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13.10.2022

04:10

Autohersteller

Renault und Nissan planen neue Zukunft für ihre brüchige Allianz

Von: Martin Kölling, Gregor Waschinski

Das Verhältnis zwischen Renault und Nissan war zuletzt schwierig. Nun prüfen die eng verzahnten Autokonzerne einen Neustart. Doch die Baustellen sind groß.

Der Renault-Chef verhandelt mit Nissan über eine Neuausrichtung der Allianz. Bloomberg/Getty Images

Luca de Meo

Der Renault-Chef verhandelt mit Nissan über eine Neuausrichtung der Allianz.

Tokio, Paris Luca de Meo war in den vergangenen Tagen in doppelter Mission in Japan unterwegs: Offiziell reiste der Renault-Chef zum Formel-1-Rennen in Suzuka, wo er das Team Alpine des französischen Autobauers anfeuerte. Vor allem nahm der Italiener die lange Reise aber auf sich, um hinter verschlossenen Türen mit dem Partner Nissan über die Zukunft ihrer Autoallianz zu beraten

„Marathongespräche“ habe er gemeinsam mit François Provost, seinem Mann für Allianzen, und Nissan-Chef Makoto Uchida sowie dessen Vize Ashwani Gupta geführt, sickerte in den Medien durch. Anfang der Woche erklärten beide Unternehmen dann, dass Nissan erwäge, in Renaults neue Elektroautosparte zu investieren. Außerdem wolle man „strukturelle Verbesserungen“ der zuletzt angeschlagenen Partnerschaft erreichen.

Kennern der Materie war beim zweiten Punkt klar, dass Renault und Nissan über einen grundsätzlichen Umbau der ungleichen Beteiligungsverhältnisse der 23 Jahre alten Allianz sprechen. Derzeit hält Renault als Retter des früheren Pleitekandidaten 43 Prozent an dem heute weit größeren und stärkeren Partner. Nissan besitzt hingegen nur 15 Prozent der Renault-Aktien, die zudem ohne Stimmrecht sind.

Renault könnte Beteiligung an Nissan verringern

Dies will Nissan nun in einer Art Tauschhandel für ein Investment in Renaults Elektroautosparte korrigieren. So habe Nissan die Franzosen aufgefordert, den Aktienanteil an Nissan auf 15 Prozent zu reduzieren, meldete die Wirtschaftszeitung „Nikkei“. „Wir erkennen an, dass Renault die Möglichkeit positiv in Betracht zieht“, zitiert sie einen Nissan-Manager.

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Standort erkennen

    Der französischen Wirtschaftszeitung „Les Échos“ zufolge zeigt sich Renault offen für einen Deal. Mitsubishi, seit 2016 dritter Partner der französisch-japanischen Allianz, soll laut der Nachrichtenagentur Reuters ebenfalls die Übernahme von Anteilen an Renaults Elektrosparte prüfen.

    Renault hatte im Mai eine Aufspaltung seiner Aktivitäten angekündigt: Eine Sparte in Frankreich mit dem Namen „Ampere“ könnte sich ausschließlich der Entwicklung und dem Bau von Elektroautos widmen. Das klassische Geschäft mit Verbrenner- und Hybridfahrzeugen würde ausgegliedert, betroffen wären Standorte in Spanien, Portugal, der Türkei, Rumänien und Lateinamerika.

    Grafik

    Für diese fossile Einheit, die den Projektnamen „Horse“ („Pferd“) trägt, sucht Renault neue Partner. Anfang September wurde bekannt, dass das Unternehmen mit dem chinesischen Autobauer Geely und dem saudi-arabischen Ölkonzern Saudi Aramco Gespräche über eine Beteiligung führt. Renault will Anfang November auf einer Veranstaltung für Investoren über die Fortschritte beim Konzernumbau informieren.

    Renault befindet sich in einer finanziell schwierigen Lage und musste in der Coronakrise von der Regierung in Paris mit einem Kredit von über fünf Milliarden Euro vor der Pleite gerettet werden. Das ambitionierte Spar- und Reformprogramm, das de Meo dem Unternehmen verordnet hat, zeigt zwar erste Erfolge. Doch die Abschreibung des bedeutsamen Russlandgeschäfts wegen des Kriegs in der Ukraine warf die Franzosen zuletzt wieder zurück.

    Der Autobauer musste in der Coronakrise von der Regierung in Paris mit einem Kredit von über fünf Milliarden Euro vor der Pleite gerettet werden. AFP/Getty Images

    Renault-Produktion

    Der Autobauer musste in der Coronakrise von der Regierung in Paris mit einem Kredit von über fünf Milliarden Euro vor der Pleite gerettet werden.

    Laut „Les Échos“ könnte Renault durch den Verkauf von Nissan-Anteilen bis zu vier Milliarden Euro einnehmen, müsste im Gegenzug aber auch auf die jährlichen Dividenden verzichten. Zudem bestehe das Risiko eines Kurssturzes, wenn Renault seine Aktien auf einmal auf den Markt werfe. Die Unternehmen würden daher die Einrichtung einer Treuhandgesellschaft prüfen, die eine schrittweise Senkung der Renault-Beteiligung organisieren könnte.

    Carlos Ghosn machte Nissan zum Motor der Allianz

    Die Neuordnung würde einen lange gehegten Wunsch von Nissan erfüllen. Der Toyota-Rivale musste 1999 seinen Stolz schlucken, als das Management zur Rettung des damals angeschlagenen Konzerns Renault ans Steuer ließ. Die Franzosen übernahmen 37 Prozent an Nissan und schickten Carlos Ghosn mitsamt einem Managementteam nach Ostasien. Später erhöhte Renault seinen Anteil auf 43,4 Prozent.

    Innerhalb kürzester Zeit sanierte Ghosn das Unternehmen und baute es zum finanziellen und technologischen Motor der Autoallianz aus, die im Gegensatz zu Konkurrenten auf eine volle Fusion verzichtete. Das Problem: Mit dem Erfolg keimte bei Nissan Widerstand gegen die ungleichen Beteiligungsverhältnisse auf.

    Für Verärgerung sorgte in Japan auch die Rolle des französischen Staates, der 15 Prozent an Renault hält und faktisch in wirtschaftliche Belange der Allianz hineinregieren kann. Lange konnte Ghosn als doppelter Chef von Renault und Nissan die Konflikte in seiner Person austragen. Doch als Paris eine weitergehende Fusion der Partner forcierte, kam es in Japan zum Putsch.

    Der Manager sanierte Nissan in kurzer Zeit und baute das Unternehmen zum finanziellen und technologischen Motor der Autoallianz aus. imago images/Kyodo News

    Carlos Ghosn

    Der Manager sanierte Nissan in kurzer Zeit und baute das Unternehmen zum finanziellen und technologischen Motor der Autoallianz aus.

    Im November 2018 wurde Ghosn wegen angeblicher Verstöße gegen das Bilanzrecht und Untreue bei seiner Ankunft in Tokio verhaftet und später angeklagt. Er entzog sich zwar einem Urteil durch eine spektakuläre Flucht in den Libanon. „Aber es war das Drama um Ghosns Verhaftung, das eine weitere Integration des Managements verhindert hat“, sagt Autoanalyst Takaki Nakanishi.

    Seit 2019 steht daher eine Neuordnung der Beteiligungsverhältnisse auf der Tagesordnung. Lange wurden die Gespräche vertagt, weil sowohl Renault wie auch die japanischen Partner sich zuerst aus der Verlustzone befreien mussten – das ist nun geschafft.

    Ein Aus für die Allianz steht dagegen nicht zur Debatte: Ende 2021 stellten die Partner eine gemeinsame Elektrooffensive vor, mit der sie bis 2030 rund 26 Milliarden Euro in Modelle und Batterien investieren wollen. Offen ist aber weiterhin, wie Nissan mit der Abspaltung der Verbrennersparte von Renault umgehen wird.

    Unterschiedliche Strategien beim Verbrennermotor

    Für die Franzosen mache diese Ausgründung Sinn, erklärte Nissan-Chef Uchida kürzlich. „Wenn ich mir Renaults Kernmarkt Europa ansehe, stünde das Elektroauto-Unternehmen im Einklang mit dessen Reformen“, sagte er in einem Interview mit der Finanzzeitung „Nikkei“. Doch Uchida meldete Diskussionsbedarf an.

    Zum einen sei Nissan hauptsächlich auf den Märkten USA, Japan und China tätig und daher mit anderen Fragen konfrontiert. Zum anderen merkten die Japaner an, dass der Sitz des neuen Unternehmens in Frankreich liegen werde und die Hauptgeschäftsbasis in Europa. „Wir diskutieren eine Vielzahl von Möglichkeiten aus der Perspektive, wie sie zum Wachstum von Nissan führen würden“, sagte Uchida.

    Renault und Nissan sind auch auf die Zusammenarbeit angewiesen, um mit den Rivalen mithalten zu können. Toyota kommt mit seinen Verbündeten Suzuki, Mazda und Subaru auf einen Jahresabsatz von über 16 Millionen Autos. VW und GM sind auch allein weiterhin Riesen. Gleichzeitig ist durch die Fusion von Peugeot PSA mit Fiat-Chrysler zu Stellantis ein europäisch-amerikanischer Rivale entstanden, der ebenfalls großen Absatz in die Waagschale wirft.

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