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29.06.2022

08:18

Heizungshersteller

„Wärmepumpengipfel“: Viessmann und die Branche diskutieren mit Habeck über die Zukunft der Heizung

Von: Catiana Krapp, Anja Müller

Max Viessmann fokussiert sich beim Mittelständler auf strategische Themen. Eine erste Gelegenheit für politisches Sparring: der Wärmepumpengipfel am Mittwoch.

Der Co-CEO der Viessmann-Gruppe gibt die Leitung der Sparte Klimalösungen ab – und wird alleiniger Chef des Gesamtunternehmens. Das ist auch dem Branchenumbruch geschuldet. Sandra Steh Photography/Viessmann

Max Viessmann

Der Co-CEO der Viessmann-Gruppe gibt die Leitung der Sparte Klimalösungen ab – und wird alleiniger Chef des Gesamtunternehmens. Das ist auch dem Branchenumbruch geschuldet.

Düsseldorf Maximilian Viessmann wird sich ab dem 1. Juli 2022 auf seine Rolle als alleiniger CEO der Viessmann-Gruppe konzentrieren. Das hat das Handelsblatt vorab aus dem Familienunternehmen erfahren. Bislang war Viessmann auch Chef des Geschäftsbereichs Klimalösungen, der größten Sparte des Heizungs- und Klimaspezialisten. Diese Funktion gibt er an seinen bisherigen Stellvertreter Thomas Heim ab.

Unternehmenschef Maximilian wird darüber hinaus die Funktion des Verwaltungsratsvorsitzenden der größten Sparte von seinem Vater Martin übernehmen. Der konzentriert sich wiederum künftig auf seine Rolle als Präsident des Verwaltungsrats der Viessmann-Gruppe.

Die Heizungsbranche steht vor enormen Herausforderungen, angesichts derer Maximilian Viessmanns Fokus auf die gruppenweite Unternehmensstrategie und -kommunikation folgerichtig erscheint. Viessmann wird damit noch häufiger für sein Unternehmen und Vertreter der Branche sprechen. Das gilt etwa schon für den „Wärmepumpengipfel“ am heutigen Mittwoch.

Bei dem digital stattfindenden Gipfel treffen sich Bundeswirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck (Grüne) sowie Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) mit Branchenvertretern, die sich mit der Energiewende im Gebäudesektor befassen. Zu den Teilnehmern gehören nach Informationen des Handelsblatts neben Heizungs- und Klimaspezialisten wie Viessmann, Vaillant, Stiebel Eltron und anderen auch Vertreter des Handwerks, der Immobilienwirtschaft und der Gewerkschaften.

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    Die Bundesregierung fokussiert sich in ihren Zukunftsplänen für das Heizen in Deutschland vor allem auf Wärmepumpen. Die Geräte erzeugen Wärme mithilfe von Strom. Im Jahr 2020 gab es in Deutschland gut eine Million Wärmepumpen – und knapp 14 Millionen Gasheizungen. Insgesamt sind es 21 Millionen Anlagen in Deutschland, darunter mehr als fünf Millionen Ölheizungen, außerdem knapp eine Million Biomassekessel.

    Bis 2030 will das Wirtschaftsministerium auf einen Stand von sechs Millionen Wärmepumpen kommen. Es müssen also binnen zehn Jahren fünf Millionen Wärmepumpen hinzukommen, was einem Einbau von 500.000 pro Jahr entspricht. Das aber dürfte nur zu schaffen sein, wenn Handwerker in Deutschland statt Gasheizungen künftig fast nur noch Wärmepumpen einbauen.

    Ehrgeizige Ziele der Bundesregierung

    Für Viessmann ist ein guter Draht zur Bundesregierung daher von besonderer Bedeutung. Lange hat das Unternehmen mit 13.000 Mitarbeitenden vor allem auf Gasheizungen gesetzt und damit einen Großteil des Umsatzes erwirtschaftet. Der lag 2021 spartenübergreifend bei insgesamt 3,4 Milliarden Euro. In diesem Zeitraum stellte Viessmann auch 120.000 Wärmepumpen her, davon aber nur rund die Hälfte für Deutschland, teilte das Unternehmen auf Anfrage mit.

    Angesichts des Klimawandels und verschärft durch den Konflikt mit Russland will Deutschland sich schnellstmöglich auf neue Heizungstechnologien umstellen. Beim Wärmepumpengipfel am Mittwoch geht es darum, wie Industrie und Handwerk die ehrgeizigen Ziele des Bundeswirtschaftsministeriums umsetzen.

    Die Heizungsbauer sind sich weitgehend einig, dass Wärmepumpen ein starkes Zukunftsgeschäft darstellen. Doch es wird etwa rege diskutiert, ob bereits ab 2024 rund 500.000 Wärmepumpen jährlich produziert und installiert werden können oder erst ab 2025. Ein Diskussionsthema sind Umweltwirkungen von Kältemitteln.

    Viele europäische Hersteller sind gerade dabei, vom bisherigen Kältemittel R32 auf Propan umzustellen. Doch das ist noch nicht bei jeder Anlage möglich. Viele ausländische Konkurrenten setzten nicht nur dieses Mittel weiter ein, sondern auch andere, die noch klimaschädlicher seien, heißt es in der Branche.

    Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Mittel in die Umwelt geraten, ist zwar sehr gering. Dennoch sähen es einige deutsche Akteure am liebsten, wenn die Bundesregierung strenge Vorgaben für Kältemittel erlassen würde, die in Wärmepumpen enthalten sind. Der Bundesverband Wärmepumpe schreibt, dass das Treibhausgaspotenzial von R32 mehr als 200 Mal so hoch sei wie bei Propan.

    Viessmann sorgt sich, dass beim Umstieg von Gasheizungen auf Wärmepumpen der Heizungsmarkt zu großen Teilen an ausländische Konkurrenten fallen könnte, die ohne die Umstellung schneller liefern. Er sieht deutsche Arbeitsplätze sowie das Geschäft der deutschen Heizungshersteller in Gefahr.

    Wasserstoff oder nicht: Wie geht es mit der Gasheizung weiter?

    Das Unternehmen Stiebel Eltron, das im Gegensatz zu Herstellern wie Viessmann oder Vaillant keine Gasheizungen verkauft und bereits auf Wärmepumpen fokussiert ist, spricht sich gegen eine Regulierung aus. Geschäftsführer Nicholas Matten sagt: „Wir sind der Meinung, dass es einem Land wie Deutschland mit Zugang zu freien, offenen Märkten nicht guttut, wenn Schutzmaßnahmen gefordert werden.“ Konkurrenz gebe es im Wärmepumpenmarkt auch aus EU-Ländern. Regelungen müssten aber womöglich ohnehin auf EU-Ebene getroffen werden. Aus Mattens Sicht würden allzu harte Vorgaben für Kältemittel den wichtigen schnellen Hochlauf von Wärmepumpen in Deutschland nur ausbremsen.

    Außerdem entzweit sich die Branche an der Frage, ob überhaupt noch Gasheizungen in Deutschland eingebaut werden sollten. Akteure wie Viessmann argumentieren, dass es sonst nicht gelingen könne, den Gebäudesektor schnell genug klimaneutral zu machen. Die Zukunftsvision von Max Viessmann: Gasheizungen sollen künftig mit umweltfreundlichem Wasserstoff betrieben werden. Dafür spricht, dass sich Gasheizungen schneller und günstiger einbauen lassen als Wärmepumpen. Die meisten Handwerker in Deutschland wissen aus jahrelanger Erfahrung, wie das geht.

    Für Stiebel Eltron ist das Thema Wasserstoff im Heizungssektor wiederum eine Scheindebatte. Immerhin gibt es bislang kaum klimafreundlich produzierten Wasserstoff in Deutschland, und es dürfte noch Jahre dauern, bis sich das ändert. Warte man darauf, verstreiche wertvolle Zeit im Kampf gegen den Klimawandel, so Matten.

    Auch das Handwerkerargument lässt er nicht gelten. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland rund 930.000 Heizungen neu installiert. 650.000 davon waren Gasheizungen. Gehe man davon aus, dass der Einbau einer Wärmepumpe doppelt so lang dauere wie der Einbau einer Gasheizung, seien Deutschlands Handwerker also imstande, rund 325.000 Wärmepumpen pro Jahr einzubauen, rechnet Matten vor.

    Es ist eine Rechnung, die nur aufgeht, wenn man voraussetzt, dass die Handwerkerkapazitäten fast komplett umgeleitet werden. Zum theoretischen Wert kämen dann die rund 150.000 Wärmepumpen hinzu, die 2021 tatsächlich verbaut wurden. In Summe wären das 475.000 Wärmepumpen im Jahr – also fast so viel, wie Habeck gern erreichen möchte.

    Nach dem Wärmepumpengipfel am Mittwoch werden alle schlauer sein: Heizungsbauer, Handwerker und Haushalte.

    Erstpublikation: 28.06.22, 04:00 Uhr.

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