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02.03.2022

15:02

Agrarmärkte

Ukraine-Krieg könnte eine Nahrungsmittelkrise in Afrika auslösen

Von: Bert Fröndhoff, Katrin Terpitz

Fast ein Drittel der Weizen-Exporte kommt aus der Ukraine oder Russland. Mehrere nordafrikanische Länder spüren bereits Engpässe, die auch die politische Lage vor Ort weiter destabilisieren könnten.

Allein am Horn von Afrika sind laut UN geschätzt 13 Millionen Menschen schon jetzt von Hungersnöten bedroht. AP

Verteilung von Weizen in Äthiopien im Januar.

Allein am Horn von Afrika sind laut UN geschätzt 13 Millionen Menschen schon jetzt von Hungersnöten bedroht.

Düsseldorf Der Krieg in der Ukraine treibt die Preise für wichtige Nahrungsmittel weltweit auf neue Höchststände. An der Pariser Terminbörse Matix überschritten die Weizen-Futures am Mittwoch die wichtige Marke von 350 Euro, damit ist das Getreide mittlerweile mehr als doppelt so teuer wie Anfang 2018. Auch die Preise für Mais und Ölsaaten, also Pflanzensamen, aus denen Öl gewonnen wird, schnellen weiter hoch.

Auslöser ist die Furcht vor einem vollständigen Zusammenbruch der Lieferungen aus Russland und der Ukraine. Schon jetzt ist der Export aus der Ukraine weitegehend gestört, weil die ukrainischen Häfen am Schwarzen Meer geschlossen sind und Russland Transportwege auf See blockiert.

Beide Länder zählen zu den größten Exporteuren für wichtige Agrargüter, auf sie entfallen gut 30 Prozent der weltweiten Weizen-Ausfuhren und ein Fünftel des Mais-Exports. Annähernd 80 Prozent der globalen Sonnenblumenöl-Lieferungen kommen aus der Schwarzmeer-Region.

Allein die Ukraine ist mit ihren riesigen Anbauflächen der viertgrößte Weizen-Exporteur der Welt. Händler an den Agrarbörsen fürchten, dass es nicht nur bei den Störungen in der Kriegsregion bleibt. Die Sanktionen des Westens könnten auch die Agrarexporte aus Russland und deren finanzielle Abwicklung stark beeinträchtigen.

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    Davon wäre die Welt unterschiedlich betroffen. Direkte Auswirkungen sind bereits in den Ländern zu spüren, die ihre benötigten Weizenmengen überwiegend aus Russland und der Ukraine beziehen. Dazu zählen die Türkei und mehrere nordafrikanische Länder wie Ägypten und Tunesien.

    In vielen Krisenregionen werden Nahrungsmittel knapp

    Vor allem in Nordafrika sind arme Menschen auf eine bezahlbare Versorgung mit Brot angewiesen. Trotz Subventionen wird dort heute schon ein Großteil des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben, Gleiches gilt für Länder in Westasien. Ernährungsexperten warnen daher vor einer Nahrungsmittelkrise, die zu wachsendem Hunger und sozialen Spannungen führen könnte.

    „Schon jetzt sind 276 Millionen Menschen in 81 Ländern von akutem Hunger betroffen. Die Welt kann sich einfach keinen weiteren Konflikt leisten“, sagte Martin Frick, Leiter des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) in Deutschland. Mehr als die Hälfte der Nahrungsmittel, die das WFP in Krisenregionen verteilt, stammt demnach aus der Ukraine. „Putins Krieg überzieht nicht nur die Ukraine mit unermesslichem Leid. Die Auswirkungen werden weit über die Grenzen der Region zu spüren sein.“

    Auch Bayer-Chef Werner Baumann warnt vor einer Nahrungsmittelkrise durch den Krieg in der Ukraine. Dies würde vor allem Afrika und damit die „ärmsten Regionen der Welt“ treffen, sagte er bei der Bilanzpressekonferenz am Dienstag. Zu den durch den Krieg ausgelösten Engpässen kommen gravierende Wettereinflüsse in wichtigen Agrar-Anbaugebieten, ergänzte er. So herrschte in großen Teilen Lateinamerikas zuletzt ausgeprägte Dürre.

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    Befürchtet wird auch, dass Probleme bei der Nahrungsmittelversorgung zu soziale Spannungen in Nahost und Nordafrika führen und die politische Lage dort weiter destabilisieren könnten. Allein Ägypten bezieht gut 80 Prozent seines Weizenbedarfs aus Russland und der Ukraine. Die Türkei kauft 65 Prozent des Weizens in Russland ein.

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    Agrarexperten gehen davon aus, dass die Importe aus Russland durch Sanktionen im Westen dauerhaft sinken werden. Die Länder suchen deswegen intensiv nach Ersatz. So bietet sich etwa Rumänien als Lieferant an, nach Frankreich der zweitgrößte Weizen-Exporteur in der Europäischen Union.

    Der Libanon verfügt über Weizenreserven, die nach eigenen Angaben höchstens für einen Monat ausreichen. Das Land bezieht fast 60 Prozent dieses Getreides aus der Ukraine und spricht derzeit mit den USA und Indien über Ersatzlieferungen. Seitdem die wichtigsten Weizensilos bei der riesigen Explosion im Beiruter Hafen 2020 zerstört wurden, hat das Land nur noch sehr beschränkte Lagerkapazitäten.

    In Europa wächst die Inflationsangst

    In Europa werden die massiven Verteuerungen auf den Welt-Agrarmärkten voraussichtlich die Inflation weiter anheizen. Einen Versorgungsengpass fürchten die Behörden hier aber nicht, weil die EU auf eine hohe Eigenversorgung mit Weizen setze, teilte das Bundeslandwirtschaftsministerium mit. Zudem habe die EU-Kommission schon vor dem Krieg in der Ukraine einen Notfallplan für die Versorgungssicherheit ausgearbeitet.

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    Der Deutsche Bauernverband sieht die in der EU benötigten Getreidemengen bisher ebenfalls durch die hohe Eigenversorgung gesichert. Doch der Verband schränkt ein: Dies gelte nur dann auch weiterhin, wenn die Bauern im kommenden Frühjahr ausreichend Düngemittel zur Verfügung haben.

    Aktuell gilt der Düngemittelmarkt als leergefegt, weil die Produktion von vielen Herstellern im zurückliegenden Herbst und Winter gedrosselt wurde. Grund waren die hohen Erdgaspreise, die die Herstellung nicht mehr wirtschaftlich machten. Gas wird zugleich als Rohstoff und Energielieferant bei der Produktion von Düngerprodukten eingesetzt.

    Dazu kommt: Russland ist einer der führenden globalen Hersteller des Düngerrohstoffs Ammoniumnitrat. Das Land hat den Export aber im vergangenen Jahr eingeschränkt und Anfang Februar komplett gestoppt, um die Versorgung der eigenen Landwirtschaft mit Dünger zu sichern.

    Ob der Exportbann der Russen bei diesem Produkt wie bisher vorgesehen am 1. April aufgehoben wird, ist offen. Eine dauerhaft eingeschränkte Belieferung mit Düngemitteln aus Russland empfinden vor allem die lateinamerikanischen Länder als bedrohlich, denn sie beziehen die Nährstoffe für ihre riesigen Agrarflächen vor allem aus russischen Anlagen.

    Das ist ein Grund dafür, warum etwa Brasilien die Sanktionen des Westens gegen Russland nicht unterstützt und eine neutrale Haltung in dem Konflikt einnimmt.

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