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22.02.2022

11:00

Autoindustrie

Bosch-Chef Hartung: „Wir investieren gegen die globale Halbleiter-Lieferkrise“

Von: Martin-W. Buchenau

Autochips sind knapp. Der weltgrößte Automobilzulieferer beschleunigt seine Halbleiter-Ausbaupläne darum innerhalb weniger Monate ein zweites Mal.

Der neue Vorsitzende der Geschäftsführung bei Bosch investiert in die Halbleiterproduktion. dpa

Bosch-Chef Stefan Hartung

Der neue Vorsitzende der Geschäftsführung bei Bosch investiert in die Halbleiterproduktion.

Stuttgart Bosch forciert den Ausbau der eigenen Chip-Fertigung in Reutlingen. Zusätzlich 250 Millionen Euro will der weltgrößte Automobilzulieferer bis 2025 in den Standort investieren, teilte das Unternehmen mit. „Wir investieren gegen die globale Halbleiter-Lieferkrise“, sagte der seit Jahresbeginn amtierende Bosch-Chef Stefan Hartung.

Ganz entziehen kann sich Bosch der aktuellen Chipkrise allerdings nicht. Der weltgrößte Autozulieferer wird auch weiterhin keine Speicherchips, Mikroprozessoren und Mikrocontroller bauen. Bei diesen Standardhalbleitern bleibt Bosch – wie alle anderen Autozulieferer auch – auf die Chipindustrie angewiesen.

Der 136 Jahre alte Stiftungskonzern stockte zuletzt im Quartalsrhythmus seine Pläne für die Chipfertigung auf. Erst im Oktober 2021 hatte damals noch Hartungs Vorgänger Volkmar Denner bekannt gegeben, allein im Jahr 2022 mehr als 400 Millionen Euro in den Ausbau der Halbleiterstandorte in Dresden, Reutlingen und im malaysischen Penang zu investieren. In dem Paket waren bereits 150 Millionen Euro für Reutlingen reserviert, nun wird der Standort mit insgesamt 400 Millionen Euro massiv erweitert.

Bosch entwickelt und fertigt seit mehr als 60 Jahren Halbleiter, in Reutlingen seit mehr als 50 Jahren. Es geht um bereits etablierte Technologien: integrierte Schaltungen (ASICs) für Motorsteuerungen, Sensorhalbleiter (Mems) – quasi-elektronische Sinnesorgane –, die in Autos und Smartphones verbaut werden, und Leistungshalbleiter aus Siliziumkarbid, der neuen Wunderwaffe in der Elektromobilität.

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    Die Dimension wird durch Addition klarer: Für rund eine Milliarde Euro eröffnete Bosch im vergangenen Jahr eine neue Chipfabrik in Dresden. Damit hat der Zulieferer nun innerhalb weniger Jahre 1,65 Milliarden Euro in den Ausbau seiner Chipfertigung investiert. Über 200 Millionen Euro schießt der Staat aus seinen Fördertöpfen zu. Für Bosch ist der eigene Anteil eine ordentliche Summe.

    Chipgiganten investieren viel mehr als Bosch

    Die Investition von Bosch ist aber winzig im Vergleich zu den Investitionsplänen von Intel, Samsung und TSMC. Eine einzelne Chipfabrik der Branchenriesen kostet in der Regel über zehn Milliarden Euro. Die großen Chipkonzerne interessieren sich allerdings bislang noch nicht für die Nische Autochips. Hier ist Infineon Marktführer mit 13 Prozent, vor NXP mit elf Prozent. Es folgen Renesas aus Japan, Texas Instruments sowie ST Microelectronics vor Bosch.

    Doch die Schwaben sind immerhin der bisher einzige große Autozulieferer, der seine Chips selbst fertigt. Nur der japanische Zulieferer Denso will das nun ändern und beteiligt sich mit 350 Millionen Dollar an einem neuen Chipwerk, das der Auftragsfertiger TSMC in Japan errichtet.

    Im Gegensatz zum Rest der deutschen Autoindustrie weiß die Bosch-Führung, wie man Chips clever designt und selbst baut. „Aber auch Bosch muss zu wettbewerbsfähigen Preisen produzieren“, gibt Autoexperte Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach, zu bedenken. Die Strukturen der Bosch-Halbleiter sind wie bei allen Autochips deutlich gröber als die bei den Halbleitern für die neuesten Generationen von Smartphones und damit leichter zu beherrschen.

    In Fahrzeugen werden mit Ausnahme des zentralen Bordcomputers – wie etwa bei Tesla – bislang nicht die schnellsten Chips benötigt. „Aber wenn Bosch sich stark fühlt, um in der Autochipindustrie mitzuspielen, muss die Frage erlaubt sein, warum die Schwaben dann nicht noch viel stärker einsteigen?“, fragt Autoexperte Bratzel. Marktführer Infineon hat allein im vergangenen Jahr zwei Milliarden Euro in den Ausbau seiner Kapazitäten gesteckt.

    In der Tat rechnen Experten wegen der Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung des Fahrens mit einer anhaltend starken Nachfrage nach Autochips. Um bis zu 15 Prozent werde der Umsatz bis 2030 jedes Jahr zulegen, prognostiziert die Beratungsgesellschaft McKinsey in einer aktuellen Studie. Ihr Anteil werde bis 2030 auf 14 Prozent des gesamten Chipmarkts steigen, sechs Prozentpunkte mehr als vergangenes Jahr.

    Die Erlöse mit den Halbleitern werden sich McKinsey zufolge auf rund 160 Milliarden Dollar verdreifachen.

    Zudem sind zweistellige Renditen zu erwarten. Treiber ist die Elektrifizierung und Automatisierung des Fahrens: So kauften die Autohersteller im vergangenen Jahr für ein Auto mit Benzin- oder Dieselmotor im Schnitt Halbleiter im Wert von 490 Dollar ein. In Elektrofahrzeugen dagegen war die Summe mit 950 Dollar fast doppelt so hoch.

    Im Schwabenland wird das „Chip-Fabrikle“ lieber Stein auf Stein erweitert. Am Standort in Reutlingen soll jetzt erst einmal ein neuer Gebäudeteil mit zusätzlich rund 3600 Quadratmeter hochmoderner Reinraumfläche entstehen. Insgesamt soll die Reinraumfläche in Reutlingen von zurzeit rund 35.000 Quadratmetern bis Ende 2025 auf mehr als 44.000 Quadratmeter erweitert werden. Die Fertigung auf den neuen Flächen soll 2025 beginnen.

    Wunderwaffe Siliziumkarbid

    Jüngstes und heißestes Zukunftsprodukt sind die Chips aus Siliziumkarbid: Das Ausgangsmaterial mit der chemischen Formel SiC ist zwar doppelt so teuer wie herkömmliches Silizium. Aber die daraus hergestellten Chips entwickeln nur halb so viel Wärme und verbrauchen deutlich weniger Energie. Dadurch erhöht sich die Reichweite von Elektroautos bei vergleichbaren Modellen um mehr als sechs Prozent.

    Dazu ermöglicht das Material vor allem bei 800-Volt-Systemen deutlich schnelleres Laden, weil die Chips nicht so schnell überhitzen. Die Verkürzung der Ladezeit ist im Zeitalter der Elektromobilität eines der wichtigsten neuen Erfolgskriterien in der Autoindustrie. Die Leistungselektronik muss nicht so aufwendig gekühlt werden, was wiederum Energie und Gewicht einspart. Künftig wird sich kaum ein Hersteller leisten können, auf diese Chips zu verzichten.

    Der gesamte Siliziumkarbid-Markt bis 2025 wird nach Berechnungen des französischen Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Yole jedes Jahr im Schnitt um 30 Prozent auf mehr als 2,5 Milliarden US-Dollar wachsen. Mehr als die Hälfte davon soll der Automarkt ausmachen. „Siliziumkarbid ist ein sehr leichter und auch der härteste keramische Werkstoff mit einer sehr guten Wärmeleitfähigkeit sowie einer sehr guten Beständigkeit“, bekräftigt der deutsche Elektronik-Branchenverband ZVEI.

    Erst vor zwei Jahren hatte Bosch den Einstieg bei Siliziumkarbid-Chips angekündigt. Im Dezember äußerte Bosch beim Fertigungsstart Ambitionen, an die Spitze der Hersteller für Autochips aus Siliziumkarbid vorzustoßen. Ob die Marktführung in diesem speziellen Teilbereich der automobilen Anwendung für Halbleiter erreicht wird, ist allerdings offen. Große Chipkonzerne wie Infineon, ST Microelectronics, Rohm oder Wolfspeed sind schon länger auf diesem immer attraktiver werdenden Zukunftsmarkt aktiv.

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