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11.10.2022

13:51

Autoindustrie

Continental hat die Tochter abgestoßen – jetzt feiert die Börse Vitesco mehr als den früheren Mutterkonzern

Von: Roman Tyborski

Im Antriebsgeschäft muss Vitesco gegen Größen wie Bosch oder ZF bestehen. Das klappt besser als erwartet. Der CEO wischt selbst das Pleite-Risiko der Branche beiseite.

Das Antriebsunternehmen hat im Bereich der Elektromobilität Aufträge im zweistelligen Milliardenbereich. Vitesco

Vitesco

Das Antriebsunternehmen hat im Bereich der Elektromobilität Aufträge im zweistelligen Milliardenbereich.

Düsseldorf Der Kapitalmarkttag des Autozulieferers Vitesco steht im Zeichen der Krise: Steigende Rohstoff- und Energiepreise machen der Branche zu schaffen. Vitesco-Chef Andreas Wolf muss sich am Dienstag den Fragen der Investoren stellen. Und am besten Antworten für die Zukunft liefern.

Das fällt Wolf nicht allzu schwer. Im Gegensatz zu vielen anderen Zulieferern tritt der Vitesco-CEO selbstbewusst auf. Sein Antriebsunternehmen hat volle Auftragsbücher im Zukunftsgeschäft mit der Elektromobilität. „Weltweit beläuft sich unser Auftragsbestand auf über 20 Milliarden Euro“, sagt der 62-Jährige im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Innerhalb eines Jahres sei der Bestand um mehr als zehn Milliarden Euro gewachsen. „Wir müssen dafür neue wettbewerbsfähige Produktionslinien aufbauen“, erklärt Wolf. Bis 2026 plant Vitesco mit einem Anstieg des Umsatzes im Elektrobereich von derzeit unter einer auf rund fünf Milliarden Euro. 2030 sollen es bereits zehn bis zwölf Milliarden Euro sein. Der Free Cashflow werde sich bis 2026 von derzeit 50 Millionen auf rund 400 Millionen Euro verachtfachen. Aktionären stellt das Unternehmen ab 2023 eine Dividende in Aussicht.

Als Vitesco vor etwas mehr als einem Jahr an die Börse ging, haftete dem Antriebsunternehmen ein Makel an: Die Abspaltung galt als „Bad Bank“ des Mutterkonzerns Continental.. Ein Großteil des Geldes verdient Vitesco mit Komponenten für den Verbrennungsmotor. Das Geschäft mit der Elektromobilität: hochdefizitär. Bis März dieses Jahres rauschte die Aktie tief ins Minus.

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    Mittlerweile hat sich die Aktie erholt. Das Minus liegt noch bei sieben Prozent im Vergleich zur Erstnotiz. Vitesco zählt auf Jahressicht zu den stärksten Werten im Nebenwerteindex SDax.

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    Der gegenteilige Trend zeigt sich beim ehemaligen Mutterkonzern Continental. Das Kerngeschäft schreibt weiter Verluste. Zu einem laufenden Verfahren der Staatsanwaltschaft Hannover über Abgasmanipulationen bei Dieselmotoren, in dem sich Conti und Vitesco einen teuren Rechtsstreit darüber leisten, wer für mögliche Bußgelder aufkommen muss, gesellen sich auch Manipulationen bei Klima- und Industrieschläuchen. Allein in diesem Jahr hat sich der Kurs fast halbiert. Kaum ein Wert im Dax hat sich so schlecht entwickelt. Die vermeintliche Bad Bank hat bei der Aktien-Performance überholt.

    Vitescos Erfolg steht allerdings unter Vorbehalt. Denn rund 40 Prozent des Umsatzes macht das Unternehmen in Europa, wo hohe Energiepreise für viele Lieferanten zu einem Problem werden könnten. „Wir haben eine Risikoliste mit pleitegefährdeten Lieferanten aus der ganzen Welt. Auf der steht eine hohe zweistellige Zahl an Unternehmen“, sagt Wolf. Um eine Unterbrechung der Lieferketten zu vermeiden, würde gemeinsam mit diesen Unternehmen nach Lösungen gesucht.

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    Den dafür nötigen finanziellen Spielraum räumen die Kunden ein. „Etwa 80 Prozent unserer höheren Kosten können wir an die Autobauer weitergeben“, sagt Wolf. Davon würden am Ende auch die kleineren Lieferanten profitieren. Der Vitesco-Chef hält deswegen die Warnungen einer Pleitewelle im deutschen Zulieferer-Sektor für übertrieben. „Dieses Risiko sehen wir nicht“, bemerkt er.

    Das starke Engagement in China wiederum ist Wolf zufolge kein Problem der Autozulieferer. Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine wird Pekings Anspruch auf die Insel Taiwan im Westen mit Argwohn beobachtet. Auch der interne Umgang mit der Volksgruppe der Uiguren wird inzwischen offen von der Politik kritisiert.

    Wolf sieht hier die Autobauer in der Verantwortung. Vitesco folge schlichtweg seinen Kunden nach China. Zwar ließen sich solche Komponenten auch in anderen asiatischen Ländern für den chinesischen Markt herstellen, zum Beispiel in Indien. Doch die Notwendigkeit, Werke dort zu verschieben, sieht Wolf nicht.

    Auch die konjunkturelle Eintrübung in Europa tut seinem Optimismus keinen Abbruch. Im Geschäft mit der Elektromobilität sehe er keinen Nachfragerückgang. Das würden die teils sehr langen Wartezeiten bei einigen Elektromodellen belegen.

    Analysten der Schweizer Investmentbank UBS stufen die Lage anders ein. Die Auto-Experten der Bank gehen davon aus, dass die Branche in drei bis sechs Monaten in ein Überangebot läuft. Derzeit sorgt der Chipmangel noch für einen Angebotsmangel und somit für höhere Pkw-Preise. Angesichts der hohen Inflation in Europa und in den USA aber dürfte sich diese Nachfrage demnächst deutlich abkühlen. Die Prognosen von Massenherstellern und Zulieferern, die sich in der Transformation zur Elektromobilität befinden, seien zu optimistisch. Im Zuge dessen hat die UBS zahlreiche Autobauer und Zulieferer, unter anderem Volkswagen und Continental, heruntergestuft.

    Elektrogeschäft schreibt weiter Verluste

    Vitesco hat den Aktionären versprochen, bis 2024 Geld mit der Elektromobilität zu verdienen. Bislang verbrennt der Sektor Geld. Bei einem Umsatz von knapp 310 Millionen Euro im ersten Halbjahr lag der Verlust bei fast 140 Millionen Euro.

    Um den sogenannten Break-even nicht zu gefährden, macht Vitesco auch vor Kürzungen am selbst als „Zukunftswerk“ gepriesenen Standort Nürnberg nicht halt. Dort lässt das Unternehmen unter anderem Inverter für Elektromotoren herstellen. Dort sollen mittelfristig 800 Arbeitsplätze abgebaut werden.

    Der Vitesco-Chef geht davon aus, dass trotz gestiegener Inflation und Energiepreise die Nachfrage nach Elektroautos hoch bleibt. Vitesco

    Andreas Wolf

    Der Vitesco-Chef geht davon aus, dass trotz gestiegener Inflation und Energiepreise die Nachfrage nach Elektroautos hoch bleibt.

    Im Betriebsrat sorgte das für Empörung. Bislang waren nur Standorte von Sparmaßnahmen betroffen, die ausschließlich Komponenten für Verbrennungsmotoren herstellen. Mit der Entscheidung, in Nürnberg ebenfalls Kosten einzusparen, „gerät das einzige der acht deutschen Vitesco-Werke, das nicht vom technologischen Phase-out mit Schließungsperspektive betroffen ist, nun ebenfalls in ein Abbauszenario Marke Kahlschlag“, sagte Vitesco-Gesamtbetriebsrat Torsten Buske unmittelbar nach der Entscheidung Ende Juni dieses Jahres. Mit „Phase-out“ meint er dabei das absehbare Ende des Verbrennungsmotors in Massenproduktion.

    Wolf rechtfertigt diesen Schritt. „Die Wettbewerbsfähigkeit bei arbeitsintensiven Produkten ist in Nürnberg nicht mehr gegeben“, sagt er. Eine Produktion in Deutschland sei im Umfeld gestiegener Energiekosten zwar weiterhin möglich. Diese beschränke sich aber auf Hochtechnologieprodukte, die stark automatisiert hergestellt werden. Langfristig werden Produktionsbereiche mit hohem manuellen Arbeitsanteil nicht mehr in Deutschland gehalten werden können, egal ob Verbrenner- oder Elektro-Komponente, so Wolf.

    Dies bedeutet für Nürnberg: Eine Beschäftigungszahl auf heutigem Niveau ist nicht zu halten. Es bedeutet möglicherweise für Deutschland: die Anfangsphase einer Deindustrialisierung. Experten warnen bereits, dass die hohen Produktionskosten in Deutschland die Wettbewerbsfähigkeit als Industriestandort gefährden würden.

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