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19.09.2017

10:35 Uhr

BASF kauft bei Solvay zu

Ludwigshafener Taktik der kleinen Schritte

VonBert Fröndhoff

Mega-Übernahmen kommen für BASF nicht in Frage. Der Chemiekonzern verstärkt sich an vielen Stellen mit kleineren Zukäufen. Nun greift er nach der Kunststoffsparte des belgischen Konkurrenten Solvay. Eine Analyse.

Werksgelände in Ludwigshafen. dpa

BASF

Werksgelände in Ludwigshafen.

DüsseldorfWann er denn endlich mal in großem Stil zukaufen werde? Diese Frage hat BASF-Chef Kurt Bock in den vergangenen zwei Jahren regelmäßig aus dem Lager von Investoren und Analysten gehört. Die globale Chemiewelt sortiert sich neu, es wird fleißig fusioniert – auch im großen Stil: Bayer kauft für 66 Milliarden Dollar Monsanto, die beiden größten US-Chemiekonzerne Dow und Dupont schließen sich im Volumen von 150 Milliarden Dollar zusammen.

Nur BASF hält sich in dem großen Spiel auffallend zurück. Welche Rolle der Konzern darin für sich sieht, macht Vorstandschef Bock nun erneut deutlich: BASF kauft ebenfalls zu – aber im übersichtlichen und ergänzenden Rahmen. Am Dienstag kündigte der Ludwigshafener Konzern die Übernahme der Kunststoffsparte vom belgischen Konzern Solvay an.

Rund 1,6 Milliarden Euro bezahlt BASF für das Geschäft, das im vergangenen Jahr auf 1,3 Milliarden Umsatz und 200 Millionen Euro (Ebitda) operativen Gewinn kam. Die Bewertung entspricht damit dem achtfachen des Ebitda und liegt damit am unteren Ende der Kaufpreise, die in den vergangenen Monaten für Chemieunternehmen überwiesen wurden. Für Spezialchemiekonzerne wurde teilweise bis zum 15-fachen des operativen Gewinns bezahlt.

Die größten Chemiekonzerne der Welt

Platz 10

Covestro (Deutschland)
Der Werkstoffhersteller aus Leverkusen verweist den letztjährigen Zehntplatzierten, das US-Unternehmen PPG Industries, in seine Schranken und gehört nun mit einem Verdienst in Höhe von 16,94 Milliarden US-Dollar selbst zu den zehn umsatzstärksten Chemieunternehmen der Welt. Covestro firmierte bis 2015 als Bayer Material Science, spaltete sich dann aber vom Chemiekonzern ab – mit Erfolg.

Quelle: Unternehmensangaben, Statista 2018 / Gesamtjahr 2017, jeweils letzte verfügbare Angaben

Platz 9

Akzo Nobel (Niederlande)

In der Branche der Farben und Lacke hat der Hersteller mit Sitz in Amsterdam eine marktführende Position inne. Unter allen Chemieunternehmen kann sich Akzo Nobel mit einem Umsatz von 17,46 Milliarden US-Dollar immerhin auf dem neunten Rang positionieren.

Platz 8

Linde (Deutschland)
Der deutsche Technologiekonzern mit dem Kerngeschäft um Gase und Prozess-Anlagen hat im letzten Jahr 20,5 Milliarden US-Dollar Umsatz gemacht und erreicht so den achten Platz im Unternehmensranking.

Platz 7

Henkel (Deutschland)
Der Düsseldorfer Konzern gliedert sich in drei Unternehmensbereiche: Wasch-/Reinigungsmittel, Schönheitspflege und Klebstoffe. 2017 fuhr das Unternehmen einen Jahresumsatz von 23,99 Milliarden US-Dollar ein. Damit konnte Henkel seinen Verdienst zwar im Vergleich zum Vorjahr um rund ein Fünftel steigern, wird im Ranking aber dennoch von einer anderen Firma überholt.

Platz 6

Air Liquide (Frankreich)
Nach einem Umsatzplus von mehr als einem Viertel ist das führende, französische Unternehmen bei Gasen für Industrie, Medizin und Umweltschutz der neue Sechstplatzierte. 24,38 Milliarden US-Dollar konnten 2017 eingenommen werden. Mit Linde und Praxair zählt Air Liquide zu den drei größten Industriegaseherstellern der Welt.

Platz 5

Lyondell Basell (USA)
Im Mittelfeld des Rankings und mit 34,48 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz landet Lyondell Basell. Der weltweit größte Produzent von Polyolefinen und Katalysatoren betreibt zudem Erdölraffinerien und produziert Treibstoffzusätze wie MTBE.

Platz 4

Saudi Basic Industries (Saudi-Arabien)
Unverändert auf dem vierten Platz befindet sich der saudi-arabische Chemie- und Metall-Konzern Saudi Basic Industries. Mit 35,41 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz reicht es für den Hersteller von Methanol, Ethanol und Düngemittel weiter nicht für den Sprung unter die Top 3 – gerade in Anbetracht des gesunkenen Verdienstes (minus 11,55 Prozent) rückt das Podium nun auch in weitere Ferne.

Platz 3

Bayer (Deutschland)
Der deutsche Konzern muss seinen zweiten Platz an zwei fusionierte Konkurrenten abtreten. Auch der Umsatz geht auf 41,95 Milliarden US-Dollar zurück (minus 17,28 Prozent). Das Unternehmen mit Schwerpunkt auf der chemischen und pharmazeutischen Industrie plant allerdings weiter selbst eine Megafusion mit Monsanto. Damit möchte das Unternehmen seine Agrarchemie-Sparte um genverändertes Saatgut erweitern. Um diese umstrittene Fusion unter Dach und Fach zu bringen, sind Bayer und Monsanto bereit, milliardenschwere Firmenteile zu verkaufen.

Platz 2

Dow Dupont (USA)
Zum 1. September des vergangenen Jahres wurde die Fusion der beiden US-Unternehmen Dupont und Dow Chemical vollzogen. Das neugeschaffene Unternehmen sichert sich mit einem gemeinsamen Umsatz in Höhe von 62,48 Milliarden US-Dollar zunächst mit weitem Abstand den zweiten Rang im Unternehmensranking. Es ist weiterhin geplant, das Gemeinschaftsunternehmen in drei börsennotierte Unternehmen für Agrarchemikalien, Spezialchemikalien und Kunststoffe aufzuspalten.

Platz 1

BASF (Deutschland)
Unveränderter Spitzenreiter mit 77,24 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz: BASF. Der nach Umsatz und Marktkapitalisierung weltweit größte Konzern, mit Hauptsitz in Ludwigshafen am Rhein, wird sich angesichts der Megafusionen in der Branche künftig neu positionieren müssen. Dabei würde aber, laut Unternehmensführung, mehr Wert auf die Wettbewerbsfähigkeit der bestehenden Geschäftsfelder als an Größe an sich gelegt werden.

Die Übernahme erscheint für BASF aber nicht nur wegen des Preises attraktiv. Der Konzern verstärkt sein Geschäft mit technischen Kunststoffen, wie sie etwa in der Automobilindustrie und im Bau gebraucht werden. Die Solvay-Sparte ist auf Polyamide spezialisiert. Diese Stoffe werden traditionell zu Fasern verarbeitet, werden aber zunehmend dazu genutzt, Kunststoffe steifer zu machen und vor Verschleiß zu schützen. Sie ersetzen beispielsweise Metallteile in Autos. Das ist mit Blick auf die Elektromobilität, für die leichtere Fahrzeuge gebraucht werden, ein attraktives Geschäft.     

BASF will die Solvay-Sparte in die beiden Unternehmensbereiche Performance Materials und Monomers integrieren. Die Hauptkunden des zugekauften Geschäfts sitzen in Asien und Südamerika, weshalb sich BASF dort einen besseren Marktzugang verspricht. Zugleich zahlt die Übernahme auf die Strategie als integrierter Verbund ein: Der Konzern kann künftig des wesentlichen Polyamid-Rohstoff ADN selbst in größerem Stil produzieren.

Für die Ludwigshafener ist die Übernahme ein typisch pragmatischer Schritt. Bock hatte mehrfach unterstrichen, dass der Konzern teure Großübernahmen ablehne, bei denen die Kapitalrentabilität ungewiss ist und die voraussichtlich nicht den strengen internen Vorgaben entsprechen. Dafür hatte er mehrfach Kritik einstecken müssen: Einige Investoren wünschen sich eine eher visionäre Großfusion, mit der BASF eine neue Richtung einschlägt.

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Die Kritik ist aber kleinlaut geblieben, auch weil die Performance beim Konzern mit Blick auf Gewinnentwicklung und Börsenkurs zuletzt ansprechend war. BASF steigert im ersten Halbjahr den Umsatz um zwölf Prozent auf 16,2 Milliarden Euro und den Gewinn (Ebit) um 27 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro. Der Aktienkurs legte binnen Jahresfrist um ein Viertel auf 87 Euro zu.

Bock bevorzugt übersichtliche Zukäufe. Mitte 2016 kündigte er den Erwerb des Frankfurter Chemetall-Konzerns für umgerechnet 2,8 Milliarden Euro  an – ein Spezialist für Oberflächenbehandlung. Zudem will BASF sein Agrarchemiegeschäft verstärken: Der Konzern hat es auf die Produkte abgesehen, die Bayer und Monsanto im Zuge ihrer Fusion aus kartellrechtlichen Gründen abgeben müssen. Dazu zählt etwa das Geschäft mit Liberty Link, einer Kombination aus Unkrautvernichter und einem passendem Saatgut, das gegen das Mittel resistent ist.

Bayer und Monsanto müssen zudem voraussichtlich weitere Saatgutgeschäfte verkaufen, etwa bei Baumwolle, Raps und Gemüsesaaten. Für BASF wäre es eine willkommene Chance, wieder ins Geschäft mit Saatgut einzusteigen, denn bisher ist die Agrarchemiesparte ganz auf Pflanzenschutzmittel konzentriert. Dieser Zukauf könnte BASF bis zu fünf Milliarden Euro kosten.

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