Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

17.06.2022

14:30

Hohe Spritpreise

Drei Milliarden Euro Tankrabatt, aber kein Autofahrer merkt es: So verteidigt sich die Öl-Branche

Von: Ben Mendelson

PremiumNach der Einführung des Tankrabatts steigen die Preise für Benzin und Diesel wieder deutlich. Die Ölkonzerne stehen am Pranger. Deren Verbandschef verweist auf die hohen Weltmarktpreise.

„Natürlich haben wir Verständnis für den Ärger“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbandes Fuels und Energie e.V., Christian Küchen.

Öllobbyist Küchen

„Natürlich haben wir Verständnis für den Ärger“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbandes Fuels und Energie e.V., Christian Küchen.

Teurer Sprit trotz Tankrabatt: An den Zapfsäulen haben die Preise für Benzin und Diesel zuletzt stark angezogen. Die temporäre Absenkung der Energiesteuer seit dem 1. Juni gilt bei Kritikern damit bereits als gescheitert. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) steht unter wachsendem Druck, das Bundeskartellamt in das Gebaren der Mineralölkonzerne eingreifen zu lassen – und wird diesem wohl auch nachgeben.

Landen die drei Milliarden Euro Tankrabatt also auf den Konten der Ölkonzerne statt als Entlastung bei den Verbrauchern? Christian Küchen, Hauptgeschäftsführer von en2x, dem Wirtschaftsverband Fuels und Energie e.V. und Nachfolger des Mineralölwirtschaftsverbandes, versucht sich im Gespräch mit dem Handelsblatt an einer Erläuterung.

Herr Küchen, der sogenannte Tankrabatt sorgt beim Staat für drei Milliarden Euro Mindereinnahmen. Der Effekt ist bei den meisten Kraftstoffen allerdings schon fast wieder verpufft. Zocken Sie die Verbraucher und den Staat ab?
Das Gegenteil ist richtig. Der Tankrabatt wirkt. Derzeit bestimmt ein Missverständnis zur Entwicklung der Tankstellenpreise die Diskussion: Die Beschaffungskosten für die Tankstellen werden primär bestimmt von den Weltmarktpreisen für Benzin und Dieselkraftstoff und nicht zunächst von den Rohölpreisen. Das sind getrennte Märkte.

Wie scharf lässt sich das denn überhaupt trennen?
Natürlich spielen die Kosten für Rohöl dabei eine Rolle. Aber in den letzten Wochen und Monaten haben sich die Weltmarktpreise für Benzin und Diesel vom Rohölpreis entkoppelt. Wenn wir die abgesenkte Energiesteuer nicht mehr hätten, wären die Preise um genau diesen Betrag teurer, also 35 Cent bei Benzin und 17 Cent bei Diesel. Die Ermäßigung kommt zur rechten Zeit, sie ist jetzt nötiger denn je.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Bei der Einführung des Tankrabatts versprachen Total und Shell, die Mitglieder in Ihrem Verband sind, die Steuersenkung vollumfänglich an die Verbraucher weiterzugeben. Die Lage an den Zapfsäulen legt die Vermutung nahe, sie täten das nicht.
    Doch, das tun sie. Diese Steuersenkung wird weitergegeben, aber die Weltmarktpreise wie die Rotterdamer Preisnotierung sind in dem Zeitraum massiv gestiegen, nicht erst in den letzten Wochen, sondern schon in den letzten Monaten seit Beginn des Ukrainekriegs. Danach richten sich die Kosten der Tankstellen beim Einkauf von Kraftstoffen.

    Können Sie die beschriebene Entkopplung und damit die Preiserhöhungen erklären?
    Die Weltmarktpreise werden getrieben von einer hohen Benzinnachfrage aus den USA. In Rotterdam angebotenes Benzin wird häufig von Tankstellenbetreibern aus den USA gekauft ...

    ... wo die Mineralölsteuer weit niedriger ist als in Deutschland.
    Dort ist man bereit, einen höheren Preis zu zahlen. Das zieht den Weltmarktpreis nach oben. Auch in Osteuropa, insbesondere in der Ukraine, ist die Nachfrage deutlich gestiegen. Da sind Raffinerien durch den russischen Angriff zerstört und können nicht mehr produzieren. Drittens haben Raffinerien in Westeuropa, auch in Deutschland, seit Ende Februar angefangen, schrittweise aus russischem Öl auszusteigen. Die Ersatzbeschaffung war nicht immer sofort möglich. Wir hatten ein leicht verknapptes Angebot parallel zu einer wachsenden Nachfrage. Das führt zu diesen steigenden Weltmarktpreisen.

    Mineralölverband über Spritpreise: „Überzeugt, dass es hier keine Preisabsprachen gibt“

    Ökonomen verdächtigen die Ölkonzerne, sich den Tankrabatt in die eigenen Taschen zu stecken. Die Kritik lautet, sie hätten in den vergangenen Wochen die Preise an den Tankstellen stärker erhöht, als es nötig gewesen wäre.

    Noch mal: Die Weltmarktpreise sind in den vergangenen Monaten auch vor dem Tankrabatt kontinuierlich angestiegen. Wenn wir uns die Preisdifferenz der deutschen Tankstellenpreise zum Weltmarktpreis für Diesel und Benzin angucken, dann sind das fast parallele Kurven. Die Preise an den deutschen Tankstellen haben sich wie die Weltmarktpreise entwickelt. Und die Weltmarktpreise sind nicht abhängig von einem deutschen Tankrabatt. Die entwickeln sich nach Angebot und Nachfrage.

    Wie hoch ist das deutsche Preisniveau im europäischen Vergleich?
    Die Preiserhöhungen für Kraftstoffe lagen in Deutschland eher im unteren Mittelfeld, wenn man die Steuern rausrechnet. Sie waren in anderen Ländern Europas teilweise noch deutlich höher. Wir können daher mit gutem Gewissen sagen, dass der Tankrabatt weitergegeben wird. Aber natürlich haben wir Verständnis für den Ärger, weil das nicht sichtbar ist für den Kunden.

    Laut aktuellen Zahlen des Bundeskartellamts ist der Abstand zwischen Rohöl- und Tankstellenpreisen seit 1. Juni um drei bis sechs Cent gestiegen. Die Marge habe sich auf etwa 60 Cent pro Liter erhöht.
    Wir verstehen, dass sich das Kartellamt diese wachsende Differenz genau anguckt. Wir sind aber davon überzeugt, dass das auch eine Folge der Entwicklung des Weltmarktes ist. Insofern sind wir sogar froh, dass das jetzt vom Kartellamt untersucht wird, um der Sache auf den Grund zu gehen. Wir verstehen den Ärger, aber dass sich die Preise unterschiedlich entwickeln für Rohöl und die Fertigprodukte, das hat es in der Vergangenheit auch gegeben. Und wenn sich in irgendeinem Marktsegment Knappheiten ergeben, etwa aufgrund von Raffineriekapazitäten oder logistischen Schwierigkeiten, dann kann das natürlich Einfluss auf die Preise der Produkte haben.

    Was erhoffen Sie sich von der Sektoruntersuchung des Bundeskartellamts?
    Dass bestätigt wird, dass die Preise sich im intensiven Wettbewerb bilden. Wir sind davon überzeugt, dass es hier keine Preisabsprachen gibt. Das Kartellamt wird viele Fragen an die Unternehmen haben und Daten erheben. Das ist gut, um in einer solchen Situation die Sachverhalte aufzuklären und Rationalität in die Debatte zu bringen.

    Wurden die Gewinnmargen Ihrer Mitglieder in den vergangenen Wochen erhöht?

    Unsere Mitglieder bedienen den deutschen Markt, der Löwenanteil der berichteten höheren Gewinne bei globalen Quartalsergebnissen beruht auf den gestiegenen Rohölpreisen. Im Upstream, bei der Rohölförderung, sind die Preise angestiegen. Wir haben im Moment aber keine Zahlen, in welchem Umfang sich das Geschäft im Downstream-Bereich, also bei Raffinerien und im Vertriebsgeschäft, auf die Ergebnisse der Unternehmen auswirkt. Teilweise werden die entsprechenden Zahlen von Tochtergesellschaften der internationalen Ölkonzerne auch gar nicht berichtet.

    Gibt es weitere Kostentreiber im Downstream-Bereich?
    Die Verarbeitungskosten sind relativ stark gestiegen, weil etwa Gas in Raffinerien ein wichtiger Energieträger ist. Die steigenden Energiepreise wirken sich hier auch aus. Auch die Preise für Biokraftstoffe, die beigemischt werden müssen, um die Verpflichtungen zur Minderung von Treibhausgas-Emissionen zu erfüllen, sind gestiegen.

    Erstpublikation: 12.06.22, 09:09 Uhr.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×