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29.01.2019

04:00

Neue Stars, alte Schwächen: In dieser Verfassung startet Siemens in die neue Konzernstruktur. imago/Rupert Oberhäuser

Jungingenieurin arbeitet in der Siemensproduktion

Neue Stars, alte Schwächen: In dieser Verfassung startet Siemens in die neue Konzernstruktur.

Bilanzcheck

Neue Stars, alte Schwächen: In dieser Verfassung startet Siemens in die neue Konzernstruktur

Von: Axel Höpner, Bert Fröndhoff

Die Hauptversammlung bietet Gelegenheit für ein Zwischenfazit über die Arbeit von Siemens-Chef Joe Kaeser. Neben den Vorzeigegeschäften gibt es bei Siemens stille Stars.

München, Düsseldorf Zwei Jahre noch läuft der Vertrag von Siemens-Chef Joe Kaeser. Sein Ziel: Er will sicherstellen, dass die nachfolgende Generation ein besseres Unternehmen weiterführen kann. Die erste Umbauphase hat er abgeschlossen, am 1. April startet die neue Struktur.

Siemens wird noch stärker zur Holding: Unter dem Dach vereint werden drei sogenannte „operative Unternehmen“ und drei Firmen, an denen Siemens eine strategische Mehrheitsbeteiligung hält.

Die Hauptversammlung an diesem Mittwoch in der Münchener Olympiahalle bietet Gelegenheit für ein Zwischenfazit über Kaesers Arbeit. Die Bilanz des Geschäftsjahres 2017/18 zeigt: Siemens geht in guter, wenn auch nicht überragender Verfassung in die neue Struktur.

Der Konzern hat stille Stars im Portfolio, die ihre Hausaufgaben gemacht haben, aber auch weiter kriselnde Geschäfte wie die Kraftwerkssparte „Power and Gas“, die anhaltend unter der Marktschwäche leidet. Zudem steht die Fusion der Mobility-Sparte mit Alstom in den Sternen – der Widerstand der Kartellwächter ist groß. Mit Zugeständnissen in letzter Minute könnte dieser aber noch überwunden werden.

Kaeser wird sich nur dann zufrieden zurückziehen können, wenn diese Themen geklärt sind. Am Mittwoch kann er aber mit breiter Brust vor die Aktionäre treten. Die im Sommer erhöhte Prognose konnte Siemens erfüllen. Der Umsatz legte auf vergleichbarer Basis um zwei Prozent auf 83,0 Milliarden Euro zu.

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Damit entwickelte sich Siemens in Sachen Wachstum in etwa so wie die klassischen Konkurrenten General Electric aus den USA und ABB aus der Schweiz, die in den ersten neun Monaten um ebenfalls zwei Prozent zulegten. Siemens hat gute Aussichten, den moderaten Wachstumskurs fortzusetzen: Der Auftragseingang verbesserte sich im Industriegeschäft um vergleichbar neun Prozent auf 92,7 Milliarden Euro.

Bei der Profitabilität machte Siemens allerdings keine Sprünge. Auf Konzernebene stagnierte der Gewinn nach Steuern bei 6,1 Milliarden Euro. Dabei profitierte die Ertragsrechnung noch von einem deutlichen Zuwachs im sonstigen Finanzergebnis, das auf 1,48 Milliarden Euro hochschnellte. Siemens hat hier einen Teil des Erlöses aus dem Verkauf von Osram-Aktien und der Übertragung von Anteilen am IT-Dienstleister Atos an den Siemens Pension Trust eingebucht.

Stellenabbau belastet

Das operative Ergebnis im Industriegeschäft sank sogar. Diese für Siemens wichtigste Kennziffer bei der Steuerung fiel um sechs Prozent geringer aus und betrug 8,8 Milliarden Euro. Die Umsatzrendite ging so von 11,1 auf 10,4 Prozent zurück. Siemens belasteten die Kosten für den konzernweiten Stellenabbau. Rechnet man diese heraus, lag die Rendite bei 11,3 Prozent und damit in dem vom Management angestrebten Zielkorridor von elf bis zwölf Prozent.

Im Konkurrenzvergleich kann sich Siemens damit sehen lassen. General Electric, das jahrzehntelange Vorbild in Sachen Profitabilität, ist weit zurückgefallen und machte wegen hoher Abschreibungen in den ersten neun Monaten einen Verlust von mehr als 23 Milliarden Dollar. ABB zeigte sich in den ersten neun Monaten mit einer operativen Marge von 12,5 Prozent etwas profitabler als Siemens. Allerdings sind die Kennziffern immer nur bedingt vergleichbar.

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Auch wenn die Gewinnentwicklung von Siemens auf den ersten Blick nicht berauschend ist: Die Profitabilität hat sich auf breiter Basis verbessert. Sechs der acht industriellen Geschäfte erfüllten die Renditevorgaben, die der Konzern mittelfristig gesetzt hatte, oder lagen darüber. Nur die Kraftwerkssparte und „Prozessindustrie und Antriebe“ verfehlten die Ziele.

Dabei sind es nicht nur die Vorzeigesparten, die sich gut schlugen. Die Digitale Fabrik konnte die operative Umsatzrendite nochmals von 18,5 auf 20 Prozent steigern. Bei den Healthineers ging die Marge zwar von 17,7 auf 16,5 Prozent zurück. Verantwortlich dafür waren die Kosten für den Börsengang und Ausgaben für die Einführung der neuen Diagnostikplattform Atellica. Doch konnte die Medizintechnik die Renditevorgaben weiter erfüllen.

Neben den beiden Vorzeigegeschäften gibt es bei Siemens stille Stars. Da ist zum einen die früher margenschwache Gebäudetechnik, die noch vor wenigen Jahren als Verkaufskandidat galt. Im vergangenen Geschäftsjahr konnte die Division den Umsatz auf 6,6 Milliarden Euro steigern. Die operative Umsatzrendite sank zwar leicht auf 11,4 Prozent, damit liegt die Division aber immer noch über ihrem Margenband von acht bis elf Prozent.

Beim Start der Gebäudetechnik mit der Übernahme der Schweizer Elektrowatt vor 20 Jahren seien solche Renditen unvorstellbar gewesen, sagt ein Insider. Durch die Digitalisierung haben sich aber die Spielregeln in der Branche verändert. Der Lohn: Die Gebäudetechnik bildet den Kern des neuen „operativen Unternehmens“ Smart Infrastructure, das am 1. April an den Start geht.

Krise bei Kraftwerken

Zweiter stiller Star ist die Bahntechnik. Sie soll mit dem Konkurrenten Alstom fusionieren. Die Geschäftsentwicklung der Sparte zeigt aber, dass die früher margenschwache Division notfalls auch ganz gut weiter auf eigenen Beinen stehen könnte. Im Geschäftsjahr 2017/18 stieg der Umsatz auf 8,8 Milliarden Euro.

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Das operative Ergebnis verbesserte sich um 17 Prozent auf 872 Millionen Euro. Von der erreichten Umsatzrendite von zehn Prozent konnte die Division früher nur träumen. Inzwischen aber konnte Mobility 20 Quartale in Folge das Margenziel von sechs bis neun Prozent erreichen oder übertreffen.

Im abgelaufenen Geschäftsjahr gelang Siemens aber erneut keine durchgängig gute Performance. Die Krise in der Kraftwerkssparte erreichte mit einem Gewinneinbruch von 76 Prozent eine neue Dimension. Auch die Division Prozessindustrien und Antriebe konnte keine zufriedenstellenden Zahlen vorlegen.

Die operative Umsatzrendite dieser Sparte verbesserte sich zwar von 5,0 auf 5,9 Prozent. Angesichts der guten Branchenlage ist das aber unbefriedigend. Gerade bei den Prozessindustrien, also etwa in der Chemie, war zuletzt die Nachfrage gut. Eigentlich soll die Division über den Zyklus acht bis zwölf Prozent verdienen. Einen Schritt weiter ist die Windkrafttochter Siemens Gamesa, die ihre Rendite von 4,3 auf 5,3 Prozent steigerte und so knapp den Zielkorridor von fünf bis acht Prozent erreichte.

Die Unterschiede in den Sparten zeigten sich auch bei ihrem Beitrag zum Free Cashflow. Dieser Wert zeigt an, wie viel flüssige Mittel einem Unternehmen bleiben, um Dividenden auszuzahlen und Schulden senken zu können. Aus dem industriellen Kerngeschäft blieb Siemens mit 7,1 Milliarden Euro etwas weniger als im Vorjahr, was auch an den starken Rückgängen bei Healthineers und Energy Management lag. Das dürfte aber aus den genannten Gründen bei Healthineers eine vorübergehende Schwäche sein. Die Division Digitale Fabrik erwies sich als Cash-König.

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Unter dem Strich steigerte Siemens aber den Free Cashflow um 22 Prozent auf 5,8 Milliarden Euro und präsentierte sich damit erneut als einer der führenden Cash-Erzeuger unter den Dax-Konzernen. Die weitere Erhöhung der Dividende auf 3,80 Euro ist für die Münchener problemlos zu stemmen. Gepaart mit der noch einmal deutlich gesunkenen industriellen Nettoverschuldung von nur noch 3,4 Milliarden Euro, ist Siemens damit in einer starken bilanziellen Verfassung, die dem Konzern weitere Zukäufe ermöglichen würde.

Es war das letzte Geschäftsjahr, in dem Siemens mit Divisionen antrat. Künftig bekommen die Geschäfte mehr Eigenständigkeit. Den industriellen Kern bilden drei Unternehmen: Digitale Industrien (Digitale Fabrik, Prozessindustrien), Intelligente Infrastruktur (Gebäudetechnik, Teil des Energiemanagements) sowie die Kraftwerkssparte. Dazu kommen drei Firmen mit strategischer Mehrheitsbeteiligung: Siemens Gamesa, Healthineers und künftig die Bahntechnik-Sparte. Sollte bei Letzterer die Fusion mit Alstom scheitern, gilt ein Börsengang als wahrscheinlich.

Auf dieser Organisation baut die nächste Strategie auf, die Kaeser bereits vorgestellt hat. Bei den Investoren habe diese „Vision 2020+“ allerdings noch nicht gezündet, sagt Fondsmanager Christoph Niesel von Union Investment. Es fehlten noch viele Details zu Zeitplan, Kosten und Vorteilen. Der Siemens-Chef will Werte schaffen, dazu muss er beweisen, dass die Aufteilung in selbstständige Einheiten den Gesamtwert erhöht.

Kaeser ist überzeugt, dass er seinem Nachfolger ein besseres Unternehmen übergeben kann. Ob dies in zwei Jahren passiert, wenn sein Vertrag ausläuft, schon früher oder gar erst nach einer nochmaligen Vertragsverlängerung – das lässt er offen.

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