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04.03.2019

16:36

Andreas Tostmann im Interview

„Wir müssen zulegen“ – So will der VW-Produktionschef die deutschen Werke effizienter machen

Von: Stefan Menzel

Die deutschen Standorte des Konzerns haben bei der Produktivität Nachholbedarf. Andreas Tostmann kündigt an, die Geschwindigkeit zu steigern.

Der Produktionsvorstand sieht VW unter Zugzwang. Pablo Castagnola

Andreas Tostmann

Der Produktionsvorstand sieht VW unter Zugzwang.

WolfsburgEigentlich weiß Andreas Tostmann sehr genau, wo und wie er etwas verändern muss. Vor zehn Jahren hat der VW-Produktionsvorstand das Vorzeigewerk im slowakischen Bratislava geleitet, wo zugleich VW-, Skoda-, Seat-, Audi- und Porsche-Modelle gefertigt werden. Tostmann muss heute die Produktivitätswerte aus der Slowakei auf die deutschen VW-Werke übertragen.

Ein schwieriges Unterfangen wegen der gewachsenen Strukturen, vor allem im Wolfsburger Stammwerk. Der Produktionsexperte gesteht den Nachholbedarf in der wichtigsten Fabrik des Konzerns unverhohlen ein.

Effizienz und Produktivität sind in den deutschen VW-Fabriken noch viel zu niedrig. „An den deutschen Standorten müssen wir an Geschwindigkeit zulegen“, sagte VW-Produktionsvorstand Andreas Tostmann im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der Aufholbedarf gerade im Stammwerk Wolfsburg lasse sich nicht leugnen, deshalb sei die Steigerung der Produktivität ein „enorm wichtiges Thema in diesem Jahr“.

In den kommenden Jahren will VW die weltweite Golf-Fertigung in Wolfsburg zusammenfassen, das soll ein wesentlicher Faktor zur Steigerung der Effizienz werden. „Die Produktionszahlen werden deutlich nach oben gehen, wenn wir in Wolfsburg die weltweite Fertigung der gesamten Golf-Familie gebündelt haben“, betonte Tostmann.

Wolfsburg solle dadurch zu einem Vorzeigestandort für den Konzern und die gesamte Branche werden. Die jährliche Produktionskapazität würde dadurch von etwa 800.000 auf eine Million Autos steigen.

Vita Andreas Tostmann

Der Manager

Der 56-Jährige gehört bei Volkswagen zu den ausgewiesenen Produktionsexperten. Er hat während der zurückliegenden Jahrzehnte bei Volkswagen vor allem große internationale Erfahrung gesammelt. Der Ingenieur arbeitete für den Konzern in Mexiko, Südafrika, in der Slowakei und in Spanien im Produktionsbereich. Seit einem Jahr ist er Produktionsvorstand von Volkswagen.

Das Unternehmen

Der VW-Konzern hat mit etwa 640.000 Beschäftigten im vergangenen Jahr einen Umsatz von 235 Milliarden Euro und einen operativen Gewinn von rund 14 Milliarden Euro erreicht. Volkswagen hat sich zwar zum Weltkonzern gewandelt, doch die Belegschaft konzentriert sich immer noch sehr stark auf Deutschland. Allein in den deutschen VW-Fabriken (ohne Audi und Porsche) arbeiten etwa 120.000 Menschen.

Volkswagen wird dafür auch die Nordamerika-Produktion des Golf aus dem mexikanischen Werk Puebla nach Wolfsburg verlegen. Damit würden die künftig in Wolfsburg produzierten Golf-Fahrzeuge auch neuen US-Einfuhrzöllen unterliegen, sollte sich die Regierung in Washington zur Einführung von Zöllen entscheiden.

„Unter den Zöllen würden unsere amerikanischen Kunden leiden. Gerade beim Golf GTI haben wir dort eine treue Fangemeinde“, sagte Produktionsvorstand Tostmann.

Lesen Sie hier das vollständige Interview mit Andreas Tostmann:

Im VW-Stammwerk Wolfsburg sind im vergangenen Jahr nur 700.000 Autos gefertigt worden, etwa 100.000 weniger als 2017. Was hat zu diesem Rückgang geführt?
Ich würde nicht sagen „nur“. Wir haben vielmehr einiges erreicht: Die Tiguan-Fertigung läuft hervorragend. Außerdem haben wir Wolfsburg im vergangenen Jahr zu einem Mehr-Marken-Werk ausgebaut: mit der Integration des neuen Seat-SUV „Tarraco“. Beim Golf befinden wir uns in einer völlig normalen Übergangsphase, weil in der zweiten Jahreshälfte die Produktion der achten Modellgeneration beginnt.

Grafik

Die Stückzahlentwicklung bewegt sich im Rahmen unserer Planungen, die über den Ende 2016 abgeschlossenen Zukunftspakt auch mit der Arbeitnehmerseite abgesprochen sind. Die Produktionszahlen werden deutlich nach oben gehen, wenn wir hier in Wolfsburg die weltweite Fertigung der gesamten Golf-Familie gebündelt haben, das wird die wesentliche Veränderung sein.

Sind Sie mit 700.000 Autos in Wolfsburg profitabel?
Wir sind noch nicht da, wo wir hin wollen, wir haben noch einiges zu leisten in Richtung Produktivität und in Sachen Effizienz. Der Aufholbedarf in Wolfsburg lässt sich nicht leugnen, deshalb ist die Steigerung der Produktivität ein enorm wichtiges Thema in diesem Jahr. Da haben wir noch ein ganzes Stück Arbeit vor uns, aber es bewegt sich schon etwas.

Hat Ihnen das neue Zulassungsverfahren nach WLTP den starken Rückgang im vergangenen Jahr beschert?
WLTP hat nicht nur bei uns dazu geführt, dass es insbesondere im zweiten Halbjahr volatiler zuging. Wir mussten Tausende Autos vorproduzieren, das hat das Produktionsnetzwerk natürlich belastet. Trotzdem müssen wir unsere Produktivität bringen, jetzt auf Basis einer stabilisierten Produktion.

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Ende 2019 rollt mit dem I.D. das erste Modell der elektrisch angetriebenen Modellfamilie an. Die neuen Autos sollen den Konzern grundlegend verändern.

Die Marke VW soll nun schon bis 2022 auf eine operative Rendite von sechs Prozent kommen? Sind die 700 000 im vergangenen Jahr in Wolfsburg produzierten Autos dann nicht doch ein Rückschritt?

Ich kann es nur noch einmal sagen: Beim Volumen bewegen wir uns im Rahmen der Planungen. Wir wollen Wolfsburg künftig zu einem Vorzeigestandort machen. Wenn die Golf-Produktion in Wolfsburg gebündelt wird und unsere Prozesse effizienter werden, lässt sich dieses Ziel erreichen. Das ist ein wesentlicher Beitrag, der uns helfen wird.

Wie sieht es kurzfristig in diesem Jahr aus? Zusätzliche Schließtage sind bereits angesetzt worden, wird es noch mehr davon geben?
Unsere Produktionspläne stellen wir in Abhängigkeit von den Marktgegebenheiten auf, für den Februar sind wir damit fertig. Wie sich die Nachfrage weiterentwickeln wird, das werden wir im Lauf des Jahres sehen. Ich erwarte, dass wir 2019 weitestgehend stabile Stückzahlen erreichen werden.

Setzt Ihnen aktuell außer der Umstellung auf den neuen Golf auch eine nachlassende Konjunktur zu?
Natürlich wirkt sich auch die wirtschaftliche Situation aus. Der Brexit ist ein Thema für uns, doch zum Glück gibt es noch 49 andere Länder außer Großbritannien, für die wir in Wolfsburg produzieren. Beim Punkt WLTP sind wir deutlich besser aufgestellt als vor einem Jahr.

Wie stark belastet der Modellwechsel beim Golf? Das alte Modell fällt stark herunter?
Ich würde nicht sagen, dass der Golf 7 herunterfällt. Wir sind im Generationswechsel. Das Auto ist nach wie vor wunderbar und attraktiv für den Markt. Golf 7 und 8 werden im nächsten Jahr parallel gebaut – weil das neue Modell nicht gleich in jedem Land auf der Welt gleichzeitig eingeführt werden kann.

Der Aufholbedarf in Wolfsburg lässt sich nicht leugnen. Andreas Tostmann – VW-Produktionsvorstand

Beim neuen Golf 8 gibt es größere Probleme mit der Elektronik, der Produktionsanlauf verzögert sich. Was sind die Gründe?
Wir sind mit dem Fahrzeug im Vorserienprozess, also am Ende der Entwicklungsphase. Das erfordert einiges an Kraft und Aufwand. Ich bin da zuversichtlich, was den weiteren Verlauf in diesem Jahr betrifft. Wir stehen dazu, dass wir im zweiten Halbjahr mit der Produktion des neuen Golfs beginnen werden. Die Elektronik ist eine Herausforderung, der wir uns aktuell stellen.

In der Golf-Produktion haben Sie eine Schicht herausgenommen. Sie sagen, Sie wollen damit produktiver werden. Unter dem Strich werden weniger Autos gebaut?
Nein, dem ist nicht so. Die Zahl der produzierten Autos bleibt auf dem gleichen Niveau, wir reduzieren das nicht. Wir haben unsere Prozesse optimiert und produzieren jetzt effizienter. In zwei Schichten werden wir genauso viele Autos fertigen wie vorher mit drei. Ein Personalabbau ist damit nicht verbunden, weil die frei werdenden Mitarbeiter in anderen Bereichen des Werkes eingesetzt werden können.

2018 sind in Wolfsburg erstmals mehr Tiguan- als Golf-Modelle gefertigt worden. Ist das eine Ausnahme, oder lässt der Golf dauerhaft nach?
Wir sehen natürlich generell eine Bewegung hin zu den SUVs, das ist in allen Modellsegmenten sichtbar und spürbar. Doch der neue Golf 8 wird der VW-Tradition entsprechend wieder ein sehr erfolgreiches Modell werden, daran gibt es für mich keine Zweifel. Der Golf wird gerade im Stammwerk in Wolfsburg seine große Bedeutung behalten.

Es sind aber keine normalen Zeiten mehr: Volkswagen propagiert selbst den Wechsel zur Elektromobilität. Könnte das nicht auch eine Gefahr für den Golf sein?
Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor werden auch die nächsten Jahre noch ein wichtiger Teil unseres Produktportfolios sein. Die Kundennachfrage nach Elektrofahrzeugen entwickelt sich gerade. Das hängt auch von äußeren Faktoren wie der Infrastruktur ab.

Das Stammwerk des VW-Konzerns fertigt mittlerweile für mehrere Marken. AFP

Produktion des Seat Tarraco in Wolfsburg

Das Stammwerk des VW-Konzerns fertigt mittlerweile für mehrere Marken.

Wolfsburg wird zunächst keine Elektroautos produzieren. Müssen Sie da nicht eine Alternativplanung in der Schublade haben?
Die Werke in Zwickau, Emden und Hannover werden jetzt im ersten Schritt auf Elektroautos umgestellt. Entscheidend wird die Nachfrage sein. Ist der Bedarf da, sind auch an anderen Standorten Umstellungen denkbar.

Müssen Sie wegen der neuen Elektrowelt in der Produktion flexibler werden? Werden die tradierten Modellzyklen kürzer?
Allein die Digitalisierung der Fahrzeuge wird uns zu mehr Flexibilität zwingen, dieser Herausforderung müssen wir uns stellen. Das Auto selbst wird digitaler, aber auch die Prozesse, also die Abläufe in der Produktion. Da haben wir noch einiges an Transformation vor uns, gerade auch in der Belegschaft.

In der Fertigung im Wolfsburger Werk arbeiten heute noch etwa 20.000 Menschen. Wird sich diese Zahl in den kommenden Jahren verringern?
Erst einmal müssen wir zusehen, dass wir uns produktiver aufstellen, damit wir den Anschluss an die Zukunft schaffen. Was einen Stellenabbau betrifft, da haben wir unsere Verabredungen mit der Arbeitnehmerseite. Einen Stellenabbau wird es nur sozialverträglich geben, entlang der demografischen Kurve, also vor allem begleitet von Altersteilzeit und Vorruhestand. Das erlaubt uns ein großes Maß an Flexibilität.

Allein die Digitalisierung der Fahrzeuge wird uns zu mehr Flexibilität zwingen. Andreas Tostmann – VW-Produktionsvorstand

Wenn Sie von mehr Produktivität und Flexibilität sprechen: Was ist dabei eine zentrale Aufgabe?
Ganz wichtig ist die nacharbeitsfreie Produktion. Trotz hoher Qualitätsstandards müssen wir fertige Autos hinterher immer noch kontrollieren und gegebenenfalls nachjustieren. Es würde eine große Ersparnis bedeuten, wenn wir diese Nacharbeit nicht mehr bräuchten.

Hätte Volkswagen mit dem Schwenk hin zu mehr Produktivität nicht schon viel früher beginnen müssen? Konkurrenten wie PSA sind da weiter.
Wir können schon einige Erfolge nachweisen. Aber vor allem an den deutschen Standorten müssen wir an Geschwindigkeit zulegen – und wir haben jetzt einen guten Plan. Für so etwas ist es nie zu spät, es bewegt sich etwas. Das machen wir im Übrigen zusammen mit dem Sozialpartner, mit der Belegschaft.

Weil allen klar geworden ist: Es muss etwas passieren?
Das sich schnell wandelnde Umfeld spielt eine große Rolle dabei. In dieser Umgebung werden unsere Renditen aus der Vergangenheit nicht ausreichen. Schon das Beispiel Toyota zeigt, dass man bei ähnlicher Größe eine höhere Rendite schaffen kann.

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Wann wird das zusätzliche Golf-Volumen aus Zwickau und Nordamerika in Wolfsburg ankommen?
Das geht Schritt für Schritt über mehrere Jahre. Wir werden damit 2020 anfangen, dann läuft in Zwickau die Fertigung der Elektroautos hoch. Wenn das ältere Modell des Golfs in Nordamerika ausläuft, werden wir die Produktion auf der anderen Seite des Atlantiks einstellen. Der neue Golf 8 für Nordamerika wird dann in Wolfsburg gefertigt.

Ist das angesichts der drohenden US-Zölle noch eine gute Entscheidung?
Volkswagen, als Teil der Automobilindustrie mit langfristigen Investitions-, Produkt- und Produktionszyklen ist generell auf verlässliche internationale Rahmenbedingungen angewiesen. Als weltweit agierendes Unternehmen unterstützt Volkswagen den freien und fairen Handel, da er die Basis für Wohlstand, Beschäftigung und Wachstum bei allen Beteiligten ist.

Die Erfahrung zeigt: Einseitiger Protektionismus hat langfristig niemandem geholfen. Unter den Zöllen würden unsere amerikanischen Kunden leiden. Gerade beim Golf GTI haben wir dort eine treue Fangemeinde.

Damit wollen Sie dann die jährliche Produktion in Wolfsburg auf eine Million hochschrauben?
Die weltweite Zusammenfassung der Golf-Fertigung ist der wesentliche Hebel, das stimmt. Wir planen, diese Volumensteigerung in den nächsten Jahren zu erreichen. Wolfsburg ist seit letztem Jahr ein Mehrmarkenwerk. Das steigert die Flexibilität des Standorts deutlich.

Kommen noch andere Konzernmarken nach Wolfsburg?
Synergien können wir im gesamten Konzern nutzen. Der Seat Tarraco ist ein erstes Beispiel. Solch eine Mehrmarkenproduktion wird künftig viel normaler werden.

Eine Steigerung der Beschäftigungszahlen wird es trotzdem nicht geben, oder?
An dieser Stelle mache ich keine Prognose. Entsprechend den Marktbedingungen werden wir reagieren. Jetzt geht es vor allem darum, produktiver, effizienter und schneller zu werden.

Herr Tostmann, vielen Dank für dieses Interview.

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