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15.10.2021

11:40

Autonomes Fahren

Robotaxis sind autonom, elektrisch – aber auch tauglich für Menschen mit Behinderung?

Von: Katharina Kort

Jeder vierte US-Bürger hat eine Form von Behinderung. VW forscht jetzt in Kalifornien daran, Rollstuhlfahrer, Blinde und Gehörlose in Robotaxi-Pläne einzubeziehen.

Der Bus soll jetzt schon als Pilot und ab 2025 zu Tausenden als Shuttle in Hamburg fahren.

VW ID.BUZZ

Der Bus soll jetzt schon als Pilot und ab 2025 zu Tausenden als Shuttle in Hamburg fahren.

New York Wo installiert man eine Rollstuhlrampe, wenn im Fahrzeugboden eine riesige Batterie eingebaut ist, die mehr als eine halbe Tonne wiegt? Wie können Blinde wissen, ob sie in das richtige Taxi einsteigen, wenn es keinen Fahrer gibt? Wie bekommen Gehörlose ihre Informationen, und wie sitzen sie am besten, wenn sie sich auf der Fahrt miteinander unterhalten wollen?

Es sind diese praktischen Fragen, die sich Chandrika Jayant und Christian Lorenz im kalifornischen Santa Clara stellen. Jayant ist Managerin für Nutzererfahrung (UX) und Design Research; Lorenz ist Senior Director für intelligente Cockpits und Karosserie. Gemeinsam leiten sie das Team für inklusive Mobilität für Volkswagen.

„Es geht darum, die gesamte Denkart zu ändern“, erklärt Jayant ihre Aufgabe. Bisher hätten sich die Autohersteller vor allem auf die Menschen am Steuer konzentriert. „Für die Zukunft müssen wir uns auf die Passagiere konzentrieren: nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern auch Menschen, die ihre Fähigkeit, selbst zu fahren, verlieren“, sagt die Informatikerin und Auto-Designerin. Ihre Ideen fließen zunächst in die Fahrzeuge von VW Nutzfahrzeuge ein und später vielleicht auch in andere Marken des Konzerns.

Mit seinen Forschungen ist VW nicht allein. Wie man die Flotten der Zukunft möglichst inklusiv gestalten kann, daran arbeiten auch Googles Waymo, General Motors, Aurora und auch Argo AI, an dem Ford und Volkswagen beteiligt sind.

Beim Thema Inklusivität handelt es sich keineswegs um einen kleinen Nischenmarkt: „In den USA hat jeder vierte Mensch eine Form von Behinderung. In Deutschland ist es jeder zehnte – also acht Millionen“, zitiert Jayant Zahlen der CDC und Destatis.

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Warum Kalifornien und nicht Wolfsburg? Lorenz erklärt die Wahl des Standorts vor allem mit der Tatsache, dass die USA „sehr weit sind, wenn es darum geht, die Ansprüche der Menschen mit Behinderung geltend zu machen“. In Kalifornien gebe es zudem ein hilfreiches Tech-Umfeld mit vielen Spezialisten für autonomes Fahren.

Autokonzerne müssen das Thema beim Konzipieren im Kopf haben

Dass es künftig autonome Flotten geben wird, davon ist auch der Mobilitätsexperte Andreas Nienhaus von der Strategieberatung Oliver Wyman überzeugt. Dafür wiederum „wird es Lizenzen geben, die an Bedingungen geknüpft werden, was die Fahrzeuge können müssen. Und damit bekommt das Thema der inklusiven Mobilität einen völlig neuen Stellenwert“, erklärt er.

Um zu verstehen, was Menschen mit Behinderung brauchen, hat die VW-Managerin Jayant unter anderem eine blinde Mutter mit Kind einen Tag lang begleitet. „Blinde müssen ein Robotaxi nicht nur rufen, sondern auch identifizieren können“, erklärt sie. Man könnte ihnen zum Beispiel vor dem Eintritt in den Wagen ihren Namen sagen und während der Fahrt erklären, wo das Auto lang fährt, warum es Stau gibt oder welche Sehenswürdigkeiten es auf dem Weg gibt. „Das könnte auch für Touristen interessant sein“, sagt sie.

Die gleichen Informationen muss es parallel auch für taube Menschen auf einem Display geben. Bei Taubstummen kommt auch die Anordnung der Sitze ins Spiel: „Um mit Zeichensprache oder Lippenlesen zu kommunizieren, sollten sie sich gegenübersitzen. Andererseits gibt es Menschen, denen vom Rückwärtsfahren übel wird. Und wie in der Stretch-Limo an der Seite zu sitzen, ist nicht sicher“, erklärt sie die Komplexität.

Bei Rollstuhlfahrern besteht nicht nur die Frage, wo man eine Rampe anbringt, sondern auch, wie Rollstuhlfahrer sich selbst und ihren Rollstuhl allein sichern können, wenn es keine Fahrer mehr gibt, die helfen können.

Was Rollstuhlfahrern hilft, hilft auch Eltern mit Kinderwagen

Henry Claypool, Berater für Technologie von der US-Vereinigung von Menschen mit Behinderung (American Association of People with Disabilities), glaubt, dass das autonome Fahren Menschen mit Behinderung deutlich mobiler machen wird. „Uber und Lyft haben schon heute zum Beispiel Blinden enorm geholfen, die vorher kein Taxi rufen konnten“, sagt er. Doch auch sie würden oft von den Fahrern weggeklickt, weil sie manchmal einen Hund dabei haben oder einfach länger brauchen beim Ein- und Aussteigen. „Bei einem autonomen, barrierefreien Auto, würde es diese menschliche Diskriminierung nicht geben“, argumentiert er.

Wichtig sei, dass die Hersteller die Anforderungen schon im Kopf haben, wenn sie die Fahrzeuge konzipieren, erklärt Claypool, der selbst einen Rollstuhl fährt. Mit der Zusammenarbeit mit Volkswagen ist er bisher sehr zufrieden. „Sie haben uns schon früh in ihren Prozess eingebunden, um zu verstehen, was unsere Bedürfnisse sind, damit sie das in ihren Design-Prozess einbeziehen können“, lobt er.

Seine Vereinigung spricht auch mit anderen Herstellern wie Waymo, General Motors und Argo AI. Bisher sei Waymo bei dem Thema „inklusive Mobilität“ in seiner Beobachtung am weitesten. Sie haben als Erste damit begonnen und bieten in den Suburbs von Phoenix bereits ihre Dienste an. Aber nach Ansicht von Claypool ist es noch zu früh zu sagen, wer der Sieger werde. Waymo habe schließlich keine eigenen Wagen. „Wenn Volkswagen etwas entwickelt, können sie es schnell auf den Markt bringen“, merkt er an.

Noch ist Volkswagen nicht so weit, komplett autonome und inklusive Robotaxis auf die Straßen zu schicken. Aber auf dem ITS Weltkongress in Hamburg – der Fachmesse der Verkehrsbranche – haben die Wolfsburger bekannt gegeben, dass ab 2025 Tausende selbstfahrende Shuttles durch Hamburg fahren sollen. Zunächst wird aus Sicherheitsgründen und wegen der gesetzlichen Vorschriften ein Fahrer hinter dem Steuer sitzen, und die VW-Bus-ähnlichen ID.BUZZ sind auch noch nicht für alle Menschen mit Behinderung ausgestattet. „Aber ab 2027 sollen neue, inklusive Modelle die erste Generation der Flotte ersetzen“, sagt ein Sprecher.

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