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02.09.2019

15:21

Autozulieferer

Continental prüft Abspaltung der Antriebssparte und anschließende Börsenplatzierung

Von: Martin-W. Buchenau

Der Autozulieferer prüft Alternativen für den geplanten Teilbörsengang seines Antriebsgeschäfts: Das Management prüft auch eine komplette Ausgliederung.

Auch die 48-Volt-Antriebe wären von der Ausgliederung betroffen. dpa

Continental-Mitarbeiter kontrolliert einen Stator

Auch die 48-Volt-Antriebe wären von der Ausgliederung betroffen.

Stuttgart Continental hat den Markt mit einem neuerlichen Strategieschwenk überrascht: Der zweitgrößte Automobilzulieferer hinter Bosch erwägt jetzt neben einem Teilbörsengang seiner Antriebssparte Powertrain auch deren komplette Abspaltung. Das Unternehmen begründet dies mit der unsicheren Autokonjunktur.

Diese Prüfung erfolge parallel zu den laufenden Vorbereitungen für eine mögliche Platzierung der in „Vitesco Technologies“ umbenannten Sparte, teilte der Dax-Konzern aus Hannover am Montag mit. Conti erweitere damit seine Handlungsmöglichkeiten angesichts des sich beschleunigenden Schwenks in die Elektromobilität und den kaum vorhersehbaren Bedingungen für einen Börsengang im kommenden Jahr.

Demnach kommt auch ein Spin-off mit anschließender Börsennotierung infrage. Bei einem Teilbörsengang wäre der Emissionserlös im Unternehmen verblieben. Bei einer Komplettabspaltung erhalte jeder Conti-Aktionär eine Vitesco-Aktie und könne dann selbst entscheiden, welche Anteile er behält, erklärte ein Sprecher. Die Börse reagierte nur mit einem marginalen Kursanstieg der Aktie auf 110 Euro.

Conti hatte den eigentlich für das zweite Halbjahr ins Auge gefassten Gang aufs Parkett wegen des schwachen Marktumfelds unlängst bereits auf frühestens 2020 verschoben. Die Vorbereitungen sollten aber noch in diesem Jahr abgeschlossen werden.

Ein Teilbörsengang sei unter mehreren Optionen bisher der Favorit gewesen, erklärte der Leiter des Antriebsgeschäfts, Andreas Wolf. Mit der Prüfung einer Abspaltung erhalte der Konzern eine zusätzliche Handlungsoption. Die Entscheidung über eine Umsetzung eines solchen Schrittes würden Vorstand und Aufsichtsrat nach Abschluss der Prüfung treffen, hieß es.

In der Branche wird die jetzige strategische Meldung aus Hannover eher als „weiterer Ausdruck der Not“ gesehen. Offensichtlich gebe es Schwierigkeiten, einen Teilbörsengang für die Sparte mit 40.000 Beschäftigten und rund 7,7 Milliarden Euro Umsatz attraktiv genug zu gestalten, geschweige denn einen strategischen Investor zu finden.

Schwieriger Umbau

Für die Beschäftigten bringt der neue Strategieschwenk weitere Ungewissheit. Conti bekräftigte allerdings, dass für die Powertrain-Belegschaft für den Fall gesellschaftlicher Veränderungen die bis 2023 zugesagte Beschäftigungsgarantie gelte.

Der Konzern hatte vor gut einem Jahr den Umbau zu einer Holding mit drei Säulen bekanntgegeben: der Rubber-Gruppe, der Sparte Automotive mit dem Zuliefergeschäft und dem Antriebsgeschäft. Die Antriebs‧sparte wurde zu Jahresanfang herausgelöst und soll künftig „Vitesco Technologies“ heißen. In ihr ist die Technik für Verbrennungsmotoren und die für elektrische Antriebe vereint.

Damit wollen die Niedersachsen den Umschwung vom Diesel- und Benzinmotor hin zu Elektroautos bestmöglich überstehen, denn dieser Wandel geht mit einem Rückgang von Beschäftigung für Verbrenner und unsicheren Gewinnaussichten für Stromautos einher. Auch Konkurrent Bosch hat alle Antriebsarten in einer Sparte zusammengefasst, um möglichst schnell auf die Marktentwicklungen reagieren zu können.

Bosch erwartet Auswirkungen auf die Beschäftigten durch die Transformation zur Elektromobilität. Von Ausgliederung oder Verkauf der Sparte war bei den Schwaben aber bislang nicht die Rede. Man wähnt sich in einer stärkeren Marktposition sowohl bei den Verbrennungsmotoren als auch in der Elektromobilität.

Branchenexperten erwarten auf der IAA in Frankfurt kommende Woche Aussagen über die Auftragslage und deren Reichweiten von Bosch wie auch Continental
Bei Conti laufen zwischen Unternehmensleitung und Betriebsrat seit einigen Wochen Verhandlungen über ein Sparprogramm, von dem mehrere Tausend Arbeitsplätze betroffen sein könnten.

Die „Hannoversche Allgemeine“ hatte jüngst berichtet, neun der weltweit 32 Werke in der Antriebssparte stünden auf der Kippe. Auch Standorte in Deutschland kämen für einen Stellenabbau infrage. Das Unternehmen hatte dies allerdings nicht bestätigt. Bei Bosch drohen vor allem in den Dieselwerken in Bamberg, Homburg und am Stammsitz in Feuerbach Einschnitte.

Bei Conti fällt nach dem Rückgang der weltweiten Automobilproduktion ein Blick auf die jüngsten Zahlen ernüchternd aus: weniger Umsatz, weniger Gewinn und steigende Schulden. Der Umsatz sank im zweiten Quartal um ein Prozent auf 11,3 Milliarden Euro, das bereinigte Ebit um fast 25 Prozent auf 868 Millionen Euro, was einen Margenrückgang von 10,2 auf 7,8 Prozent zur Folge hat.

Die Verschuldung stieg zum 30. Juni 2019 um 1,4 auf rund 5,7 Milliarden Euro. Bereits am 22. Juli hatte Continental eine Gewinnwarnung herausgegeben und seine Geschäftsprognosen angepasst.

Continental-Chef Elmar Degenhart muss sparen und hatte sich vor vier Wochen strategisch mit der Ankündigung des langfristigen Ausstiegs aus dem Verbrennungsmotor positioniert. Allerdings hat er damit seine Powertrain-Aktivitäten, zumindest was die Komponenten für Verbrennungsmotoren anbelangt, nicht gerade attraktiver für den Finanzmarkt gemacht. Auch hatte Continental sich lange Zeit der Elektromobilität eher zögerlich zugewandt.

Geld verdienen die Niedersachsen mit der Elektromobilität bislang noch nicht. Frank Schwope von der NordLB sieht das Unternehmen dank liquider Mittel von 4,8 Milliarden Euro auch für Krisenzeiten und die Transformation solide aufgestellt. Und auch das weiterhin stabile Reifengeschäft nimmt Continental ein bisschen den Druck.

Mehr: Stellen werden gestrichen, Werke geschlossen: Unternehmen wie Schaeffler, Mahle oder Eisenmann reagieren mit harten Maßnahmen auf die Flaute. Die Industrie sieht die Politik in der Pflicht.

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