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15.10.2019

14:20

Autoindustrie

VW-Aufsichtsrat spricht sich gegen neues Werk in der Türkei aus

Von: Ozan Demircan, Martin Murphy

Die VW-Milliarden-Investition in der Türkei steht vor dem Aus – wegen des Militäreinsatzes in Syrien. Damit dürfte Erdogan ein Prestigeprojekt verlieren.

„Ich kann mir persönlich nicht vorstellen, dass unter diesen Bedingungen Volkswagen ein Milliardenengagement in der Türkei eingehen kann.“ dpa

Stephan Weil

„Ich kann mir persönlich nicht vorstellen, dass unter diesen Bedingungen Volkswagen ein Milliardenengagement in der Türkei eingehen kann.“

Frankfurt, Istanbul Investitionen in Höhe von einer Milliarde Euro, 4000 Arbeitsplätze, 300.000 produzierte Fahrzeuge pro Jahr: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan muss sich gefreut haben, als der Wolfsburger Autobauer Volkswagen seine Pläne für ein neues Auslandswerk in der Türkei in diesem Sommer konkretisierte. Die türkische Regierung gewährte Garantien, Volkswagen versprach Wirtschaftswachstum.

Doch so einfach funktioniert es nicht mehr. Wegen der anhaltenden internationalen Kritik an einem türkischen Militäreinsatz in Nordsyrien überdenkt der Konzern seine Entscheidung. Am Montag informierte der Konzern die türkische Regierung über die Verschiebung, wie das Handelsblatt aus Kreisen erfuhr.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hat sich mit unerwartet klaren Worten gegen den Bau eines VW-Autowerkes in der Türkei ausgesprochen. „Ich kann mir persönlich nicht vorstellen, dass unter diesen Bedingungen Volkswagen ein Milliardenengagement in der Türkei eingehen kann“, sagte der SPD-Politiker am Dienstag vor Journalisten.

Weil, der auch im Aufsichtsrat von VW sitzt, begründete dies mit der türkischen Militäroffensive in Syrien. Dies sei ein offenkundiger Bruch des Völkerrechts durch einen Nato-Partner. „Das ist eine politische und humanitäre Katastrophe.“

Volkswagen wollte ursprünglich ein neues Werk nahe der Stadt Izmir bauen und plante dazu Investitionen in Milliardenhöhe. Eigentlich wollte der Aufsichtsrat von Volkswagen auf seiner Sitzung am 15. November den Weg final freimachen.

Dazu dürfte es nun nicht kommen. Der Vorstand beschloss auf seiner Sitzung an diesem Dienstag, dass das Gremium keine Entscheidungen in diese Richtung treffen werde. „Die gegenwärtige Lage beobachten wir sorgfältig und blicken mit Sorge auf die derzeitige Entwicklung“, sagte ein Konzernsprecher.

Das Unternehmen hatte in der Gemeinde Manisa im Westen der Türkei, wo das Werk entstehen soll, bereits die Gründung einer Firma ins Unternehmensregister eintragen lassen. Doch in der Zwischenzeit ließ der türkische Präsident das Militär in Syrien einmarschieren.

Die Türkei will dort die Milizen der YPG aus der Grenzregion zur Türkei vertreiben und einer Sicherheitszone für bis zu zwei Millionen syrische Flüchtlinge schaffen. US-Präsident Donald Trump, dessen Truppen bis vor wenigen Tagen dieses Gebiet besetzt hielten, gab mit seinem Truppenabzug grünes Licht für eine türkische Intervention.

Jetzt rudert Trump zurück, um politische Gegner zu Hause zu besänftigen. Die USA führten am Montagabend Sanktionen gegen die Türkei ein. Darüber hinaus stoppten mehrere Nato-Länder, darunter Deutschland und Frankreich, ihre künftigen Waffenverkäufe an die Türkei.

Ungeachtet der klaren Positionierung des niedersächsischen Ministerpräsidenten könnte VW seine Expansionspläne in der Türkei weiterverfolgen. Allerdings ist dies unwahrscheinlich. Denn ohne Weil dürfte auch die Rückendeckung aus Berlin fehlen. Die schwarz-rote Regierungskoalition hatte die Pläne befürwortet, da das Werk ein Signal für eine Annäherung hätte sein sollen.

Davon kann nun keine Rede mehr sein. Es sei undenkbar, dass sich bei einer Eröffnungszeremonie Bundeskanzlerin Angela Merkel und VW-Chef Herbert Diess mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ablichten ließen, hieß es.

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