Entwicklung von erfolgreichen Tech-Einhörnern vorweisen. So war es einer der ersten Investoren des heutigen Dax-Konzerns Hellofresh. Auch den Lieferdienst Flaschenpost, der später für eine geschätzte Milliarde Euro an Oetker verkauft wurde, hat Vorwerk durch eine Investition in der Frühphase groß gemacht.

    Experte Eckey von der Deutschen Bank registriert einige Besonderheiten bei Familienunternehmen als Investoren: Sie entzögen sich der klassischen Zweiteilung zwischen Strategen und Finanzinvestoren. Sie hätten zwar in der Regel Renditeerwartungen, jedoch stünden diese bei ihren Investitionsvorhaben nicht notwendigerweise im Vordergrund. Ihr Anlagehorizont sei in der Regel langfristig.

    Family Offices werden immer professioneller

    In der aktuellen Situation komme ihnen auch ihre Flexibilität zugute. „Starre Investitionsrichtlinien, wie bei klassischen Private-Equity-Fonds, gibt es nicht“, sagt er. Sie seien auch häufig bereit, signifikante Minderheitsbeteiligungen einzugehen, was ihnen ausreichenden Einfluss und Mitspracherechte sichere, ohne dass ein aktives Management der Beteiligungen erforderlich ist.

    Dazu komme: Family Offices hätten sich deswegen stark professionalisiert, weil sie in den vergangenen Jahren bei M&A-Transaktionen oftmals in Konkurrenz zu Finanzinvestoren gestanden hätten. „Zunehmend sind ehemalige Private-Equity-Manager, erfahrene Unternehmensberater oder als Industriemanager in leitenden Funktionen bei Family Offices tätig, um den Anforderungen beim Beteiligungsmanagement vom Kauf über die Haltephase bis zum potenziellen Verkauf gerecht zu werden“, berichtet Eckey.

    Vorwerk Ventures hat jetzt bereits vier Fonds aufgelegt mit insgesamt 500 Millionen Euro Volumen. Seit 2019 arbeitet der Investor unabhängig vom Familienunternehmen Vorwerk, kann seine Investitionsentscheidungen eigenständig treffen. Die Fonds halten Beteiligungen an Start-ups wie Thermondo, Everdrop, Planted oder Avi Medical.

    Dabei hat der Investor einen klaren Fokus auf Tech-Start-ups aus dem Konsumbereich, was gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten eine besonders sorgfältige Auswahl bedingt.

    „Wir machen nur Dinge, von denen wir glauben, dass wir sie richtig verstehen, nicht weil sie gerade hip sind“, erklärt Muschong. „Das ist ja kein Spielgeld, mit dem wir umgehen, das haben andere sauer verdient.“

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×