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24.07.2021

10:45

Autohersteller

„Michael hatte die Nase voll“: Die wahren Gründe für den Abgang von Opel-Chef Lohscheller

Von: Franz Hubik

Unter dem Dach von Stellantis hat der Opel-Sanierer den Durchgriff auf die Entwicklung verloren. Nur die Rolle des Verkäufers ist ihm aber zu wenig.

Der Manager führte Opel zurück in die Gewinnzone. obs

Opel-Chef Michael Lohscheller mit dem E-Corsa

Der Manager führte Opel zurück in die Gewinnzone.

München Seinen Abgang von Opel hat Firmenchef Michael Lohscheller intern hübsch inszeniert. Einerseits schickte der Manager vergangene Woche viele warme Worte der Dankbarkeit an seine Beschäftigten. „Opel führt man nicht, Opel dient man“, schrieb der 52-Jährige etwa. Andererseits fügte Lohscheller seiner Rundmail in eigener Sache ein Foto bei, das ihn gemeinsam lächelnd mit seinem von Renault kommenden Nachfolger Uwe Hochgeschurtz und Opel-Aufsichtsratschef Xavier Chéreau zeigte.

Eine feine Geste – so viel Größe haben die wenigsten Alphatiere. Und doch trügt das Bild. Denn ganz so einträchtig, wie es scheint, verlässt Lohscheller die Marke mit dem Blitz Ende August wohl nicht. Es ist zwar weder Wut noch Zorn, die den begeisterten Marathonläufer aus Rüsselsheim wegtreiben, aber doch eine ordentliche Portion an persönlicher Enttäuschung, berichtet ein Weggefährte: „Michael hatte die Nase voll.“

Der Grund: Seine Rolle als Opel-Frontmann verkümmerte zuletzt zu kaum mehr als einem Verkaufs- und Marketingdirektor mit marginalen strategischen Gestaltungsmöglichkeiten, verlautet aus Unternehmenskreisen. Mit der Fusion der einstigen Muttergesellschaft Peugeot S.A. mit Fiat Chrysler Anfang des Jahres zu Stellantis wurden Lohscheller und seine Getreuen scheibchenweise degradiert.

Im Januar ging es los. Damals wurde bei Opel der Posten des Geschäftsführers für Vertrieb ersatzlos gestrichen, im März folgte dann jener für Finanzen und Ende Mai jener für die Entwicklung. Damit ist das oberste Managementgremium des hessischen Fahrzeugherstellers binnen weniger Monate von fünf auf zwei Vertreter zusammengeschrumpft, also das absolute Minimum. Schließlich muss die Opel Automobile GmbH laut Satzung „mindestens zwei Geschäftsführer“ haben.

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    Seit Juni besteht das Topmanagement von Opel nur noch aus Markenchef Lohscheller und Arbeitsdirektor Ralph Wangemann. Das verbliebene Duo wirkte zuletzt einigermaßen konsterniert, heißt es im Kreis der leitenden Angestellten. Für Frust bei Lohscheller dürfte demnach insbesondere gesorgt haben, dass der baumlange Manager de facto keinen Durchgriff mehr auf die Opel-Entwicklungsabteilung hat. Opel lehnte einen Kommentar dazu ab.

    Neuer Name veranschaulicht den Bedeutungsverlust

    Dabei ist die Herleitung simpel: Der oberste Opel-Ingenieur Marcus Lott hat sein Amt in der Geschäftsführung am 31. Mai niedergelegt. Seither berichtet er nicht mehr direkt an Lohscheller, sondern an Nicolas Morel, der im Stellantis-Konzern das Geschehen in den europäischen Entwicklungszentralen in Turin, Modena, Pomigliano, Velizy, Carrieres-sous-Poissy, Sochaux, Belchamp und Rüsselsheim verantwortet.

    Morel ist wiederum direkt Harald Wester unterstellt, dem Chief Engineering Officer von Stellantis. Im Zuge der Reorganisation des Entwicklungsbereichs bei Stellantis haben die beiden Manager die Denkfabrik von Opel in Rüsselsheim umbenannt. Das Internationale Technische Entwicklungszentrum (ITEZ), in dem mehr als 4000 Ingenieure arbeiten, heißt nun „Technical Center Central Europe“.

    Der neue Name veranschaulicht den Bedeutungsverlust von Opel im 14 Marken umfassenden Megakonzern Stellantis, verlautet aus Unternehmenskreisen. Denn das einstige ITEZ galt stets als so etwas wie das Herz des Fahrzeugherstellers, wurde hier doch an allen technologischen Raffinessen getüftelt, die ein Auto mit Blitzlogo erst auszeichnen.

    Viele im Führungskader fragen sich allerdings, wie dies künftig noch gewährleistet sein soll, wenn selbst der Chef von Opel operativ keinen Einfluss mehr auf seine wichtigste Abteilung hat. „Der Verlust der Entwicklungsverantwortung ist der Hauptgrund für Lohschellers Abgang“, konstatiert ein Manager. Sein Befund: Opel degeneriere nun schleichend zu einer reinen Verkaufsorganisation.

    Für einen wie Lohscheller, der gerne strategisch agiert, beinhaltet diese Perspektive zu wenig Gestaltungsfreiheit. Daher dankt er lieber ab. Aus freien Stücken, wie er intern durchaus glaubhaft versichert. Er wolle sich „in Kürze außerhalb von Stellantis neuen spannenden Aufgaben widmen“, erklärt Lohscheller: „Diesen Schritt gehe ich nach reiflichen Überlegungen.“

    Lohscheller führte Opel zurück in die Gewinnzone

    Wohin es den verheirateten Vater von zwei Kindern genau zieht, ist offen. Bei Opel hat er sich als harter Sanierer einen Namen gemacht. Als Geschäftsführer baute er in den vergangenen vier Jahren gegen alle Widerstände Tausende Stellen ab und führte die lange chronisch defizitäre Marke auch dadurch wieder zurück in die Gewinnzone.

    Mit seiner Turnaround-Expertise dürfte Lohscheller aktuell ein gefragter Manager sein. Als wahrscheinlich gilt, dass der Sohn eines Bergarbeiters der Autoindustrie treu bleibt. Bisher war er allerdings überwiegend für Hersteller wie Daimler, Volkswagen oder eben Opel tätig. Vielleicht reizt den Finanzexperten ja nun ein Job bei einem Zulieferer. Seit März ist beispielsweise der Chefposten beim Kolbenbauer Mahle vakant. Einen Kostenkiller wie Lohscheller könnten sie in Stuttgart gut gebrauchen.

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