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13.06.2019

13:36

Autobauer

Der warnende Appell des VW-Chefs: Diess sieht gewaltige Einsparmöglichkeiten

Von: Stefan Menzel

Bei Volkswagen arbeiten die Konzernmarken nicht eng genug zusammen. Der Vorstandsvorsitzende ermahnt die Chefs der Tochtermarken.

VW-Chef Herbert Diess sieht Sparmöglichkeiten in Milliardenhöhe AP

Herbert Diess

Der VW-Vorstandschef appelliert an alle Konzerntöchter: Ein intensivere Zusammenarbeit im Unternehmen bringt Ersparnisse in Milliardenhöhe.

DüsseldorfIn der gesamten Volkswagen-Gruppe wird nicht eng genug miteinander kooperiert. Die Kosten ließen sich deutlich senken, wenn einzelne Töchter Markenegoismen aufgäben und eine stärkere Zusammenarbeit untereinander pflegen würden.

Diesen Appell richtete Konzernchef Herbert Diess am Donnerstag an das Topmanagement der Gruppe. Bis zum Freitag kommen die 500 wichtigsten Führungskräfte des VW-Konzerns in Wolfsburg zur „Global Top Management Conference“ am niedersächsischen Stammsitz des Unternehmens zusammen.

„Dieser Konzern hat noch ein Riesenpotenzial. Bei der Nutzung der Plattformen, bei der Senkung der Materialkosten, in der Bündelung der Software-Entwicklung. Es liegt an uns als Führungsteam, diese Chancen zu nutzen, die Synergien endlich konsequent zu heben“, betonte Diess vor den Topmanagern des Konzerns.

An der Börse bekomme die gesamte VW-Gruppe diese Unzulänglichkeiten jeden Tag zu spüren. „Unsere Unternehmensbewertung ist deutlich zu niedrig“, kritisierte Diess. Die Volkswagen-Aktie werde an den Finanzmärkten nur mit dem knapp Fünffachen des operativen Gewinns gehandelt. Das sei deutlich unter dem Dax-Durchschnitt. Im wichtigsten Frankfurter Aktienindex sind die größten deutschen Konzerne vertreten.

Diess appellierte an das eigene Topmanagement, für eine bessere Marktkapitalisierung zu sorgen. „Nicht aus Selbstzweck. Ein hoher Börsenwert reflektiert natürlich die Ertragsstärke und Finanzkraft, aber eben auch die Zukunftsfähigkeit“, sagte der VW-Vorstandschef.

Die eigene Aktie sei eine wichtige Akquisitionswährung in der bevorstehenden nächsten Konsolidierungsrunde in der Automobilindustrie. Zuletzt hatte es intensive Fusionsgespräche zwischen Fiat-Chrysler und Renault gegeben, die allerdings nach einigen Wochen wieder abgebrochen wurden.

Eine besondere Notwendigkeit, für mehr Synergien zu sorgen, sah Diess bei der eigenen Premiumtochter aus Ingolstadt. „Audi muss sehr viel mehr Synergien im Konzern heben“, betonte Diess. Mit Porsche gebe es zwar bereits das Projekt für eine gemeinsame Elektroplattform (konzerninterne Abkürzung: PPE), doch das reiche bei weitem nicht aus. Die Abstimmung und Zusammenarbeit zwischen den Marken sei ein zentraler Erfolgsfaktor, Audi besitze ein „riesiges Potenzial“.

Ineffiziente Verwaltung

Mängel erkannte Diess bei der Marke Volkswagen, insbesondere in deren Verwaltung. „Dort arbeiten wir noch sehr ineffizient, wir stagnieren“, betonte Diess. Erst vor einer Woche hatte der Konzern bekannt gegeben, dass vor allem am Stammsitz in Wolfsburg in den kommenden vier Jahren bis zu 4000 Stellen in der Verwaltung gestrichen werden sollen. Volkswagen will das durch eine stärkere Digitalisierung der internen Verwaltungsabläufe erreichen.

Doch Diess sparte auch die VW-Fabriken nicht mit Kritik aus. „In manchen Werken haben wir bisher kaum nennenswerte Produktivitätssteigerungen erreichen können“, meinte er. Der VW-Chef erwähnte zwar keine Beispiele, doch dürfte er dabei vor allem an die deutschen Standorte gedacht haben. Wenn die Marke VW insgesamt produktiver arbeiten würde, sei eine Renditesteigerung von bis zu zwei Prozentpunkten möglich.

Bis zum Jahr 2025 will der VW-Konzern eine Kapitalrendite von mehr als 15 Prozent erreichen. Aktuell liegt der Wolfsburger Autohersteller mit dieser Zielsetzung noch deutlich im Hintertreffen. Für das Geschäftsjahr 2018 verbuchte der Konzern eine Kapitalrendite von elf Prozent.

Aus Sicht des Vorstandsvorsitzenden gibt es bei Volkswagen noch andere Bereiche, in denen der Konzern besser werden müsse. Aktuell seien die Überschneidungen bei einzelnen Töchtern zu groß. „Wir werden stärker differenzieren und die Schnittmengen zwischen den Marken zurückfahren“, kündigte Diess an.

Damit sei eine deutliche Steigerung der einzelnen Markenwerte erreichbar. Als schwierig gilt etwa das interne Verhältnis zwischen der Marken Volkswagen und Skoda, die beim Modellportfolio vergleichsweise dicht beieinander liegen.

Wesentlich für den gesamten Konzern sei die geplante Zusammenarbeit mit Ford, so Diess. Volkswagen und der US-Konzern wollen zunächst gemeinsam leichte Nutzfahrzeuge produzieren. In einem zweiten Schritt soll es auch eine Zusammenarbeit beim autonomen Fahren geben. Zudem wird bei Ford darüber nachgedacht, die neue Elektroplattform MEB des Volkswagen-Konzerns zu nutzen. „Die Kooperationsgespräche laufen gut und stehen kurz vor dem Abschluss“, betonte der VW-Chef.

Die Ford-Partnerschaft sei für den Volkswagen-Konzern „geostrategisch von überragender Bedeutung“. Ohne ein starkes Engagement in den USA drohe VW die Gefahr, „in den weltweiten Handelskonflikten in eine ausweglose Situation zu geraten“.

Rote Zahlen in den USA

Volkswagen sei heute ein sehr stark chinesisch geprägtes Unternehmen, etwa 40 Prozent seiner Fahrzeuge verkauft der Konzern in der Volksrepublik. VW brauche dazu das Gegengewicht in den USA. Die Marke Volkswagen schreibt auf dem amerikanischen Markt unverändert rote Zahlen. Ford soll dabei helfen, in die Gewinnzone zu kommen.

Als eine der wichtigsten Aufgaben der kommenden Jahre wertete es Diess, aus dem VW-Konzern auch ein Software-Unternehmen zu machen. „Das Auto wird zum Software-Produkt – eine Entwicklung weit radikaler und für uns noch herausfordernder als die Elektrifizierung der Antriebsstränge“, betonte er. Bis zum Jahr 2025 sollen alle neuen Fahrzeugmodelle konzernweit auf einer eigenen Software-Plattform laufen. Das würde wiederum Synergien im Milliardenvolumen möglich machen.

Diess erwartete, dass das Thema Klimaschutz für einen Autohersteller wie Volkswagen immer bedeutender wird. „Das Thema entscheidet inzwischen Wahlen, wie zuletzt die Europawahl in Deutschland“, folgerte der VW-Chef. Deshalb gebe es keine Alternative zur Elektrifizierungsstrategie des Konzerns, mit der Volkswagen bis zum Jahr 2050 ein komplett klimaneutrales Unternehmen werden will.

Der Druck nehme auf alle Unternehmen zu, sich stärker umweltgerecht zu verhalten. „Wir sind sicher, dass die Dekarbonisierungsstrategie von Volkswagen langfristig zum Wettbewerbsvorteil wird“, betonte Diess. Der Konzern besitze in dieser Hinsicht eine bessere Basis als die meisten Wettbewerber. „Wir werden die Transformation insgesamt besser meistern.“

Mehr: Der globale Autoabsatz dürfte dieses Jahr deutlich schrumpfen, prognostiziert das CAR-Institut. Besonders den deutschen Herstellern drohen dadurch Einbußen.

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