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25.11.2022

12:49

Autohandel

Fast 3000 Autohändler in Deutschland könnten verschwinden

Von: Stefan Menzel

Die Renditen fallen schmal aus, gleichzeitig steigen die Anforderungen. Viele kleinere Autohändler müssen aufgeben und verkaufen ihre Betriebe.

Die Autohändler in Deutschland stehen vor einer neuen Runde der Konzentration. imago images/Westend61

Autokauf

Die Autohändler in Deutschland stehen vor einer neuen Runde der Konzentration.

Düsseldorf Der Autohandel in Deutschland steht vor einem Konzentrationsprozess: Kleinere Betriebe müssen aufgeben und werden von größeren Autohändlern aufgekauft.

Nach einer aktuellen Studie des auf den Autohandel spezialisierten Instituts für Automobilwirtschaft (Ifa) werden von den aktuell etwa 6800 Autohausunternehmen in Deutschland bis zum Jahr 2030 gerade einmal 3900 übrig bleiben.

„Die Konsolidierung wird sich beschleunigen“, sagt Ifa-Direktor Stefan Reindl. Der Professor spricht von einer „Zentralisierung im Autohandel“. Größere Handelsgruppen gewännen in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung. In größeren Ballungsräumen entstünden vermehrt „regionale Platzhirsche“, die das Autogeschäft dort dann dominierten.

Der Druck der Autohersteller sorgt dafür, dass immer mehr kleinere Händler als eigenständige Unternehmen von der Bildfläche verschwinden. Kleineren Betrieben fällt es schwer, die gewachsenen Anforderungen der Konzerne zu erfüllen. Die Hersteller arbeiten am liebsten mit regionalen Schwergewichten zusammen. Die Straffung des Vertriebsnetzes gehört inzwischen bei den meisten Automarken zum Alltag.

Erst vor Kurzem hat die Hamburger Dello-Gruppe die Übernahme der im benachbarten Schleswig-Holstein aktiven Lensch-Gruppe angekündigt. Dello war schon zuvor einer der europaweit größten Opel-Händler. Mit den Lensch-Filialen baut Dello diese Position noch weiter aus.

Autohändler: Regionale Platzhirsche wachsen in andere Regionen

Das größte Händlernetz in Deutschland bilden die Volkswagen-Betriebe. In der Vergangenheit galt es als Grundregel, dass zum VW-Netz in der Bundesrepublik mindestens 1000 Händler gehörten. Durch den anhaltenden Ausleseprozess sind es inzwischen nur noch gut 800 Unternehmen.

Zuletzt hatte die Tiemeyer-Gruppe aus Bochum, einer der größten deutschen Händler von Fahrzeugen aus dem VW-Konzern, die kleinere Piepenstock-Gruppe aus dem ans Ruhrgebiet angrenzenden Sauerland übernommen. Aus dem Ruhrgebiet, wo Tiemeyer traditionell stark aufgestellt ist, expandiert die Gruppe damit in benachbarte Regionen. Auch das ist ein Trend der Branche. Mit Piepenstock verschwindet ein weiterer eigenständiger Händler vom Markt.

Kleinere Autohändler haben es schwer, unter dem wachsenden Konkurrenzdruck zu bestehen. Mit der Elektromobilität und der Digitalisierung der Fahrzeuge stehen nicht nur die Autohersteller vor einschneidenden Veränderungen. Auch die Händler müssen sich umstellen, weil es beim Elektromotor zum Beispiel keinen Ölwechsel mehr gibt.

In der Kundenberatung und in der Werkstatt werden Software-Experten gebraucht, die digitale Dienste erklären und im Zweifel auch updaten können. „Mit Elektroautos wird das klassische Werkstattgeschäft kleiner. Das wird an erster Stelle den markengebundenen Fabrikatshandel treffen“, erwartet Ifa-Direktor Reindl. Allerdings steht der Autohandel dabei vor dem nächsten Problem: Es gibt schon jetzt zu wenig Fachpersonal für die neuen Dienste.

Viele Autohändler und Werkstätten machen als freie Betriebe weiter

Die Konzentration im Autohandel lässt sich aus der Statistik ablesen: Von den 18 wichtigsten Fabrikatsgruppen in Deutschland haben in diesem Jahr im Vergleich zu 2021 nur drei Automarken ihr Netz mit eigenständigen Händlern vergrößert. Einige wenige Marken melden einen Gleichstand, bei der überwiegenden Zahl der Hersteller ging es bei der Händlerzahl abwärts.

Das heißt nicht, dass Händler, die aus einem Fabrikatsvertrieb ausscheiden, gleich auf ewig von der Bildfläche verschwinden. Solche zumeist kleineren Unternehmen versuchen, als freie Händler oder freie Werkstätten ohne Bindung an eine Automarke zu überleben. Darauf deutet hin, dass die Zahl der fabrikatsungebundenen Betriebe in Deutschland im vergangenen Jahr um 130 auf 22.110 gestiegen ist. „Offensichtlich werden zahlreiche, ehemals fabrikatsgebundene Betriebe aufgrund des Verlusts von Händler- oder Serviceverträgen als freie Betriebe weitergeführt“, heißt es dazu in der Ifa-Studie.

Nur in der Werkstatt gibt es eine echte Rendite. dpa

BMW-Vertretung in Berlin

Nur in der Werkstatt gibt es eine echte Rendite.

Aus Sicht der Autoforscher dürfte die aktuelle Krisenlage den Druck auf die Handelsbetriebe weiter verschärfen und den Selektionsprozess noch einmal beschleunigen. Nicht nur die Zahl der eigenständigen Unternehmen werde zurückgehen, sondern auch die Zahl der Filialbetriebe. Wer eine Betriebsstätte aufgebe, könne damit entscheidend die Kosten senken, so die Ifa-Forscher.

Die 100 größten deutschen Autohäuser haben 2021 rund 726.000 Neuwagen verkauft. Das entspricht einem Anteil von knapp 28 Prozent am gesamten deutschen Neuwagengeschäft. In den Vorjahren war der Anteil der 100 größten Händler noch um einiges kleiner. 2020 waren es 25 Prozent, 2019 betrug die Quote gut 21 Prozent. „Ein Trend, der auf eine Fortschreibung der Konsolidierung im markengebundenen Automobilhandel schließen lässt“, heißt es in der Ifa-Studie.

Als zentrales Problemfeld machen die Wissenschaftler aus dem württembergischen Geislingen die niedrige Rendite im Autohandel aus. Die 100 größten deutschen Autohändler haben im vergangenen Jahr eine Vorsteuerrendite von gerade einmal 2,3 Prozent geschafft. Das ist zwar wieder etwas besser als im ersten Coronajahr 2020, als die größten deutschen Autohändler eine Rendite von 1,6 Prozent geschafft hatten.

Autohandel: Nur das Werkstattgeschäft bringt echte Rendite

Mit solch einer niedrigen Ertragsquote wird es jedoch schwer, ein dauerhaftes Überleben zu sichern. Dann ist es kaum noch möglich, die nötigen Investitionen aufzubringen und beispielsweise die Anforderungen der Hersteller an die Ausstattung der Autohäuser zu erfüllen. Im eigentlichen Fahrzeugverkauf (Neu- und Gebrauchtwagen) verdienen die Unternehmen am schlechtesten. Für einigermaßen gefüllte Kassen sorgen hingegen das Ersatzteil- und das Werkstattgeschäft.

Um die Veränderungen besser zu bewältigen, sollten die Autohändler mehr auf ihr eigenes Profil achten und ein „fabrikatsunabhängiges Potenzial schaffen“, meinen die Ifa-Wissenschaftler. Im Zuge der weiteren Konsolidierung sollten die Autohändler auch an der eigenen Effizienz arbeiten. Nach einer Übernahme kleinerer Händlergruppen gebe es vor allem in den Verwaltungsbereichen häufig Möglichkeiten zur Kostensenkung.

Jürgen Stackmann, Direktor am Institut für Mobilität der Universität St. Gallen und früherer VW-Vertriebsvorstand, empfiehlt den Autohändlern mehr regionale Fokussierung. „Sie ist extrem wichtig“, betont Stackmann. Wer in der eigenen Region stark sei, könne die Umbrüche im Autohandel besser bewältigen. Wer seinen Händlervertrag bei einem der etablierten Autokonzerne verloren habe, der könne es bei einem neuen Anbieter wie Tesla oder den chinesischen Herstellern versuchen. „Die neuen Konkurrenten brauchen auch Servicepartner“, so Stackmann.

Erstpublikation: 21.11.22, 15:00 Uhr.

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