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13.09.2019

09:51

Automarkt

Start-up Vive La Car bringt Händler-Autos per Abo auf die Straße

Von: Timm Seckel

Die Firma Vive La Car aus Stuttgart will Vermieter und Leasingdienste mit einem Auto-Abo angreifen. Davon sollen auch die zuletzt schwächelnden Markenhändler profitieren.

Die Gründer Florine von Caprivi, Stefan Neumann und Mathias Albert wollen nicht günstiger sein als ein Leasingvertrag, aber flexibler. Vive La Car

Grünungsteam von Vive La Car

Die Gründer Florine von Caprivi, Stefan Neumann und Mathias Albert wollen nicht günstiger sein als ein Leasingvertrag, aber flexibler.

Frankfurt/Stuttgart Während die großen Autokonzerne auf der diesjährigen IAA in Frankfurt besonders daran arbeiten, Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen, startet das Stuttgarter Start-up Vive La Car auf der Messe offiziell die Geschäfte. Mit einem Abo-Modell für Autos, angelehnt an Streamingdienste wie Spotify und Netflix, zielt das Unternehmen auf den Markt zwischen klassischem Mietgeschäft und Leasingangeboten ab. „Der Automarkt braucht einen neuen Impuls“, sagt Mitgründerin Florine von Caprivi.

Konkret funktioniert das so: Markenhändler können ihre Wagen beim Onlineportal des Start-ups zur Verfügung stellen. Interessierte suchen nach Autos in ihrer Nähe und schließen einen Abo-Vertrag mit einem bestimmten Kilometer-Kontingent ab. So kostet der VW Golf eines Mülheimer Autohauses zum Beispiel 240 Euro im Monat, wenn sich der Kunde für die Option mit 200 Kilometern pro Monat entscheiden. Das Paket mit 1500 Kilometern kostet 445 Euro.

Das Abonnement schließen Verbraucher online ab, das Start-up kümmert sich um den Rest. Zustellung, Versicherung und Reparaturen organisieren die Stuttgarter. „Der Kunde muss im Grunde nur noch tanken“, sagt Caprivi. Wer kein Auto mehr will, kündigt mit einer Frist von drei Monaten.

Dass das Interesse an Auto-Abos wächst, bestätigen Zahlen des Nürnberger Marktforschungsinstituts Puls. So stieg die Zahl der befragten Autokäufer, die sich für ein solches Abo interessierten, zwischen Januar und August von 22 auf 32 Prozent. „Besonders unter jungen Kunden sind solche Angebote beliebt“, sagt Puls-Marktforscher Konrad Weßner.

In der Altersgruppe der unter 30-Jährigen bekundeten demnach 38 Prozent der Befragten Interesse. Junge Kunden hätten eine sehr geringe Loyalität zu Marken und Modellen, langfristige Verpflichtungen seien für sie eher abschreckend, sagt Weßner. Außerdem sei dieser Gruppe das Konzept Abo durch Streamingdienste näher als Älteren.

Um den wachsenden Markt bemühen sich neben Start-ups auch einige Autohersteller mit eigenen Diensten. Einer der ersten ist dabei Volvo mit dem Angebot „Care by Volvo“. Hier wählen Kunden ein Volvo-Modell und ein entsprechendes Kilometerpaket, mit drei Monaten Vorlauf kann das Abo gekündigt werden.

Der Vermieter Sixt bietet mit der „Sixt Flat“ ein ähnliches Angebot. Auto-Experte Stephan Lützenkirchen, langjähriger Kommunikationschef von PSA in Deutschland sieht bei Vive La Car trotzdem einen entscheidenden Unterschied: „Die Händler werden einbezogen.“

Gerade Markenhändler stehen aktuell unter enormem Druck der Hersteller, die wiederum mit sinkenden Absatzzahlen kämpfen. Im Jahr 2018 mussten 1080 markengebundene Betriebe schließen, die Umsatzrendite sank auf nur noch etwa ein Prozent, wie der Händlerverband im aktuellen Geschäftsbericht schreibt.

Aktuelle Zahlen zeigen auch, dass etwa ein Drittel aller Neuzulassungen über Händler oder Hersteller laufen. Doch nur weil diese Autos zugelassen sind, bedeutet das nicht, dass sie auch auf der Straße fahren. Auswertungen des Portals mobile.de zeigen, dass bei einer Suche nach Gebrauchtwagen mit weniger als 20.000 gefahrenen Kilometern und unter zwei Jahren Lebenszeit über 600.000 Ergebnisse zu finden sind.

Autofahrer sind bereit für Abo mehr zu bezahlen

Viele Autos sind also zugelassen, warten aber auf den Parkplätzen der Autohäuser auf Kunden „Der Markt ist dadurch unglaublich aufgebläht“, sagt Stephan Lützenkirchen. Rund 90 Tage stehe ein Fahrzeug durchschnittlich beim Händler, etwa 300 Euro würden monatlich für Reinigung und Wartung anfallen, schätzt der Experte.

Diese Standkosten sollen mit dem Auto-Abo wegfallen. Händler bieten die Autos online an, das Start-up zahlt einen festen Betrag für den Wertverlust während der Abo-Laufzeit. Hinzu kommen Einnahmen für Service und Reparaturen. Ein entscheidender Vorteil für die Markenhändler sei außerdem der direkte Kontakt zum Kunden, sagt Marktforscher Weßner. „Viele Verkäufer sehen das als verlängerte Testfahrt, um dem Fahrer später ein Auto zu verkaufen.“ Seine Befragungen zeigen: die Hälfte aller Händler hat Interesse am Abo-Modell.

Potenzielle Kunden gibt es also, interessierte Händler mit ausreichend Autos auch, doch wie verdient das Start-up daran? „Wir wollen nicht günstiger sein als ein Leasingvertrag“, sagt Gründerin Caprivi. Das Unternehmen richte sich vielmehr an Kunden, die Wert auf Flexibilität legen. Wer zum Beispiel nur in den Wintermonaten ein Auto wolle, interessiere sich nicht für einen mehrjährigen Leasingvertrag.

Dass Autofahrer bereit sind, für ein Abo-Modell mehr zu bezahlen, zeigen wiederum Zahlen aus der Puls-Marktforschung. Demnach sind 50 Prozent der Befragten bereit, einen Aufpreis von zehn Prozent auf den normalen Leasingpreis zu bezahlen. „Einige würden sogar weit mehr zahlen“, sagt Marktforscher Weßner.

Im Raum Stuttgart und in Norddeutschland bietet Vive La Car bereits seit Juni einige Autos an, zum offiziellen Start bei der IAA kommen dann die anderen Landesteile hinzu. Auch der Markteintritt in Österreich ist geplant, im kommenden Jahr soll es soweit sein. Langfristig werden Nutzfahrzeuge, Motorräder und Wohnmobile hinzukommen, so Caprivi.

Mehr: Abo-Modelle für Autos werden immer beliebter. So finden Sie das passende Angebot.

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