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24.07.2019

10:13

Autobauer

Viele Verlierer, wenig Gewinner: Das wurde aus den Protagonisten der Schlacht um Porsche

Von: Martin-W. Buchenau

Vor zehn Jahren wollte Porsche den Giganten Volkswagen übernehmen – und verlor seine Eigenständigkeit. Viele Sieger von damals sind nicht glücklich geworden.

Der damalige Porsche-Chef wagte die Übernahme des VW-Konzerns. ddp images/Thomas Lohnes

Wendelin Wiedeking

Der damalige Porsche-Chef wagte die Übernahme des VW-Konzerns.

Stuttgart Der Regen prasselte am 23. Juli 2009 auf Hunderte Regenschirme. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking verabschiedete sich nach 17 Jahren an der Unternehmensspitze am Nachmittag von seinen Leuten am Stammsitz in Zuffenhausen mit den Worten: „Es tut mir in der Seele weh.“ Das Wetter passe zur Gemütslage.

Am frühen Morgen – nach 14 Stunden Aufsichtsratssitzung – hatte Wiedeking kapituliert. Das wohl größte Husarenstück in der deutschen Wirtschaftsgeschichte dieses Jahrhunderts war zu Ende. Der David Porsche wollte den Goliath Volkswagen übernehmen. Am Ende kam es umgekehrt. Eine zu hohe Verschuldung, die Finanzkrise und VW-Patriarch Ferdinand Piëch zwangen den Westfalen in die Knie

Nach Wiedeking sprach Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche – mit zitternder Stimme und Tränen in den Augen: „Der Mythos Porsche lebt und wird nie untergehen.“ Der Enkel von Ferdinand Porsche packte sein Manuskript zusammen, drehte sich um und fiel dem groß gewachsenen Wiedeking in die Arme.

Es waren die Bilder zweier gebrochener Männer. Aber Wolfgang Porsche sollte zehn Jahre nach dem Tiefpunkt recht behalten, zumindest mit seinem ersten Halbsatz. Porsches Mythos lebt. Die Worte und Tränen des Miteigentümers gehören inzwischen zu diesem Mythos. Sie waren in einer Sequenz des Imagefilms zum 70. Geburtstag des Unternehmens im vergangenen Jahr zu sehen.

Gewagte Transaktion

Der Sportwagenbauer zählt auch unter dem Dach von Volkswagen mit über 15 Prozent Rendite zu den profitabelsten Autobauern der Welt. Der Umsatz hat sich bei rund 260 000 verkauften Fahrzeugen in der Zwischenzeit von 7,8 Milliarden Euro auf 25,8 Milliarden Euro mehr als verdreifacht. Porsche ist die Ertragsperle im VW-Konzern und wird immer wichtiger, spätestens seit Konzernschwester Audi im Zuge der Dieselkrise schwächelt.

Ein Blick zurück: Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche und sein Vorstandschef Wiedeking hatten zusammen mit Finanzchef Holger Härter zunächst mit Zustimmung von Ferdinand Piëch im September 2005 den Einstieg bei Volkswagen gewagt. Sukzessive erhöhte Porsche den Anteil an VW.

Grafik

Erst als Wiedeking in seiner Hybris Volkswagen auf Vordermann bringen wollte und in einem Zeitungsinterview sagte: „Da darf es keine heiligen Kühe geben, denn die gibt es auch bei Porsche nicht“, brachte er die Wolfsburger Arbeitnehmer und Piëch gegen sich auf.

Die Fronten verhärteten sich. Der familieninterne Rivale von Wolfgang Porsche baute mit VW-Chef Martin Winterkorn, Betriebsratschef Bernd Osterloh sowie dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff VW zur Festung um.

Am 26. Oktober 2008 geht der selbstbewusste Porsche-Chef noch weiter: Er verkündet, entgegen vorherigen Äußerungen, den Anteil an VW nicht nur auf 50 Prozent, sondern auf 75 Prozent der Stammaktien ausbauen zu wollen. Die Nachricht löst einen historischen Kurssprung der VW-Aktie auf über 1 000 Euro aus. Investoren haben sich mit geliehenen Aktien verspekuliert und klagen bis heute vor Gericht.

Wiedeking, der Mann, der Porsche 1991 vor der Pleite rettete und zum profitabelsten Autobauer der Welt machte, hatte sich aber verkalkuliert. Das VW-Gesetz fiel nicht. Die Sperrminorität des Landes Niedersachsen blieb erhalten. Die angestrebte Gewinnabführung von Volkswagen und damit eine Refinanzierung der Einkaufstour war nicht mehr möglich.

Der David Porsche wollte den Goliath Volkswagen übernehmen. Am Ende kam es umgekehrt. BLOOMBERG

Porsche-Betriebsversammlung im Juli 2009

Der David Porsche wollte den Goliath Volkswagen übernehmen. Am Ende kam es umgekehrt.

In der Finanzkrise drehten die Banken dann den Geldhahn zu. Der Beutezug blieb bei 51 Prozent der VW-Aktien stecken. Nur mit einer Kapitalerhöhung um fünf Milliarden Euro und dem Einstieg der Scheichs aus Katar konnte der überschuldete Porsche-Konzern damals gerettet werden und unter das VW-Dach schlüpfen.

Was wurde aus den Protagonisten? Die Familien Porsche und Piëch haben zwar den direkten Zugriff auf Porsche verloren, sind aber mit mehr als 53 Prozent der größte Aktionär von Volkswagen. Gegen Wolfgang Porsches Willen geht am Ende in Wolfsburg heute nichts.

Sein Gegenspieler Ferdinand Piëch hat seinen Triumph nur wenige Jahre genießen können. Als er seinen Wegbegleiter Winterkorn im Frühjahr 2015 gegen den Willen von Gesamtbetriebsratschef Osterloh aus dem Unternehmen drängen wollte, verlor der Patriarch seinen ersten großen Machtkampf. Er zog sich – was vorher für unmöglich gehalten wurde – völlig aus dem Konzern zurück.

Der VW-Patriarch gab auch seine Anteile an seinen Bruder Hans Michel Piëch ab, der damit zum größten Einzelaktionär in der Familie avancierte und mit Wolfgang Porsche die Geschicke des Familienclans lenkt. Ferdinand Piëch lebt heute im Alter von 82 Jahren zurückgezogen in Salzburg.

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