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11.07.2020

10:54

Wegen Werksschließung

Tönnies und Subunternehmen wollen Geld vom Land zurück – Landwirte beklagen Millionenschaden

Von: Michael Verfürden, Katrin Terpitz

Der Betrieb und mehrere Dienstleister haben Anträge auf Erstattung von Lohnkosten gestellt. Schweinehalter rechnen vor: Ihr Verlust liegt aktuell bei 50 Euro je Mastschwein.

Rund 1400 Arbeiter hatten sich in der Fleischfabrik mit dem Coronavirus infiziert. Reuters

Tönnies-Stammwerk

Rund 1400 Arbeiter hatten sich in der Fleischfabrik mit dem Coronavirus infiziert.

Düsseldorf Beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) stapeln sich die Anträge auf Erstattung von Lohnkosten. Mehrere Tausend solcher Schreiben seien dort in den vergangenen Monaten eingegangen, sagt ein Sprecher. Darunter sind auch Anträge vom Schlachtbetrieb Tönnies sowie mehrerer Subunternehmen. Hintergrund sind Behördenmaßnahmen nach dem Corona-Ausbruch am Stammsitz in Rheda-Wiedenbrück.

Das Infektionsschutzgesetz sieht die Erstattung von Kosten vor, wenn Gesundheitsämter Quarantäne anordnen. Die Löhne müssen vorerst von den Unternehmen bezahlt werden und können bis zu einem Jahr rückwirkend erstattet werden.

Nach Angaben des LWL-Sprechers werden die Anträge jetzt nach Eingang abgearbeitet. Entscheidend sei dabei die Frage, ob es sich wirklich um Quarantänemaßnahmen handelt oder eine Betriebsschließung. Um welche Summen es sich handelt und wann die Anträge von Tönnies und den Subunternehmen bearbeitet werden, sei noch offen. Die „Neue Westfälische“ hatte zuerst über die Anträge berichtet.

Ein Tönnies-Sprecher teilte mit, dass die Landwirtschaftskammer NRW für „die Lohnfortzahlung im Quarantänefall“ zuständig sei. Das Unternehmen habe seinen Mitarbeitern und auch allen bei Dienstleistern angestellten Arbeitern zudem zugesichert, „im Fall von Kurzarbeit die Entlohnung auf 100 Prozent aufzustocken.“ Hierfür habe das Unternehmen aber noch keine Anträge gestellt, so der Sprecher.

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    Besselmann Services ist eines der betroffenen Subunternehmen von Tönnies, die eine Erstattung von Lohnkosten verlangen. „Selbstverständlich werden wir Anträge stellen“, bestätigte Geschäftsführer Ralf Kerkhoff auf Anfrage des Handelsblatts. Jeder betroffene Arbeitgeber müsse für jeden seiner unter Quarantäne gestellten Mitarbeiter den Antrag separat einreichen. „In unserem Fall betrifft das 1113 Mitarbeiter, also 1113 Anträge“, so Kerkhoff.

    Zur beantragten Gesamtsumme könne er derzeit noch nichts sagen. „Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe konnte uns wenig Hoffnung machen, dass diese Anträge schnell abgearbeitet werden könnten. Rund 50 Prozent der jetzt schon von anderen Arbeitgebern eingereichten Anträge seien falsch oder unvollständig ausgefüllt worden und müssten erneut bearbeitet werden“, erläuterte der Geschäftsführer.

    Einige Subunternehmen hatten für ihre Tönnies-Beschäftigten Kurzarbeit beantragt. Besselmann Services habe seine unter Quarantäne stehenden Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit geschickt, sagte Kerkhoff. Das Unternehmen werde aber von jenen, deren Quarantäne abgelaufen sei, wahrscheinlich einige in Kurzarbeit schicken müssen. „Einfach weil die Produktionslinien erst nach und nach wieder anlaufen dürfen und können“, begründete der Geschäftsführer des Lebensmitteldienstleisters.

    Über die Wiederaufnahme der Produktion am Hauptstandort des Fleischproduzenten Tönnies ist nach drei Wochen weiterhin noch keine Entscheidung gefallen. Die Schließungsverfügung gilt bis zum 17. Juli. Die Stadt Rheda-Wiedenbrück hatte aber angekündigt, dass einzelne Bereiche ihren Betrieb nun wieder aufnehmen dürften, um weitere Maßnahmen für das neue Hygieneschutzkonzept einleiten zu können. So werden Schutzelemente in Kantinenbereichen und in Teilen der Produktion montiert.

    Eine weitere Ausnahmegenehmigung hat die Stadt dann für die Wiederaufnahme der Versand- und Transportlogistik erteilt. Die Mitarbeiter müssen ein Negativtest vorlegen können und dürfen sich nur in ihrem Arbeitsbereich aufhalten. Die Einhaltung der Vorgaben werde durch die Ordnungsbehörden kontrolliert, teilte die Verwaltung mit.

    Rund 1400 Arbeiter des Werks hatten sich nachweislich mit dem Virus infiziert. Vorübergehend waren deshalb zusätzliche Corona-Einschränkungen des öffentlichen Lebens für den Kreis Gütersloh und auch für den Nachbarkreis Warendorf verhängt worden. Dort wohnen ebenfalls viele Tönnies-Mitarbeiter.

    Tönnies teilte am Samstag per Twitter erste Details zur Übernahme von Werkverträglern als Angestellte mit. Bis Jahresende soll dies in Kernbereichen der Schlachtung und Zerlegung gesetzlich Pflicht werden.

    „In einem ersten Schritt werden 1000 Beschäftigte bis 30. September direkt eingestellt, um Abläufe und Prozesse einzuspielen“, teilte das Unternehmen mit. Bis Ende des Jahres folge die gesamte Umstellung. Ab Mitte September will Deutschlands größter Schlachtkonzern zudem auf digitale Zeiterfassung umstellen. Die undurchsichtige Stundenabrechnung durch Subunternehmen ist seit Jahren in der Kritik.

    Schweinehalter kritisieren „Hinhaltetaktik“

    Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) hat derweil scharfe Kritik an der „Hinhaltetaktik der Behörden“ geübt. Den Schweinehaltern sei alleine in dieser Woche 20 Millionen Euro Schaden entstanden, was vor allem am weiterhin ruhenden Schlacht- und Zerlegebetrieb bei Tönnies liege, teilte die ISN am Freitag mit. Die Landwirte bräuchten nun dringend Klarheit, wann die Produktion am größten deutschen Schlachthof wieder starte.

    Die ISN nimmt vor allem den Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) in die Pflicht. Er müsse einen klaren Fahrplan für die Wiederaufnahme des Betriebs in dem Werk aufzeigen. Doch während Adenauer ankündigte, die Corona-Kosten des Kreises an Tönnies weiterleiten zu wollen, „geht die Verlustrechnung der Schweinehalter auf seine Kappe“.

    Dass die fehlenden und wegen Hygieneanforderungen eingeschränkten Kapazitäten die Landwirte belasten, lasse sich inzwischen auch am Markt ablesen. Der Bedarf der Unternehmen sei aufgrund der rückläufigen Fleischnachfrage begrenzt. „Die Vermarktung schlachtreifer Schweine wird aufgrund sich weiter aufbauender Überhänge mehr und mehr zum Drahtseilakt“, heißt es im ISN-Marktbericht vom Freitag.

    Daraus resultierend habe die Freitags-Auktion der Internet-Schweinebörse erneut ohne jegliches Kaufinteresse der potenziellen Abnehmer geschlossen. Von insgesamt 1.640 angebotenen Schweinen sei in zehn Partien kein einziges Tier verkauft worden.

    Man dürfe nicht vergessen, dass die Schlachtschweinenotierung noch bei mehr als zwei Euro lag als die Ferkel eingekauft wurden, die heute als Schlachtschweine verkauft werden, so die ISN. Mit einer Notierung von inzwischen 1,47 Euro je Kilogramm werde für das gleiche Schwein heute also bereits ein Viertel weniger erlöst.

    Unter Berücksichtigung der hohen Ferkelpreise bei der Einstallung, der Futterkosten und der weiteren Kosten würde jedoch genau jenes Preisniveau von ungefähr zwei Euro benötigt, um kostendeckend zu arbeiten. Das bedeute, dass Schweinehalter aktuell bereits einen Verlust von circa 50 Euro je Mastschein machen. Bei den Sauenhaltern sei die Notierung im gleichen Zeitraum sogar um ein Drittel zurückgegangen.

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