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12.03.2019

12:50

Autobauer

Renault, Nissan und Mitsubishi stellen ihre Allianz neu auf

Von: Martin Kölling

Eine Fusion der Autogruppe ist vertagt. Stattdessen beschwört der Bund mit einer neuen Führungsstruktur den Geist einer gleichberechtigten Partnerschaft.

Jean-Dominique Senard (zweiter von links), Verwaltungsratschef von Renault, führt das Bündnis künftig gemeinsam mit Renault-Chef Thierry Bolloré (links), Nissan-Chef Hiroto Saikawa (zweiter von rechts) und Mitsubishi-Chef Osamu Masuko. Bloomberg

Neue Führung für die Auto-Allianz

Jean-Dominique Senard (zweiter von links), Verwaltungsratschef von Renault, führt das Bündnis künftig gemeinsam mit Renault-Chef Thierry Bolloré (links), Nissan-Chef Hiroto Saikawa (zweiter von rechts) und Mitsubishi-Chef Osamu Masuko.

TokioVon dem Streit um Carlos Ghosn, um eine mögliche Fusion und um Kapitalbeteiligungen war an diesem Dienstag nichts zu spüren: Die Chefs von Renault, Nissan und Mitsubishi Motors inszenierten in der Nissan-Zentrale in Tokio Eintracht und Zuversicht. Renaults Verwaltungsratschef Jean-Dominique Senard präsentierte lächelnd die neue Führungsstruktur der zweitgrößten Autogruppe der Welt: ein vierköpfiges Gremium soll die Allianz künftig leiten.

„Es ist ein ganz besonderer Tag für die Allianz“, sagte Senard, ein „neuer Start“. Vorbei ist die Zeit, in der Carlos Ghosn die Hersteller in Personalunion führte. Von nun an wollen die drei Konzernchefs mit Senard als Vorsitzenden im Konsens entscheiden, wohin die Fahrt geht.

Außerdem erklärte Senard seinen Verzicht auf den Verwaltungsratsvorsitz von Nissan, den Renault ursprünglich beansprucht hatte. Stattdessen wird er Vize-Vorsitzender „mit allen notwendigen Befugnissen“, wie er sagte.

Nissan-Chef Hiroto Saikawa begleitete Senards Ausführungen mit einem breiten Grinsen; Renault-Chef Thierry Bolloré und Osamu Matsuko von Mitsubishi nickten meist zustimmend. Besonders Saikawa wirkt gelöst. Und tatsächlich hat Ghosn Nachfolger als Nissan-Chef allen Grund zur Freude. Die knapp einseitige Absichtserklärung, die die drei Unternehmen unterzeichneten, kommt einem Burgfrieden gleich, der die Allianz vor einem Auseinbrechen bewahrt.

Dabei kam Renault Nissan in vielen wesentlichen Streitpunkten entgegen, die die Allianz seit Jahren immer schwerer belasten. Im Mittelpunkt stand dabei bisher die Frage einer Fusion der juristisch unabhängigen Unternehmen.

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Die französische Regierung hatte Ghosn den Auftrag gegeben, Renault und Nissan unter französischer Führung stärker zu integrieren. Doch in Japan stieß dieser Plan auf Widerstand. Denn bei Nissan sorgten sich viele, dass ihr Konzern bei den derzeitigen Beteiligungsverhältnissen benachteiligt werden könnte, obwohl Nissan doppelt so groß wie Renault ist.

Das Problem: Renault hält 43 Prozent der Nissan-Anteile. Denn die Franzosen retteten Nissan 1999 vor der Pleite. Im Gegenzug hält Nissan allerdings nur 15 Prozent der Renault-Aktien, und die zudem ohne Stimmrecht. Gleichzeitig sorgen sich die Japaner, dass der französische Staat mit seinem 15-prozentigen Aktienpaket an Renault Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen gewinnt.

Ghosns Verhaftung ist das Sinnbild des Allianzkonflikts

Der Streit gipfelte letztes Jahr im Sturz des Nissan-Retters und Allianz-Übervaters Carlos Ghosn. Im Frühjahr 2018 begannen hochrangige Nissan-Manager, Ghosns Finanzen zu durchleuchten. Die Ergebnisse der internen Untersuchung veranlassten daraufhin die Staatsanwaltschaft, den Manager am 19. November 2018 auf dem Tokioter Flughafen Haneda zu verhaften. Erst seit voriger Woche ist Ghosn gegen Kaution auf freiem Fuß, um sich auf seinen Prozess vorzubereiten

Den Konflikt schoben die drei Partner mitsamt der Aufarbeitung der Causa Ghosn nun vorerst beiseite. Das niederländische Joint-Venture Renault-Nissan BV besteht zwar wie der Allianzvertrag weiter, wird jedoch auf eine „unterstützende Funktion“ degradiert. Ein zweites Joint-Venture zwischen Nissan und dem neuen Allianzmitglied Mitsubishi Motors steht vor der Auflösung.

Stattdessen gelobten die Sprecher unisono, sich auf die Zukunft zu konzentrieren, indem sie zu den Anfängen der Allianz zurückkehren. „Wir wollen nicht nur den Geist der Allianz wiederbeleben, sondern verstärken“, versprach Senard.

Bei der neuen Führungsstruktur handele es sich nun um „eine wirklich gleichberechtigte Partnerschaft“, sagte Saikawa. Die Vorstöße zur Integration würden abgewickelt. Gemeinsam wollen die drei Unternehmen nun die Führungsstrukturen vereinfachen und „ein Gefühl der Einheit“ schaffen, so Saikawa.

Dazu will sich der neue Allianzvorstand einmal im Monat treffen, um strategische Entscheidungen zu treffen. Zudem werden die drei Verbündeten unterhalb des Gremiums allianzübergreifende Projekte einrichten, die von allen Herstellern mit Geld und Personal versorgt werden.

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Das Misstrauen zwischen den Partnern ist seit der Inhaftierung des einstigen Konzernchefs Carlos Ghosn gewachsen. Eine neue Struktur soll Vertrauen wiederherstellen.

Die Projektchefs werden direkt an den Allianzvorstand berichten. Von dieser Struktur der kurzen Wege erwartet sich Senard „eine Beschleunigung“ aller Prozesse. „In unserer Industrie, die sich in einer Phase der Umwälzung befindet, spielt Geschwindigkeit die überragende Rolle.“

Damit nannte er wohl auf den Grund für den Burgfrieden: Renault und Nissan sind schon zu stark miteinander verwoben, als dass sie ihren Bund trennen könnten. Und ein fortgesetzter Streit um Machtfragen drohte die Beteiligten ausgerechnet zu einem Zeitpunkt zu lähmen, an dem die Autowelt von autonomem Fahren über Elektroautos bis zu neuen Mobilitätsdiensten richtungsweisende Investitionen tätigen muss.

Nissan muss zudem dringend seine Gewinne erhöhen. Denn derzeit fährt der Autobauer mit einer Gewinnmarge von unter vier Prozent nicht nur hinter seinen Plänen, sondern auch weit hinter den japanischen Rivalen Honda und besonders Toyota hinterher.

Zum Wohle des Allianzfriedens verzichtete Renault sogar darauf, auf seine Rolle als Nissan-Hauptaktionär zu pochen. Nach Ghosns Sturz bei Nissan hatten die Franzosen zuerst den Vorsitz wieder für sich reklamiert. Saikawa wehrte sich jedoch. Stattdessen weist er nun auf die Empfehlungen eines Ausschusses hin, der Nissans Probleme in der Unternehmensführung analysiert und Vorschläge ausgearbeitet hat.

Der Ausschuss rät, dass weder Nissan noch Renault den Vorsitz im Verwaltungsrat führen sollen, um die Aufsicht über das Management zu verstärken. Damit soll ein zweiter Fall Ghosn verhindert werden. Nissan wirft ihm schweres Fehlverhalten vor.

Die Staatsanwaltschaft hat ihn sogar angeklagt, sein Gehalt nur zur Hälfte in der Bilanz veröffentlicht und Gelder veruntreut zu haben. Ihm drohen bei einer Verurteilung bis zu 15 Jahre Haft in Japan.

Die Probleme sind nur vertagt

Taktisch macht dieser Friedensschluss Sinn. Doch damit sind die Probleme nur vertagt, nicht gelöst. Die Beteiligungsverhältnisse sind weiterhin nicht ausbalanciert. Und auch die Personalie Ghosn droht auf Monate, wenn nicht Jahre ein Unruheherd zu bleiben.

Senard erklärte, dass er und seine Kollegen nun die Richtsprüche abwarten wollten. Aber die Behandlung von Ghosn in Japan, besonders die Verhaftung und seine lange, harte Haft, weckten nicht nur in Frankreich den Eindruck eines Putsches.

Zwar hat nun auch die französische Staatsanwalt Ermittlungen gegen den ehemaligen Renault-Chef aufgenommen. Untersucht wird die Finanzierung von Ghosn Hochzeit aus den Kassen der Allianz. Aber Ghosn wird nun in Japan in die Medienoffensive gehen.

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108 Tage saß der Ex-Chef von Renault und Nissan in Haft. Den Kampfeswillen hat er nicht verloren. Nun will Carlos Ghosn eine Verteidigungsstrategie entwickeln.

Schon am Dienstag wollte Ghosn Unruhe stiften. Bei Gericht hatte er seine Teilnahme an Nissans Vorstandssitzung beantragt, da er offiziell noch ein Vorstand ist. Denn Nissans Führungsgremium konnte ihn nur von seinem Amt als Vorsitzender abwählen, aber nicht rauswerfen. Das soll nun eine außerordentliche Aktionärsversammlung am 8. April nachholen.

Doch wahrscheinlich wird Ghosn seine Attacke noch diese Woche mit seiner ersten Pressekonferenz nach seiner Verhaftung nachholen. Dabei wird er sich wahrscheinlich als das Opfer eines Komplotts inszenieren, um die öffentliche Meinung gegen die Staatsanwaltschaft zu wenden. Dies hat sein Anwalt Junichiro Hironaka bereits vorgemacht.

Allerdings blendete Senard das Störfeuer des ehemaligen Allianzchefs aus. Die Vergangenheit will er ruhen lassen, sich auf die Zukunft konzentrieren. „Das Potenzial ist riesig, aber noch nicht genügend extrahiert“, erklärte der ehemalige Chef des Reifenherstellers Michelin, der dieses Jahr zu Ghosn Nachfolger bei Renault als Aufsichtsratschef gewählt wurde.

Bisher kaufen die Unternehmen gemeinsam ein und nutzen ihre Fabriken gegenseitig. Selbst erste Modelle werden auf einer gemeinsamen Plattform hergestellt. Doch es stünden nun „riesige Entscheidungen“ über weitere Plattformen, Projekte und Investitionen an, die keines der Unternehmen alleine stemmen könnte, erklärte Senard.

Er setzt offenbar auf die Synergien der Allianz der Gleichen. Sie sei „einmalig in der Welt“, lobte Senard. Keine andere Organisation habe die Chance, die Kulturen derart zu mischen. Damit definierte er seine eigene Herausforderung zutreffend. Nun müssen besonders die stolzen Unternehmen Renault und Nissan beweisen, dass sie diese Chance auch nutzen können – und sich ohne eine starke Führung nicht weiter von einander entfernen.

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