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07.10.2019

09:39

Autozulieferer

Contis Antriebssparte steht vor gewaltigem Umbruch

Von: Roman Tyborski

Jobabbau, Umstrukturierungen und neue Technologien: Die Sorgen-Sparte des Zulieferers steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Was das für Konzern und Mitarbeiter bedeuten könnte, zeigt der Fall eines US-Konkurrenten.

Continental sucht nach einem Weg, der Antriebssparte über einen Teilbörsengang oder eine Abspaltung zu mehr Eigenständigkeit zu verhelfen.

Vitesco Technologies in Regensburg

Continental sucht nach einem Weg, der Antriebssparte über einen Teilbörsengang oder eine Abspaltung zu mehr Eigenständigkeit zu verhelfen.

Düsseldorf, Frankfurt Andreas Wolf hat den wohl derzeit schwersten Job in der Zuliefererbranche. Er ist Chef von Continentals Antriebssparte, die seit dem 1. Oktober Vitesco Technologies heißt. Der erste Teil des Namens sei vom lateinischen „vita“ abgeleitet, was übersetzt „Leben“ bedeutet, teilt der Konzern in einem Schreiben mit. Für den Hannoveraner Zulieferer stehe das für „Energie, Schnelligkeit und Agilität“ – jene Eigenschaften, die Wolfs Job so schwer machen. Denn genau diese besitzt das Unternehmen aus Regensburg noch nicht.

„Es geht viel schneller und radikaler in Richtung Elektrifizierung, als alle gedacht haben“, sagt Wolf dem Handelsblatt. Seine Schlussfolgerung: „Es wird keine Renaissance des Verbrennungsmotors geben.“

Zusätzlich angetrieben wird dieser Umbruch von Volkswagen. Der Autobauer aus Wolfsburg hat sich klar zur Elektromobilität bekannt und investiert Milliarden in neue E-Autos. Für Continental dürfte sich damit der Druck erhöht haben, das Produktportfolio zu elektrifizieren.

Kaum ein Bereich in der Zuliefererbranche steht vor so tiefgreifenden Veränderungen wie das Antriebssegment. Einer Studie des Analysehauses Evercore ISI zufolge müssen sich Antriebsunternehmen wie Vitesco Technologies in den kommenden zehn Jahren einem so starken Wandel unterziehen, wie es ihn zuvor noch nie in der Automobilgeschichte gegeben hat – dem Wandel vom Verbrennungsmotor zur Elektromobilität.

Zulieferer von Motorkomponenten müssen deswegen innerhalb weniger Jahre Werke, in denen sie Teile für Diesel- und Benzinmotoren herstellen, schließen oder restrukturieren und altes Personal durch neues ersetzen, weil Software und Elektronik an die Stelle von Mechanik treten.

Felix Mogge, Partner beim Beratungsunternehmen Roland Berger, sieht darin eine gewaltige Aufgabe. „Entwicklungsteams von reinen Verbrennungsmotoren fit für das Zeitalter der Elektromobilität zu machen, ist eine große Herausforderung“, sagt er. Außerdem sei der Aufwand Verbrennungsmotoren- in Elektromotorenwerke umzubauen erheblich. „Es müssen komplett andere Komponenten gefertigt werden, die Anlagentechnik unterscheidet sich und die Produktionszyklen müssen angepasst werden“, sagt der Autoexperte.

Das kürzlich von Continental veröffentlichte Sparprogramm zeigt, welche Auswirkungen dieser Wandel auf die Branche haben wird. Weltweit sind in den kommenden zehn Jahren 20.000 Arbeitsplätze beim Zulieferer von den Veränderungen der Branche betroffen. Allein in Deutschland sind es 7000. Wie viele Menschen in dieser Phase der Konsolidierung ihre Stellen verlieren werden, ist unklar.

Auch bei den Konkurrenten Bosch und ZF müssen die Mitarbeiter in den Verbrennungsmotorwerken um ihre Jobs bangen. Gewerkschaften und Belegschaft der größten Zulieferer des Landes sind nervös, an einigen Standorten werden Demonstrationen vorbereitet oder haben bereits stattgefunden, wie im Falle von ZF in Friedrichshafen.

An der aktuellen Lage sind die Zulieferer nicht ganz unschuldig. Zu lange haben sie den Wandel zur Elektromobilität hinausgezögert, weil die Margen aus Diesel- und Benzin-Zeiten einfach zu verlockend waren und das weltweite Wirtschaftswachstum kein Ende zu finden schien. „Continental hätte bereits viel früher mit einer Restrukturierung seiner Antriebssparte beginnen müssen“, sagt etwa Jürgen Pieper, Autoanalyst vom Bankhaus Metzler.

Jetzt aber treffen gesellschaftlich motivierte und politisch geforderte Umweltvorgaben die Zulieferer in einer Zeit, in der die Konjunktur nicht mehr aushilft. Die Umsätze in der Autobranche schmelzen zusammen, weil die weltweite Autoproduktion im laufenden Jahr um voraussichtlich fünf Prozent sinken wird. Für die Antriebssparten von Bosch und ZF und für Vitesco Technologies könnte die Herausforderung derzeit kaum größer sein.

Sparprogramm trifft Antriebswerke

Zur Veröffentlichung der Zahlen für das zweite Quartal verkündete Continental daher eine überraschende Entscheidung: Bestimmte Komponenten für Verbrennungsmotoren werde der Zulieferer nicht mehr weiterentwickeln, weitere Aufträge nicht mehr annehmen. Ein paar Monate später folgte das Sparprogramm, das, wie zu erwarten war, vor allem die Antriebsmitarbeiter betrifft.

Das Werk im bayerischen Roding mit 540 Mitarbeitern wird unter dem Protest der IG Metall und des bayerischen Wirtschaftsministers Hubert Aiwanger geschlossen, ebenso das Antriebswerk in Newport News in den USA, wo fast 740 Stellen wegfallen. Mitarbeiter im Werk im sächsischen Limbach müssen mit harten Einschnitten rechnen und im italienischen Pisa stehen 500 der 940 Arbeitsplätze im Feuer. In allen genannten Werken werden hydraulische Komponenten für Diesel- und Benzinmotoren hergestellt.

Und das dürfte noch nicht das Ende des Maßnahmenpakets sein. In der Mitteilung zum Sparprogramm erklärte der Konzern, dass „alle weiteren Projekte über die genannten hinaus über die Laufzeit des Strukturprogramms im Detail noch ausgearbeitet, und danach bekannt gegeben werden“. Das Strukturprogramm ist auf zehn Jahre angelegt.

Kommentare (2)

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Herr Michael Megerle

07.10.2019, 10:59 Uhr

"An der aktuellen Lage sind die Zulieferer nicht ganz unschuldig. Zu lange haben sie den Wandel zur Elektromobilität hinausgezögert, weil die Margen aus Diesel- und Benzin-Zeiten einfach zu verlockend waren und das weltweite Wirtschaftswachstum kein Ende zu finden schien." So ein Geschwätz kann nur von jemandem kommen der noch nie in seinem Leben Verantwortung für ein Unternehmen hatte. Der sowas postuliert der soll sich doch einfach mal ansehen wie vorausschauend sich alle Menschen im Privatleben verhalten, etwa in Sachen Gesundheit oder Altersvorsorge. 90% der Menschen ist die Gegenwart wichtiger wie die Zukunft. Und das letztlich auch nicht ganz unbegründet. Dass innerhalb weniger Jahre ein allgemeiner Wahnsinn in Sachen Klimahysterie ausbricht und politische rein ideologishce Forderungen bar jeglicher faktischer Grundlage die Marktentwicklung beeinflussen, damit kann kein seriös geführtes Unternehmen rechnen. Wie sollen etwa Banken und andere betroffene Branchen auf die Hysterien dieser Tage reagieren ? Und wieso sind die Arbeitnehmer in den vermeinlichen Dinosaurier Branchen nicht schon vor 5 Jahren einfach präventiv in den Elektro- oder digitalen Bereich umgeschult. Nur mal so, aus vorraussicht ?

Herr Harry Pasiak

07.10.2019, 16:03 Uhr

Ich bin immer wieder aufs Neue darüber erstaunt, wie schlau die Experten im Nachhinein sind und den Unternehmen einen Spiegel vorhalten, den sie bis vor kurzem noch als Wahrsagekugel verkauft hätten... Wer konnte ernsthaft vorausahnen, dass sich eine politische Brechstangenpolitik in Sachen Klimazielerreichung über ökonomischen Sachverstand erfolgreich hinwegsetzt?!

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