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06.06.2022

12:07

Zugunglück

Entgleister Regionalzug: Technischer Defekt ist das wahrscheinlichste Szenario

Von: Jens Koenen

Der Grund für den tragischen Unfall in Bayern ist noch nicht abschließend ermittelt. Doch die Erkenntnisse von der Unglücksstelle liefern Hinweise.

Fünf Menschen kamen bei dem Zugunglück in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen ums Leben. dpa

Der verunglückte Regionalzug in Bayern

Fünf Menschen kamen bei dem Zugunglück in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen ums Leben.

Frankfurt Die Experten der Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung (BEU) arbeiten unter Hochdruck an einem ihrer tragischsten Fälle der vergangenen Jahre. Sie müssen klären, warum die Regionalbahn RB 59458 am vergangenen Freitag kurz nach der Abfahrt in Garmisch-Partenkirchen entgleiste und fünf Menschen in den Tod riss. Mehr als 40 Menschen wurden verletzt, alle Vermisstenfälle konnten bis zum Sonntagnachmittag geklärt werden. Mittlerweile hat die BEU den Zug beschlagnahmt. Auch eine Sonderkommission mit dem Namen „Zug“ unter Leitung der Münchener Staatsanwaltschaft II soll helfen, das Unglück aufzuklären.

Die Öffentlichkeit wartet auf eine Erklärung, doch es dürfte noch einige Zeit dauern, bis die Experten ihren Bericht vorlegen. Die dort niedergeschriebenen Erkenntnisse müssen gesichert sein. Denn es geht nicht nur darum, mögliche Schuldige zu finden. Wie auch in der Luftfahrt üblich leitet die BEU aus den Ergebnissen unter Umständen neue Vorgaben ab, um vergleichbare Unglücke in Zukunft zu verhindern und die Sicherheit auf der Schiene weiter zu erhöhen.

Die Bilder von der Unglücksstelle sowie erste Auswertungen von verfügbaren Daten zeigen bei der Ursachenforschung aber schon in die Richtung eines technischen Defekts am Zug oder an der Strecke. Auf diese beiden Möglichkeiten konzentrieren sich nach Angaben der zuständigen Behörden vorerst auch die Untersuchungen.

Das hat mehrere Gründe: Der sogenannte Steuerwagen an der Spitze des Zuges – er hat keinen Antrieb – stand nach dem Unglück noch weitgehend auf den Schienen, genauso die Lokomotive, die von hinten schob. Entgleist sind drei der Waggons in der Mitte des Zuges. Wäre der Lokführer zu schnell gefahren, wäre wahrscheinlich auch der Steuerwagen vorn aus den Gleisen gesprungen.

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    Auch im sogenannten Datenaufzeichnungsgerät des Zuges – in etwa vergleichbar mit einem Flugschreiber – hat die BEU nach ersten Angaben keine Hinweise auf eine überhöhte Geschwindigkeit gefunden. Es gibt an der Unglücksstelle keine Weiche, es war auch kein anderer Zug involviert. Insofern ist menschliches Versagen etwa des Lokführers – er wurde inzwischen ein erstes Mal vernommen – oder vom Personal in den Stellwerken weitgehend auszuschließen.

    Hat etwas den Zug blockiert?

    Ein technischer Defekt ist also die aktuell wahrscheinlichste Ursache des Unglücks. Dafür gibt es mehrere mögliche Szenarien. Dass die mittleren Waggons aus den Gleisen gesprungen sind, deutet auf folgenden Ablauf hin: Der Zug könnte vorn durch irgendetwas blockiert worden sein, dem der Steuerwagen ohne eigenen Antrieb zu wenig Kraft entgegensetzen konnte. Die Lok schob von hinten weiter, die Waggons mussten diesem Druck irgendwie nachgeben und entgleisten.

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    Noch am Freitag wurde spekuliert, dass ein Gegenstand auf den Schienen eine solche Blockade ausgelöst haben könnte. In der Vergangenheit hatten Gegenstände, die auf die Gleise gelegt wurden, Züge entgleisen lassen. Doch bisher wurden an der Unglücksstelle keine Hinweise auf einen Gegenstand auf den Schienen gefunden.

    Ein weiteres mögliches Szenario: Ein Schaden am Gleis lässt das Drehgestell eines Waggons aus den Gleisen springen, der Lokführer löst sofort eine Notbremsung aus. Doch es dauert, bis das viele Tonnen schwere Gefährt zum Stillstand kommt. Weil das entgleiste Drehgestell blockiert, springen die drei Waggons aus den Schienen.

    Auch ein Defekt am Zug, zum Beispiel ein beschädigtes Rad, könnte zu dem Unglück geführt haben. Ein gebrochener Radkranz hatte vor 24 Jahren einen ICE in voller Fahrt mit 200 Stundenkilometern bei Eschede in Niedersachsen entgleisen lassen. 101 Menschen kamen dabei ums Leben, es war der schwerste Eisenbahnunfall in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

    In den ICEs waren damals zur Erhöhung des Fahrkomforts Räder mit einer Gummidämpfung verbaut. Diese wurden von den Unfallermittlern als Schwachstelle identifiziert, alle Räder an den Hochgeschwindigkeitszügen wurden daraufhin getauscht. Mittlerweile nutzt die Deutsche Bahn auch bei Regionalzügen in der Regel Waggons mit Vollrädern.

    Ermittler der Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung und der Staatsanwaltschaft suchen nach der Unglücksursache. Getty Images

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    Ermittler der Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung und der Staatsanwaltschaft suchen nach der Unglücksursache.

    Nach dem Unglück kam, gerade in den sozialen Medien, schnell die Frage auf, ob das deutsche Bahnnetz noch sicher sei. Doch aus dem Unglück in Bayern lässt sich nicht schließen, dass der Zustand des Schienennetzes auch die Sicherheit des Zugverkehrs beeinträchtigt.

    Die Schieneninfrastruktur in Deutschland ist zwar bekanntermaßen stark sanierungsbedürftig. Störungen an Weichen oder Signalen sorgen seit Monaten für große Verspätungen oder Zugausfälle. Zudem wird so viel gebaut wie niemals zuvor. Das hat das Staatsunternehmen Deutsche Bahn in eine tiefe Krise gestürzt.

    Doch auf den Gleisen sind zahlreiche Sicherheitssysteme verbaut. Jeder, der schon mal eine Störung an der Strecke oder am Zug erlebt hat, weiß, wie lange es dauert, bis es weitergeht. Die Experten etwa des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA), einer Aufsichtsbehörde, die dem Verkehrsministerium unterstellt ist, nehmen zuvor alles genau unter die Lupe. Dem EBA angegliedert sind auch die nun in Bayern aktiven Unfallermittler.

    Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes kommen bei Eisenbahnunfällen in Deutschland jährlich zwischen 160 und 180 Menschen ums Leben. Zum Vergleich: Im Straßenverkehr sterben jährlich rund 2600 Menschen. Zudem kommen auf Gleisen die meisten Menschen etwa an Bahnübergängen oder bei ähnlichen Unfällen ums Leben, nicht durch entgleiste oder kollidierte Züge.

    Damit ist Bahnfahren relativ sicher – trotz der maroden Schieneninfrastruktur.

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