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31.03.2022

04:00

Automatisierung

Ersatzteile für mehr als 20 Jahre – so will der japanische Roboterhersteller Fanuc mehr Marktanteile gewinnen

Von: Axel Höpner

Der japanische Weltmarktführer will in Europa prozentual zweistellig wachsen. Dabei setzt der Roboterhersteller vor allem auf langfristig garantierten Service.

Der japanische Roboterhersteller setzt auf Langlebigkeit.

Fanuc-Roboter

Der japanische Roboterhersteller setzt auf Langlebigkeit.

München Manchmal kommen die Anfragen aus den entlegensten Regionen: Als wegen Corona viele Länder im Lockdown waren, meldete sich eine Getränkefirma aus Neukaledonien, einer Inselgruppe tief im Südpazifik, beim Weltmarktführer Fanuc. Ein älterer Roboter sei kaputt. Die Anreise eines Technikers war unmöglich.

Doch der japanische Roboterbauer entwickelte eine Lösung, schickte Ersatzteil und Spezialwerkzeug und ließ die Reparatur per Videochat anleiten. Auf Ausnahmesituationen wie diese sind die Japaner vorbereitet. „Wir halten jedes Ersatzteil für mehr als 25 Jahre vor“, sagt Fanuc-Europachef Shinichi Tanzawa dem Handelsblatt. In Europa dauere es im Schnitt weniger als 20 Stunden vom Anruf eines Kunden bis zur Reparatur eines Roboters. Fällt die Produktion aus, zählt jede Stunde.

Die Verlässlichkeit ist für Fanuc ein gutes Verkaufsargument. Obwohl der japanische Roboterbauer erst seit 1985 in Europa aktiv ist, dürfte er inzwischen mit einem Marktanteil von gut 25 Prozent auch in Europa führend sein. Nur der Schweizer Konkurrent ABB ist in etwa auf Augenhöhe. Der Gesamtumsatz von Fanuc liegt in Europa bei etwa einer Milliarde Euro, etwa die Hälfte davon dürfte auf die Roboter entfallen.

Für die kommenden Jahre hat Konzernchef Tanzawa sich ambitionierte Ziele gesetzt und will sich weiter von der Konkurrenz absetzen. „Wir wollen die Robotik-Umsätze in Europa in den nächsten zehn Jahren mit zweistelligen Wachstumsraten verdoppeln“, sagt er.

Dabei setzt Fanuc zwar ebenfalls auf technologische Weiterentwicklung und Innovationen. Doch ihre besondere Stärke sehen die Japaner vor allem in der Langlebigkeit der Roboter, garantiertem Service über den gesamten Lebenszyklus und der hohen Verfügbarkeit von Ersatzteilen.

Ersatzteile für mehrere Jahrzehnte

„Viele unterschätzen das Thema“, sagt Tanzawa. „Doch viele Anwender merken erst nach einiger Zeit, wie teuer der Unterhalt sein kann.“ Auch wenn das dem Vertrieb die Arbeit erschwere, wolle man einen Roboter im Zweifel lieber reparieren, als dem Kunden einen neuen verkaufen. Ein nicht geringer Teil der 810.000 bislang von Fanuc installierten Roboter sei älter als 20 Jahre, etliche noch einmal deutlich älter.

Der Fanuc-Europachef will die Marktanteile in den kommenden Jahren deutlich erhöhen.

Shinichi Tanzawa

Der Fanuc-Europachef will die Marktanteile in den kommenden Jahren deutlich erhöhen.

Daher legt Fanuc in großen Lagerhallen die erwartbar benötigten Ersatzteile für mehr als 100 Modelle für Jahrzehnte zurück – ein kostspieliges Unterfangen, wie auch Tanzawa einräumt. „Doch wir garantieren lebenslangen Service, und dann müssen auch die Teile verfügbar sein.“

Allein im europäischen Fanuc-Reparaturlager in Luxemburg sind derzeit mehr als 360.000 Teile eingelagert. Manche liegen bereits seit 25 Jahren dort, andere sollen für die frisch ausgelieferten Roboter in den nächsten 25 Jahren bereitstehen. „Vor fünf Jahren haben wir 99 Prozent der benötigten Teile sofort liefern können“, sagt Tanzawa, „jetzt sind wir bei 99,97 Prozent.“ Von 4000 Anfragen könne man nur eine nicht sofort bedienen.

Gerade europäischen Kunden sei eine lange Lebensleistung der Maschinen wichtig, sagt Tanzawa. In China reiche es vielen Käufern erst einmal, wenn der Roboter ein paar Jahre laufe. Japanische Roboterbauer sind auf dem Weltmarkt dominant. Insgesamt kommen fünf der zehn größten Hersteller von Industrierobotern aus dem asiatischen Land. Neben Fanuc gehören Yaskawa und Mitsubishi Electric zu den größten Anbietern.

Starke Konkurrenz in Europa

In Europa aber stoßen die dominanten japanischen Hersteller auf starke Konkurrenten: ABB und Kuka, das inzwischen zum chinesischen Midea-Konzern gehört, haben zum Beispiel bei den europäischen Autobauern eine starke Position.

Doch Kuka konnte zuletzt auch in anderen Branchen zulegen. Der Umsatz verbesserte sich im vergangenen Jahr um gut ein Viertel auf 3,3 Milliarden Euro. „Wir bedienen eine weltweit steigende Nachfrage und begleiten auch zunehmend Kunden außerhalb unserer klassischen Märkte wie dem Automobilsektor“, sagte CEO Peter Mohnen. Bis 2025 wolle Kuka „die Führungsrolle in der roboterbasierten Automatisierung“ übernehmen.

Die Japaner legen Wert auf eine exzellente Versorgung mit Ersatzteilen.

Fanuc-Warenlager in Luxemburg

Die Japaner legen Wert auf eine exzellente Versorgung mit Ersatzteilen.

Bei ABB stiegen die Umsätze in der Sparte Robotik und Fertigungsautomatisierung im vergangenen Jahr um neun Prozent auf 3,3 Milliarden Dollar. Der Auftragseingang legte sogar um 29 Prozent auf 3,8 Milliarden Dollar zu. „Es ist eine gute Zeit, um in der Robotik-Industrie zu sein“, sagte der neue ABB-Robotik-Chef Marc Segura.

Fanuc will dagegenhalten. Große Pläne haben die Japaner insbesondere mit den kollaborierenden Roboter, die direkt neben dem Menschen arbeiten können. „Mittelfristig wollen wir klarer Marktführer für Cobots in Europa werden“, sagte Tanzawa, als er kürzlich die neue CRX-Modellreihe vorstellte. Vor allem für das Lichtbogenschweißen werden diese bereits häufig eingesetzt.

Auch bei diesen CRX-Robotern spielt das Thema Service und Verfügbarkeit eine zentrale Rolle. Die Serie ist so konzipiert, dass sie acht Jahre lang wartungsfrei arbeiten soll. Bei anderen Herstellern müssten die Arme oft nach kurzer Zeit ausgetauscht werden, sagt Tanzawa. Auch das habe den von Experten schon länger erwarteten Durchbruch der Cobots verzögert. „Unsere halten über viele Jahre, wir testen das intensiv.“

Trend zu mehr Automatisierung

Die Robotik-Branche ist seit vielen Jahren auf Wachstumskurs, unterbrochen nur von einer Coronadelle. Für 2021 rechnete der Branchenverband IFR zuletzt mit einem neuen Rekordabsatz von 435.000 verkauften Robotern. 2024 will die Branche dann erstmals mehr als eine halbe Million Maschinen installieren.

Angesichts der Probleme in den Lieferketten, die viele Unternehmen während Pandemie und Ukrainekrise durchlebt haben, versprechen sich die Roboter-Hersteller in Europa zusätzliche Nachfrage. „Es gibt schon länger den Trend, Produktion zum Beispiel teilweise nach Europa zurückzuholen“, sagte Marc Segura, der die Robotik-Sparte von ABB führt. „Dieser Effekt wird sich weiter verstärken.“ Denn angesichts von Fachkräftemangel und vergleichsweise hohen Personalkosten dürfte eine Vertiefung der Wertschöpfung in Europa nur mit einem hohen Grad an Automatisierung möglich sein.

Auch Fanuc-Europachef Tanzawa rechnet mit einem lang anhaltenden Boom. Niemand wisse, wie sich der Ukrainekrieg kurzfristig auf die Investitionsbereitschaft der Kunden auswirke. Doch der langfristige Trend sei intakt. Daher will Fanuc die Kapazitäten deutlich erhöhen.

Produziert werden die Roboter ausschließlich in Japan. Man baue viele auf Lager, sagte Tanzawa. Bei einer Bestellung aus Europa werde ein Roboter sofort versandt und in Luxemburg auf die speziellen Kundenbedürfnisse angepasst. Eine eigene Produktion in Europa sei weiterhin nicht geplant.

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