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03.08.2022

16:11

Autoindustrie

Die Nachfrage nach Elektroautos boomt – doch der Absatz könnte noch höher sein

Von: Roman Tyborski

Der Anteil der Elektroautos an den Neuzulassungen wächst. Dabei könnten die Hersteller noch deutlich mehr Autos verkaufen. Doch es hapert bei der Produktion.

Die Nachfrage nach reinen Elektroautos legt weiter zu, während die Zulassungen von Neufahrzeugen insgesamt in Deutschland zurückgehen. dpa

Elektroautos

Die Nachfrage nach reinen Elektroautos legt weiter zu, während die Zulassungen von Neufahrzeugen insgesamt in Deutschland zurückgehen.

Düsseldorf Im Juli sind die Zulassungen von reinen Elektroautos in Deutschland wieder überproportional gestiegen. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) hat am Mittwoch die Zahlen für den vergangenen Monat veröffentlicht. Demnach wurden im Juli im Vergleich zum Vorjahr 13,2 Prozent mehr batteriebetriebene Fahrzeuge zugelassen. Im gleichen Zeitraum sanken die Zulassungen von Autos mit Benzinmotoren um mehr als 20 Prozent. Bei den dieselbetriebenen Fahrzeugen waren es über elf Prozent weniger.

Auch wenn die Zulassungen laut dem KBA dadurch insgesamt im Juli 13 Prozent unter dem Vorjahr liegen, ist die starke Nachfrage nach Elektroautos eine gute Neuigkeit für die Autoindustrie. Hersteller und Zulieferer investieren Milliarden in den Aufbau von Produktionsstätten für Elektroautos.

Die Auftragsbücher sind voll, bestätigt auch der Autozulieferer ZF zur Vorstellung seiner Halbjahreszahlen am Mittwoch. In den Büchern des Stiftungskonzerns schlummert ein Auftragsvolumen für elektrifizierte Antriebe von satten 23 Milliarden Euro bis zum Jahre 2030. Je schneller die Nachfrage steigt, desto eher rechnen sich die Investitionen.

Die erwartete Kürzung der Kaufprämien auf Elektroautos wird die Nachfrage und die Transformation der Industrie jedenfalls nicht stoppen. Im Gegenteil: Derzeit sind die Autobauer nicht in der Lage, die Nachfrage, vor allem in Europa, adäquat zu bedienen.

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Standort erkennen

    Das zeigt eine Untersuchung der Strategieberatung PwC. Demnach wird die Autoindustrie in Europa in diesem Jahr voraussichtlich 1,5 Millionen Elektroautos produzieren können. „Bei maximaler Kapazität und ohne Engpässe könnten es mehr als doppelt so viele sein“, sagt Felix Kühnert, Partner bei PwC.

    Das deckt sich auch mit der Auftragssituation bei den deutschen Autobauern. So hat beispielsweise BMW die Nachfrage für die Elektrolimousine i4 unterschätzt. Statt der mittelfristig jährlich 120.000 produzierten Einheiten, die BMW vorausgeplant hatte, könnte der Autobauer nach Ansicht des Betriebsratschefs Manfred Schoch fast doppelt so viele i4 auf die Straße bringen. Bereits seit Dezember vergangenen Jahres hat BMW für die Produktion des Modells Sonderschichten in seinem Werk in München eingeführt.

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    Mercedes-Chef Ola Källenius wiederum bittet seine Kunden um Geduld. Der Autobauer produziere bereits so schnell es geht, um den Auftragsstau abzuarbeiten, sagte Källenius zur Vorstellung der Quartalszahlen in der vergangenen Woche. Auch bei anderen Herstellern sind die Wartezeiten lang. Derzeit können je nach Elektromodell zwischen dem Bestellen und dem Ausliefern eines Fahrzeugs bis zu 18 Monate vergehen.

    Vor allem auf Elektrofahrzeuge im mittleren Preissegment müssen Kunden lange warten. Bevor beispielsweise ein Skoda Enyaq beim Kunden eintrifft, vergehen fast zwei Jahre. Der Grund: Die Autohersteller priorisieren in Zeiten des Materialmangels die Produktion teurer Fahrzeuge, da diese pro Einheit höhere Margen liefern. Auch deswegen wird das volle Produktionspotenzial nicht ausgenutzt und die Nachfrage nicht vollends bedient.

    Wie stark die Nachfrage-Dynamik bei den Elektroautos ist, zeigt auch die Markenübersicht des KBA. Vor allem reine Elektroautohersteller wie Polestar ragen hier hervor. Die Volvo-Tochter hat zwischen Januar und Juli 2022 in Deutschland im Vergleich zum Vorjahreszeitraum über 120 Prozent mehr Fahrzeuge abgesetzt.

    Bei Tesla beträgt das Wachstum mehr als 36 Prozent. Hersteller, die sowohl Elektro-, Verbrenner- also auf Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge produzieren, hinken hinterher. Volkswagens Absatz ist um mehr als 19 Prozent gesunken, bei BMW beträgt der Rückgang knapp 13 Prozent, bei Mercedes mehr als sieben Prozent.

    Bessere Chipversorgung wird Nachholeffekte auslösen

    Weltweit sind die Verkaufszahlen von reinen Elektroautos PwC zufolge im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 81 Prozent gestiegen. PwC hat zudem die Zulassungszahlen der zehn wichtigsten Elektroauto-Märkte in Europa untersucht (Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Großbritannien, Schweden, Norwegen, Niederlande, Schweiz und Österreich).

    Demnach wurden dort seit Jahresanfang knapp 580.000 batterieelektrische Fahrzeuge zugelassen. Das entspricht einem Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr von mehr als 27 Prozent. Zum Vergleich: Die Verkäufe von Plug-in-Hybriden sind im selben Zeitraum um fast 14 Prozent gesunken.

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    „Derzeit beobachten wir bereits erste Anzeichen für eine Entspannung der Lieferengpässe und erwarten mehr Produktionskapazitäten für Elektroautos mit einem stärkeren Wachstum im zweiten Halbjahr“, sagt PwC-Partner Kühnert. „Für Deutschland erwarten wir mittel- und langfristig eine konstant steigende Nachfrage nach Elektroautos, die auch durch die erwarteten Kürzungen der staatlichen Förderungen nicht stark gebremst werden dürfte.“

    Vor allem mit Blick auf eine mittelfristig bessere Chipversorgung könnten Nachholeffekte auf dem Elektroautomarkt in den kommenden Jahren für ein anhaltend hohes Wachstum sorgen. So rechnet PwC, dass 2027 die jährliche Elektroautoproduktion weltweit 260 Prozent über dem heutigen Niveau liegen könnte. Damit würden 2027 jährlich mehr als 26 Millionen Fahrzeuge mit elektrischen Antrieben produziert werden.

    Peter Fuß vom PwC-Konkurrenten EY geht allerdings davon aus, dass der Absatz bei günstigen Elektroautos in Deutschland absacken könnte. Hier mache die Kaufprämie einen erheblichen Anteil am Kaufpreis aus. „Für Normal- oder Geringverdiener rückt ein elektrischer Neuwagen in weitere Ferne, zumal das Angebot an preisgünstigeren elektrischen Klein- oder Kompaktwagen sehr überschaubar ist. Elektromobilität droht damit zukünftig ein Privileg der Besserverdienenden zu werden und der Dienstwagenfahrer, die sich über weiterhin großzügige Steuervorteile freuen können“, sagt Fuß.

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