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16.02.2022

12:48

Autobauer

Chipmangel hält an: VW will Nachtschichten streichen

Von: Stefan Menzel

Der Chipmangel wird bei Volkswagen in diesem Jahr nicht aufhören. Zur Verärgerung des Betriebsrats sollen deshalb Schichten wegfallen – und damit auch Gehälter.

VW: Chipmangel hält an – VW will Nachtschichten streichen dpa

VW-Werk in Wolfsburg

An drei von vier Montagelinien sollen die Nachtschichten wegfallen, weil Chips fehlen.

Wolfsburg Im vergangenen November wollte VW-Konzernchef Herbert Diess erst gar nicht an der Betriebsversammlung im Wolfsburger Stammwerk teilnehmen und zog damit den Zorn der Arbeitnehmer auf sich. Die Teilnahme an der ersten Betriebsversammlung des neuen Jahres ist hingegen eine Selbstverständlichkeit für den Vorstandsvorsitzenden geworden. Diess bedankte sich für die Einladung. „Ich finde es gut, dass wir uns schon so früh im Jahr hier treffen und austauschen“, sagte er am Mittwoch in Wolfsburg.

Betriebsrat und Topmanagement suchen nach den Auseinandersetzungen des vergangenen Jahres jetzt nach einem neuen Ausgleich. Konzernchef Diess hatte die Arbeitnehmerseite gegen sich aufgebracht, weil er im Herbst den Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen ins Gespräch gebracht hatte. Fast hätte er darüber seinen Chefposten verloren. Nachdem Diess auf eine Reihe von Zuständigkeiten verzichtet hatte, stimmten die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat einer weiteren Zusammenarbeit mit ihm zu.

Gleichwohl ist die aktuelle Situation in Wolfsburg auch jetzt konfliktgeladen. Dafür sorgt der anhaltende Chipmangel im Volkswagen-Stammwerk.

Im vergangenen Jahr waren dort knapp 400.000 Autos produziert worden, nur ungefähr die Hälfte der möglichen Kapazität und so wenig wie seit den 50er-Jahren nicht mehr. Für dieses Jahr hat das Unternehmen eine leichte Steigerung angekündigt, 570.000 Autos sollen demnach in Wolfsburg produziert werden.

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    Der Betriebsrat stimmt die Mitarbeiter auf schwierige Zeiten ein. „Volkswagen und unser Stammsitz Wolfsburg sind in einer schweren Krise“, sagte die Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo. Die nächsten Monate würden für die Belegschaft hart. „Sie werden uns viel abverlangen und sie erfordern unsere ganze Kraft“, ergänzte sie.

    Tausende VW-Beschäftigte müssen mit Einbußen rechnen

    Dabei geht es ganz konkret ums Geld. Weil die vollständige Auslastung des Wolfsburger Stammwerks wegen fehlender Chips auch für längere Zeit nicht garantiert werden kann, will der Vorstand zum Frühsommer das komplette Schichtsystem umstellen. Die wichtigste Veränderung: An drei von vier Montagelinien sollen die Nachtschichten gestrichen werden.

    In Wolfsburg arbeiten etwa 13.000 Beschäftigte in der Fahrzeugproduktion. Etwa die Hälfte davon müsste mit finanziellen Einbußen rechnen, wenn die Nachtschichten wie geplant gestrichen werden. Im Einzelfall machen die Nachtzuschläge mehrere hundert Euro im Monat aus.

    Daniela Cavallo will für die betroffenen Beschäftigten finanzielle Abhilfe für die wegfallenden Nachtzuschläge aushandeln, zumindest teilweise. „Ich fordere einen Ausgleich, der diese Verluste abfedert“, sagte sie auf der Betriebsversammlung. Die Mitarbeiter in Wolfsburg seien für den Chipmangel nicht verantwortlich, das sei Aufgabe des Managements. Die Premiummarken Porsche und Audi seien innerhalb des VW-Konzerns vorrangig mit Halbleitern bedient worden – zulasten der Volkswagen-Beschäftigten wie etwa in Wolfsburg.

    Die Vorsitzende des Betriebsrats ist auch selbst unter Druck. Sie muss beweisen, dass sie in den Verhandlungen mit dem Unternehmen etwas für die Mitarbeiter herausholt. Erst im vergangenen Mai hatte sie als Nachfolgerin von Bernd Osterloh die Führung des Betriebsrats übernommen. Im März stehen auch in Wolfsburg die turnusmäßigen Betriebsratswahlen an. Besonders viele Oppositionskandidaten, auch aus den eigenen Reihen der IG Metall, fordern Daniela Cavallo dieses Mal heraus.

    Die Betriebsratschefin Daniela Cavallo muss sich in diesem Jahr gegen mehrere Gegenkandidaten behaupten. dpa

    Betriebsversammlung bei Volkswagen

    Die Betriebsratschefin Daniela Cavallo muss sich in diesem Jahr gegen mehrere Gegenkandidaten behaupten.

    In seiner Antwort ging Konzernchef Diess nicht auf die Wünsche nach einem finanziellen Ausgleich für die wegfallenden Nachtzuschläge ein. Dass die Lage angespannt bleibt, bestätigte allerdings auch er. „Kapazitätsanpassungen sind erforderlich, auch mittelfristig“, sagte Diess. Der Vorstandschef will den Beschäftigten auch Hoffnung mit auf den Weg geben. „Wir sehen gerade für die zweite Jahreshälfte Chancen für weitere Produktionssteigerungen“, so Diess.

    Der Vorstandschef vermied in seiner Ansprache an die Belegschaft jede Konfrontation. Im Unterschied zum Herbst vergangenen Jahres war auch keine Rede davon, dass in Wolfsburg ein weiterer Stellenabbau anstehen könnte.

    Diess sprach lieber von den jüngsten Verkaufserfolgen des Konzerns. „Die Volkswagen-Gruppe ist in Topform“, meinte der Vorstandschef. Insbesondere bei den neuen Elektroautos könnten sich die Absatzzahlen sehen lassen.

    Diess sieht das Unternehmen und insbesondere den Stammsitz Wolfsburg auf dem richtigen Weg. Dazu trügen das geplante Entwicklungszentrum und der Bau einer komplett neuen Montagefabrik für die künftige elektrische „Trinity“-Modellreihe bei.

    Die neue VW-Fabrik könnte in der Nähe des Stammwerks entstehen. dpa

    Volkswagen-Gelände in Wolfsburg

    Die neue VW-Fabrik könnte in der Nähe des Stammwerks entstehen.

    „Wir haben letztes Jahr viele Weichen dafür gestellt, dass der Standort wieder zum Kraftzentrum des Konzerns wird. Es geht um Investitionen in Milliardenhöhe“, betonte Diess. Bis zum Jahr 2030 werde Wolfsburg damit zukunftssicher, „wenn wir uns richtig reinhängen“.

    Eine weitere Auseinandersetzung zwischen Vorstand und Arbeitnehmern ist auf dieser Betriebsversammlung ausgeblieben. Doch so mancher meint, dass dieser Burgfriede nur bis zu den Betriebsratswahlen im März hält. „Ich traue der Ruhe nicht“, sagte ein Mitglied des Aufsichtsrats. „Es gibt noch genug Themen mit Sprengkraft“, ergänzte ein Topmanager.

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