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04.01.2022

11:48

Automatisierung

„Robot Valley Saxony“: Wie Sachsen zum führenden Robotik-Cluster werden will

Von: Axel Höpner

Die enge Vernetzung von Hochschulen und Start-ups soll Sachsen zu einem führenden Robotik-Standort machen. Eine Leuchtturm-Rolle kommt dabei einem Unternehmen wie Wandelbots zu.

Mit einem speziellen Stift können Menschen den Wandelbots-Roboter leicht auf andere Aufgaben einstellen. Wandelbots

Training eines Roboters

Mit einem speziellen Stift können Menschen den Wandelbots-Roboter leicht auf andere Aufgaben einstellen.

München Die neuen kollaborierenden Roboter haben ihren Siegeszug um die Welt von Odense aus angetreten. In der dänischen Stadt gibt es ein einzigartiges Ökosystem aus Hochschulen, Start-ups, traditionellen Konzernen und kommunaler Förderung, das den Cobot-Weltmarktführer Universal Robots und in dessen Umfeld mehr als 100 Robotik-Firmen hervorgebracht hat.

In Deutschland gibt es auch eine lebendige Robotik-Landschaft, doch ist sie auf viele Standorte verteilt. In Sachsen aber gibt es große Ambitionen, eine ähnliche Rolle wie Odense zu spielen. „Sachsen kann zu einem führenden Robotik-Standort in Europa werden“, sagte Thomas Horn, Chef der sächsischen Wirtschaftsförderung, dem Handelsblatt.

Bereits heute gibt es mehr als 330 Unternehmen und Institute mit 35.000 Mitarbeitern, die sich in Sachsen mit Projekten rund um Robotik und Automatisierung beschäftigen.

Die Branche stelle sich gerade neu auf, sagte Horn. Durch 5G und die Verbesserung der Sensorik bekomme die Robotik weltweit einen Schub. „Da gibt es jetzt neue Einsatzpotenziale, die man früher eher als Science-Fiction gesehen hätte.“

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Standort erkennen

    Unter dem Label „Robot Valley Saxony“ will Sachsen nun den Sprung nach vorne schaffen. Dazu helfen die Förderer bei der Investoren-Akquise, bei der Markterschließung und der Vernetzung mit den Hochschulen. „Wir sind die Kümmerer“, sagt Horn.

    PowerON will Robotern das Fühlen beibringen

    Eines der hoffnungsvollen Start-ups vor Ort ist PowerON. „Dresden ist auf dem Weg, der ,Place to be‘ in der Robotik zu werden“, ist Mitgründer und Geschäftsführer Markus Henke überzeugt. „Es ist ein toller Mikrokosmos mit einer Community, die sich gegenseitig befruchtet.“

    PowerON will eines der großen Probleme in der Robotik lösen. „Wir wollen Roboter menschlicher machen und ihnen das Fühlen beibringen“, sagt Henke. Denn noch immer tun sich Roboter zum Beispiel schwer damit, verschiedene Gegenstände mit dem notwendigen Feingefühl zu ergreifen.

    Um dies zu ändern, hat PowerON einen Kunststoff entwickelt, der sich verformt, wenn elektrischer Strom fließt. So kann ein menschlicher Muskel nachgeahmt und mit Sensorik verknüpft werden. Der bionische Robotermuskel bekommt Reflexe und Tastgefühl.

    An so einer Technologie arbeiten viele Firmen weltweit, doch PowerON hat nach eigenen Angaben eine Lösung entwickelt, die mithilfe künstlicher Neuronen ohne die aufwendige konventionelle Elektronik auskommt. „Da öffnet sich ein Riesenmarkt von Prozessen, die bisher nicht automatisierbar sind“, sagt Henke.

    Der Standort Dresden bietet nach seiner Einschätzung viele Vorteile. Es gebe inzwischen ein enges Netzwerk zwischen Hochschulen und Firmen. PowerON hat gerade erst TU-Absolventen eingestellt. „Zudem profitieren wir von den Erfahrungen von anderen Start-ups, die schon ein Stück weiter sind.“

    Wandelbots: Der Robotik-Star aus Sachsen

    So holte sich Henke Tipps von Wandelbots, einem der erfolgreichsten Robotik-Start-ups in der Region. Die Firma hat einen sogenannten TracePen entwickelt, mit dem sich Roboter sehr einfach bedienen lassen. Die Technologie ist bei VW im Einsatz – und hat Siemens und Microsoft so sehr überzeugt, dass sie bei Wandelbots einstiegen.

    Wandelbots habe „als Leuchtturm bewiesen, dass hier zentrale Spieler entstehen können“, sagt Wirtschaftsförderer Uwe Lienig. Das habe auch den anderen Start-ups einen Schub gegeben.

    Die Stärke Sachsen sei es, die neuen kollaborierenden Roboter für die Anwendung nutzbar zu machen. Zwar gebe es in der Region keinen Hersteller von Industrierobotern. Entscheidend seien aber heutzutage die Systeme drum herum und die Software.

    In der neuen Robotik gibt es in Deutschland noch keinen klaren regionalen Schwerpunkt. Eine starke Position hat zum Beispiel München mit vielen Aktivitäten an der TU München und Roboterbauern wie dem Regalroboter-Spezialisten Magazino und Coboworx, das prozessfertige Roboterzellen entwickelt. Daneben haben zum Beispiel Karlsruhe mit dem Institut für Technologie (KIT) und Stuttgart starke Positionen.

    Bisher noch kein führender Standort in Deutschland

    Vielleicht sei es ganz gut, dass es nicht den einen zentralen Standort in Deutschland gebe, sagt Olaf Gehrels vom Deutschen Robotik-Verband. „Ein bisschen Wettbewerb zwischen den einzelnen Standorten ist nicht verkehrt und pusht die Robotik mit mehreren Themenschwerpunkten.“ Ein zentrales Robotik-Cluster wäre nach seiner Einschätzung nicht agil genug.

    Es habe von Anfang an eine große Durchlässigkeit zwischen Hochschulforschung und privater Wirtschaft gegeben. „Das Netzwerk in Sachsen hat eine beispielhafte Eigendynamik entwickelt.“

    Ein Vorteil für den Standort ist, dass es auch in der industriellen Anwendung viele Projekte gibt. So sind im Werk Zwickau von Volkswagen allein im Karosseriebau 1800 Roboter im Einsatz. Beim mittelständischen VW-Zulieferer Meleghy Automotive in Reinsdorf schweißen, kleben und klipsen 80 Roboter in vier Linien. Ebenso ist die Chip-Industrie im Raum Dresden an Roboter-Automatisierung interessiert.

    Im Zwickauer VW-Werk arbeiten mehrere tausend Roboter. dpa

    Karosseriebau bei Volkswagen

    Im Zwickauer VW-Werk arbeiten mehrere tausend Roboter.

    Auch im wachsenden Segment der Service-Roboter hat sich in Sachsen eine Szene entwickelt. Im Fachbereich Künstliche Intelligenz/Kognitive Robotik der HTW Dresden wurde der Roboter „Anna Constantia“ entwickelt, der in der Demenztherapie eingesetzt werden kann. Er enthält Assistenzsysteme wie die Gesichtserkennung, die gemeinsam mit der Firma Cognitec Systems entwickelt wurden.

    Das Feld gilt als attraktiv. Laut Weltbranchenverband IFR stiegen der Absatz von professionellen Service-Robotern allein im vergangenen Jahr um 41 Prozent auf knapp 132.000 verkaufte Maschinen.

    Hochschulen werden durch Start-ups attraktiver

    „Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut“, sagt HTW-Professor Hans-Joachim Böhme mit Blick auf das Zusammenwirken von Forschung und Wirtschaft. Es gebe inzwischen eine Unmenge von Ausgliederungen im Umfeld der Hochschulen. „Da tut sich ausgesprochen viel.“

    Die Hochschulen seien bestrebt, die Region und die Wirtschaft zu unterstützen, zum Beispiel indem hoch qualifizierte Absolventen ausgebildet werden. Im Gegenzug würden auch die Hochschulen für junge Talente attraktiver, wenn sie immer wieder Start-ups generieren.

    Eine zentrale Rolle in Sachsen spielt auch das Institut für Robotik und Mensch-Technik-Interaktion der Technischen Universität Chemnitz. Die Wissenschaftler beschäftigen sich zum Beispiel mit der Frage, wie Roboter feinfühliger greifen und stabiler laufen können. Eine zentrale Rolle spielt dabei auch der Einsatz Künstlicher Intelligenz.

    Mit einem spannenden Feld beschäftigt sich der Sonderforschungsbereich „Hybrid Societies“. Dabei untersuchen Wissenschaftler aller Fakultäten der TU Chemnitz, wie spontane Begegnungen zwischen Menschen und mit intelligenten digitalen Technologien ausgerüsteten Maschinen wie Robotern, Drohnen oder hoch automatisierten Fahrzeugen in öffentlichen Räumen reibungslos gestaltet werden können.

    Andere Forschungseinrichtungen beschäftigen sich mit konkreten Anwendungen. So entwickeln Wissenschaftler am Institut für Agrarsystemtechnik der TU Dresden den Plantagenroboter Elwobot für den Wein- und Obstbau.

    Absolventen könnten Personalbedarf bald nicht mehr decken

    Welcher Robotik-Standort in den nächsten Jahren die größte Anziehungskraft entwickeln wird, ist noch nicht ausgemacht. Sachsen stehe im Wettbewerb mit Standorten wie München und Stuttgart, die eine große Strahlkraft hätten, sagt Uni-Professor Böhme. „Das macht es für den Osten nicht einfacher, Konsortien auf die Beine zu stellen.“ Daher müsse die Region ihre Stärken herausstellen.

    Wirtschaftsförderer Horn ist überzeugt, dass Sachsen für in- wie ausländische Talente attraktiv ist. „Wir haben seit Jahren ein Wanderungsplus.“ Die Lebenshaltungskosten seien hier noch in einer Balance mit den Einkommen. Bildungs- und Kinderbetreuungssysteme gehörten zu den besten in Deutschland.

    Dabei wird die Suche nach Fachkräften in allen Regionen immer schwieriger. Noch reiche der Fluss von Absolventen, die die Hochschulen verlassen, sagt Horns Kollege Lienig. „Doch wir werden noch stärker den Pool der Menschen nutzen müssen, die nicht an der Universität ausgebildet sind.“

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