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04.01.2022

18:58

Arzneimittelindustrie

Strategie der Pharmakonzerne: Volle Konzentration auf das Kerngeschäft

Von: Siegfried Hofmann, Maike Telgheder

Wandel durch Abspaltungen: Mit einer Serie von Spin-offs konzentrieren sich Konzerne auf das innovative Pharmageschäft – und legen zugleich den Grundstein für die nächste Übernahmewelle.

Das Innovationspotenzial der Branche hat sich im Laufe der letzten Dekade stetig verbessert. picture alliance / Cultura / Ima

Im Labor

Das Innovationspotenzial der Branche hat sich im Laufe der letzten Dekade stetig verbessert.

Frankfurt Mit der Coronapandemie hat der Strukturwandel in der Pharmaindustrie neuen Schwung bekommen. Anders als in der Vergangenheit wird die Neuordnung der Branche nun jedoch weniger durch große Übernahmen oder Fusionen geprägt.

Vielmehr ist der Wandel durch größere Abspaltungen gezeichnet – und die Strategie der Big-Pharmakonzerne, sich stärker auf das innovative Pharmageschäft zu konzentrieren.

Diese Pläne und die dadurch gestärkten Finanzressourcen der Konzerne könnten nach der Einschätzung von Experten den Weg für eine größere Übernahmewelle in den nächsten zwei Jahren ebnen, insbesondere im Biotech-Sektor.

Allein in diesem und dem kommenden Jahr stehen bereits drei große Spin-offs fest: Zum einen planen sowohl die britische Glaxo-Smithkline als auch der US-Konzern Johnson & Johnson die Verselbstständigung ihrer umsatzstarken Consumer-Health-Sparten, also ihres Geschäfts mit rezeptfreien Gesundheitsprodukten.

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    Zum anderen bereitet der Schweizer Novartis-Konzern die Trennung von seiner Generikatochter Sandoz vor. Bereits vollzogen hat Novartis den Verkauf einer Beteiligung am heimischen Rivalen Roche für gut 20 Milliarden Dollar. Spekuliert wird auch darüber, dass Sanofi über kurz oder lang den Rückzug aus dem Consumer-Geschäft einleiten könnte.

    Der Konzern plant die Verselbstständigung seiner umsatzstarken Consumer-Health-Sparte. Reuters

    Hauptsitz des Pharmakonzerns Glaxo Smith Kline

    Der Konzern plant die Verselbstständigung seiner umsatzstarken Consumer-Health-Sparte.

    In all diesen Fällen wird es auf Verkäufe oder Spin-offs im deutlich zweistelligen Milliardenvolumen hinauslaufen. Die Consumer-Sparten von GSK und Johnson & Johnson werden von Analysten auf Bewertungen von gut 50 Milliarden Dollar eingeschätzt. Die Generikafirma Sandoz könnte Novartis im Falle eines Verkaufs weitere mehr als 20 Milliarden Dollar in die Kasse spülen. Ähnliches dürfte für die Consumer-Sparte von Sanofi gelten, sollte sich der Pariser Konzern zur Trennung entschließen.

    Die geplanten Spin-offs und Desinvestitionen läuten das vorläufig letzte Kapitel in einem Strukturwandel ein, der bereits in den 90er-Jahren mit der Zerschlagung großer Chemie-Pharma-Konglomerate wie etwa der Konzerne Hoechst, ICI, Rhone-Poulenc und Ciba-Geigy begann und nachfolgend zu zahlreichen Großfusionen und Übernahmen im Pharmasektor führte.

    Rückzug aus Randaktivitäten

    Parallel zu den Übernahmen zogen sich viele Pharmafirmen nach und nach aus den Randaktivitäten im Gesundheitsbereich zurück. Die US-Konzerne Pfizer und Eli Lilly etwa brachten in den letzten Jahren ihre Tierarzneisparten als eigenständige Firmen unter den Namen Zoetis und Elanco an die Börse.

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    Novartis verselbstständigte 2019 seine Augenheilkunde-Tochter Alcon 2019, nachdem der Konzern sich zuvor bereits von Aktivitäten wie Tiermedizin, Diagnostik und Selbstmedikation verabschiedet hatte. Firmen wie Bristol-Myers Squibb, Merck oder Boehringer trennten sich bereits in den 2010er-Jahren von ihren Consumer-Sparten.

    Die US-Konzerne Pfizer und Merck & Co. gingen in den letzten beiden Jahren sogar noch einen Schritt weiter, indem sie sich auch von größeren Teilen ihres angestammten, aber bereits patentfreien Arzneimittel-Geschäfts trennten. Pfizer formte dazu mit seiner Tochtergesellschaft Upjohn und dem Generikahersteller Mylan die eigenständige Pharmafirma Viatris.

    Merck & Co. platzierte die Firma Organon an der Börse. Pharmafirmen wie etwa Astra-Zeneca oder Roche haben sich im Zuge kleinerer Deals von diversen Altprodukten getrennt. Etwa zwei Drittel der 20 weltweit führenden Arzneimittelhersteller präsentieren sich daher inzwischen als ausschließliche Pharmafirmen mit starker Konzentration auf innovative und patentgeschützte Medikamente.

    Mehrere Faktoren treiben den Strukturwandel an: Zum einen entpuppte sich die Diversifikation innerhalb des Gesundheitssektors für die meisten Akteure als nur mäßig erfolgreich. Investoren drängen schon seit Längerem auf eine stärkere Fokussierung.

    Im Consumergeschäft wurden die Großkonzerne zum Teil durch kleinere lokale Konkurrenten gebremst, die sich neue Möglichkeiten im Onlinevertrieb zunutze machten. Im Generikageschäft sorgt starker Preisdruck bei patentfreien Wirkstoffen auf dem US-Markt seit einigen Jahren bereits für erhebliche Einbußen.

    Zum anderen hat sich das Innovationspotenzial der Branche aufgrund wissenschaftlicher Fortschritte im Laufe der letzten Dekade stetig verbessert. Neue Produktklassen und Therapiekonzepte wie etwa bispezifische Antikörper, Zelltherapien oder auch die mRNA-Technologie, die in Corona-Impfstoffen zum Einsatz kommt, bieten die Perspektive, die Produktentwicklung breiter aufzustellen und zu beschleunigen.

    Innovationsstrategien sind insofern attraktiver geworden, stellen allerdings auch höhere finanzielle Anforderungen – zumal ein großer Teil der Innovationen letztlich nur über Allianzen oder Zukäufe im Biotech-Sektor realisiert werden kann.

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    „Wenn ein Unternehmen breit aufgestellt ist, braucht es eine entsprechende Kapitalstruktur, um in allen Geschäftsbereichen ausreichend investieren zu können, damit es im Wettbewerb erfolgreich mithalten kann. Wenn das so nicht zu leisten ist, kann eine Abspaltung auch den renditeschwächeren Unternehmensteilen möglicherweise bessere Entwicklungschancen eröffnen“, sagt KPMG-Partner und Branchenexperte Christian Klingbeil.

    Wachsende Finanzkraft

    Gleichzeitig verschaffen sich die Konzerne mit der Fokussierung auch Spielraum für Investitionen und Akquisitionen im innovativen Kerngeschäft. Experten sehen in der aktuellen Spin-off-Welle daher bereits den Keim einer neuen Übernahmewelle.

    Konzerne wie Johnson & Johnson, Pfizer, Novartis und möglicherweise auch Glaxo-Smithkline steuern mit den geplanten Devestitionen auf positive Cash-Positionen zu und erwirtschaften zudem auch im operativen Geschäft zum Teil sehr hohe freie Cashflows.

    Experten von SVB Leerink gehen davon aus, dass diese Firmen im laufenden Jahr über eine Feuerkraft von jeweils mehr als 100 Millionen Dollar für mögliche Übernahmen verfügen werden. Vor allem Pfizer gilt als prädestiniert für größere Deals.

    Denn der Konzern ist noch mit einem Drittel am Consumer-Geschäft von GSK beteiligt und dürfte im laufenden Jahr sehr hohe Erträge aus dem Geschäft mit dem von Biontech entwickelten Covid-Impfstoff sowie mit seinem Covid-Medikament Paxlovid einfahren.

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