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09.12.2018

19:34

Der Dieselskandal ist noch nicht ausgestanden. Jetzt gibt es schon wieder neue Vorwürfe. AP

Produktion bei VW

Der Dieselskandal ist noch nicht ausgestanden. Jetzt gibt es schon wieder neue Vorwürfe.

Autohersteller

VW verkaufte jahrelang Autos ohne Zulassung – und kämpft erneut um Glaubwürdigkeit

Von: Stefan Menzel, Martin Murphy, Dietmar Neuerer, Volker Votsmeier

Der Autobauer hat Vorserienfahrzeuge verkauft, die den Zulassungsstandards nicht genügten. Es droht ein Bußgeld, doch der Schaden ist bereits angerichtet.

Düsseldorf Das Schreiben aus Wolfsburg ist klar und eindeutig. „Im Rahmen interner Überprüfungen haben wir festgestellt, dass in einem bestimmten Zeitraum Fahrzeuge verkauft wurden, bei denen der Bauzustand möglicherweise nicht dem zum Vermarktungszeitpunkt aktuellen Serienstand entsprochen hat“, heißt es in dem Volkswagen-Brief an den Passat-Halter. Deshalb gebe es jetzt einen Rückruf, „leider ist auch Ihr Fahrzeug von dieser Maßnahme betroffen“.

Und das ist nicht alles: „Wir möchten Ihr Fahrzeug zum Ausschluss eventueller Schäden zurückkaufen.“

Im Klartext heißt das nichts anderes, als dass VW über Jahre hinweg Autos ohne gültige Zulassungspapiere verkauft hat. Das betrifft nicht nur deutsche Kunden, sondern Käufer in ganz Europa.

Außerdem gibt es das Problem in der Verkaufsregion Nordamerika. Kunden etwa in den Vereinigten Staaten waren aus dem VW-Werk in Mexiko ebenfalls mit Fahrzeugen ohne gültige Zulassung beliefert worden. Über dieses Problem hatte in der vergangenen Woche erstmals die Fachzeitschrift „Auto, Motor und Sport“ berichtet.

Bei Volkswagen geht es um sogenannte Vorserienfahrzeuge. Vor dem eigentlichen Verkaufsstart eines neuen Modells fertigt jeder Hersteller für interne Zwecke einige wenige Tausend Exemplare vorab. Die Autokonzerne brauchen solche Pkws etwa auf Messen oder für Testfahrten. Die Autos können, aber müssen sich nicht von den späteren Serienfahrzeugen unterscheiden.

Die Zahl der verkauften Vorserienmodelle ohne gültige Straßenzulassung erreicht zwar bei Weitem nicht die Dimension des Dieselskandals, bei dem der VW-Konzern weltweit rund elf Millionen Fahrzeuge manipuliert und damit letztlich ohne gültige Straßenzulassung verkauft hatte.

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Trotzdem erschüttert die Praxis ein weiteres Mal die Glaubwürdigkeit des Konzerns. Wieder verkaufte Volkswagen Produkte mit einem falschen Versprechen. Das ist auch ein Problem für Konzernchef Herbert Diess, der einen Neubeginn im Unternehmen zugesagt hatte – ganz ohne Manipulationen.

Risiken für Autofahrer

Volkswagen bestätigt, dass über Jahre hinweg Vorserienmodelle ohne gültige Zulassung verkauft worden sind. Aus der Zeit von 2006 bis 2018 seien etwa 6.700 Fahrzeuge betroffen, davon etwa 4.000 in Deutschland. Grundsätzlich sei ein solcher Verkauf auch zulässig, verteidigte ein Konzernsprecher die Praxis der vergangenen Jahre.

„Es wurde allerdings versäumt zu dokumentieren, was an den betroffenen Fahrzeugen nicht seriengemäß ist“, sagte ein VW-Sprecher. Volkswagen habe seine internen Abläufe inzwischen verändert. Jetzt werde klar festgehalten, inwieweit sich die Vor- von den späteren Serienfahrzeugen unterscheiden.

Den Rückruf begründet Volkswagen mit ungeklärten Sicherheitsfragen. Da heute nicht mehr definitiv geklärt werden könne, was an den einzelnen Autos gemacht worden ist, sei der Rückruf die sichere Alternative. Die insgesamt etwa 6.700 betroffenen Fahrzeuge unterscheiden sich deutlich voneinander. Mal reicht ein kleines Softwareupdate, mal muss das Navigationssystem ausgetauscht werden, aber manchmal ist ein Wagen nicht mehr zu gebrauchen und landet in der Schrottpresse.

Christian Genzow: Anwalt hält Verkauf von Vorserienfahrzeugen bei VW für „arglistige Täuschung“

Christian Genzow

Anwalt hält Verkauf von Vorserienfahrzeugen bei VW für „arglistige Täuschung“

Christian Genzow von der Kanzlei Friedrich Graf von Westphalen & Partner ist auf Vertriebsrecht spezialisiert. Er wirft Volkswagen Betrug vor.

Volkswagen verspricht zwar, die Kunden angemessen zu entschädigen, doch viele verlieren das Vertrauen. VW beteuert, dass es sich bei dem Rückruf „um eine vorsorgliche, proaktive Vorgehensweise“ handelt. Volkswagen habe zudem keine Kenntnis über Unfälle und Personenschäden, die mit Vorserienmodellen zusammenhängen.

Der ganze Rückruf sei „ärgerlich“ für Volkswagen, lasse sich aber mit dem Dieselskandal nicht vergleichen. Das Unternehmen arbeite bei dem Rückruf außerdem eng mit den Zulassungsbehörden zusammen.

Beim zuständigen Bundesverkehrsministerium droht Volkswagen allerdings Ärger. Eine Sprecherin bestätigte am Sonntag, dass das Ministerium ein Bußgeld gegen Volkswagen prüfe – weil die Zulassungsbestimmungen nicht eingehalten worden sind. Einige Tausend Euro für jedes betroffene Auto könnten dabei fällig werden.

Besonders verärgert ist die eigene Handelsorganisation von Volkswagen. „Jetzt müssen wir wieder den Schaden bei den Kunden gutmachen, den Wolfsburg verursacht hat“, sagte ein Händler aus Süddeutschland. Autos de facto ohne gültige Zulassungspapiere zu verkaufen – „so etwas hat es noch nie gegeben“.

Juristische Konsequenzen

Auch bei den Wettbewerbern sorgt die Vorgehensweise von Volkswagen für Unverständnis. Auf dem deutschen Markt seien Vorserienfahrzeuge „definitiv nie“ verkauft worden, sagte am Sonntag ein Volvo-Sprecher. Bei Daimler hieß es, dass Vorserienmodelle grundsätzlich nie in den Verkauf kämen. „Das ist ein Riesenfehler, so etwas zu machen“, sagte ein Branchenvertreter. Auch bei Opel gebe es so etwas nicht, sagte ein Sprecher. „Eigentlich sind solche Autos nicht zulassungsfähig“, ergänzte Stefan Bratzel, Professor am Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach bei Köln.

Deutschlands oberster Verbraucherschützer Klaus Müller hat mit scharfer Kritik auf den Rückruf Tausender VW-Autos wegen fehlerhafter Dokumente reagiert. Für Betroffene sei das „eine harte Nuss unter dem Weihnachtsbaum“, sagte der Chef des Verbraucherzentrale-Bundesverbands (VZBV) dem Handelsblatt.

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„Dass es sich um VW-Modelle der Baujahre 2006 bis 2018 handelt, zeigt zum einen, dass Volkswagen auch drei Jahre nach Bekanntwerden des Dieselskandals nichts verstanden hat“, so Müller. „Dass hier nun offenbar auch noch Sicherheitsrisiken in Kauf genommen wurden, indem VW auf unzulässige Weise Testfahrzeuge auf den Markt gebracht hat, toppt die bisherige Praxis mit Blick auf Umwelt und Gesundheit der Menschen noch einmal um ein weiteres und bislang nicht vorstellbares Versagen der Konzernleitung.“

VW müsse nun „endlich umdenken, die Politik muss durchgreifen“, forderte Müller. „Und wir Verbraucherschützer werden mit aller Entschlossenheit die Rechte der Betroffenen gerichtlich durchsetzen“, fügte der VZBV-Chef hinzu.

Rechtsexperten stellen sich auf weitere juristische Konsequenzen für Volkswagen ein. In den Fällen, in denen die Autos nicht den vereinbarten Eigenschaften entsprächen, „kommen Gewährleistungsansprüche in Betracht“, sagte Daniel Wuhrmann, Produkthaftungsexperte aus Berlin. Zudem sei auch Schadensersatz denkbar – „wegen der Kosten, die den Käufern wegen der mangelhaften Fahrzeuge entstanden sind und entstehen werden“.

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