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03.10.2019

13:49

Biosimilars

Nachahmer-Medikamente attackieren die wertvollste Arznei der Welt

Von: Maike Telgheder

Vor knapp einem Jahr ist das Patent von Humira ausgelaufen. Die günstigen Kopien des Medikaments haben mittlerweile rund die Hälfte des Marktes in Deutschland erobert.

Humira: Nachahmer-Medikamente attackieren die wertvolle Arznei

Forscher bei Abbvie

Der US-Pharmakonzern verlor vor knapp einem Jahr in Europa den Patentschutz auf sein lukrativstes Medikament Humira.

Frankfurt Von Null auf fast 50 Prozent Marktanteil in weniger als einem Jahr: Günstige Nachahmer haben dem weltgrößten Medikament Humira in Deutschland kräftig Konkurrenz gemacht. Die insgesamt fünf Biosimilars, wie die Nachahmerprodukte heißen, vereinten im August 47 Prozent der Verordnungen auf sich.

Das Originalprodukt Humira kommt also derzeit auf knapp 53 Prozent, nachdem es vor einem Jahr das Feld noch für sich allein hatte. Das zeigen dem Handelsblatt vorab vorliegende Zahlen des Marktforschungsinstituts Insight Health.

„Das ist der Durchbruch für die Biosimilars“, sagt Stephan Eder, Deutschlandchef der Novartis Tochter Sandoz, die eine der Humira-Kopien herstellt. „So schnell und so gut sind Nachfolgeprodukte eines Originalmedikaments noch nie in der Versorgung der Patienten angekommen“, so Eder.

Humira mit seinem Wirkstoff Adalimumab wird gegen Rheuma und verschiedene andere entzündliche Immunerkrankungen wie Morbus Crohn und Schuppenflechte eingesetzt. Das Mittel ist das mit Abstand wertvollste Medikament der Welt, der Pharmakonzern Abbvie setzte damit im vergangenen Jahr weltweit rund 20 Milliarden Dollar um. Die deutschen Krankenkassen gaben zuletzt mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr für das Mittel aus, die Jahrestherapiekosten pro Patient liegen im Schnitt bei mehr als 21.000 Euro.

Die Umsatzgröße machte Humira für Nachahmer besonders interessant. Rund 30 Generika- aber auch Originalhersteller arbeiteten in den vergangenen Jahren an eigenen Kopien. Einige Firmen gaben unterwegs aber auf, als absehbar wurde, dass sie es nicht rechtzeitig zum Patentablauf in Europa am 16. Oktober 2018 schaffen würden. Denn im Generika-Geschäft zählt Geschwindigkeit: Wer zuerst am Markt ist, kann die Pioniergewinne einstreichen.

Am Tag nach dem Patentablauf waren in Deutschland gleich drei Anbieter mit eigenen Medikamenten präsent – ein Novum in der Branche. Diese drei Firmen Biogen, Amgen und Sandoz/Hexal haben aktuell auch die höchsten Marktanteile bei den Biosimilars. Laut Branchenangaben kommt das Biogen-Produkt im Monat August auf knapp 16 Prozent der Adalimumab-Verordnungen in Deutschland. Amgen erreicht etwas über 13 Prozent und das Produkt von Hexal/Sandoz knapp elf Prozent.

Ein zweites Novum war, dass einer der Anbieter, nämlich Biogen, statt der üblichen 20 Prozent Rabatt mit einem satten Preisnachlass von 40 Prozent im Markt startete und damit die anderen Anbieter zwang, in kurzer Zeit nachzuziehen. Die Preisstrategie von Biogen wird denn auch im Markt als wichtiger Grund dafür gesehen, dass das Unternehmen bei der Verordnung der Biosimilars weiterhin in Führung liegt.

Fünf Humira-Kopien in Deutschland am Markt

Biogen selbst sieht das auch so: „Das war natürlich ein starkes Signal“, sagt Biogen-Manager Walter Röhrer. Aber auch das langjährige Know-how des Unternehmens bei der Herstellung von Biotech-Medikamenten spielt seiner Ansicht nach eine Rolle. Ebenso die gewachsenen Beziehungen zu den Ärzten, da Biogen bereits zwei andere Biosimilars im Markt hatte, die zu derselben Arzneimittelgruppe wie Adalimumab gehören.

Mittlerweile sind fünf Humira-Kopien in Deutschland verfügbar. Alle liegen auf dem Preisniveau, das Biogen vorgegeben hatte. Der Generika-Konzern Mylan lancierte sein Produkt vergangenen November und der Gesundheitskonzern Fresenius schließlich führte sein Mittel Idacio ab Mai dieses Jahres ein.

Während Mylan im August rund sieben Prozent Marktanteil erreicht, liegt das Fresenius-Produkt Idacio drei Monate nach Marktstart mit 0,2 Prozent Marktanteil noch weit zurück. Fresenius gibt an, dass der Start mit seinem Biosimilars im Sommer gelungen sei. „Die Umsatzentwicklung zeigt nach oben. Wir sehen uns auf einem guten Weg zu unserem Ziel, ein wichtiger Anbieter von Biosimilars zu werden“, heißt es. Tatsächlich haben sich die Verordnungen von Idacio bisher von Monat zu Monat mehr als verdoppelt, aber eben auf deutlich niedrigerem Niveau die Präparate der Wettbewerber.

Grafik

Für Fresenius, die im Gesundheitsmarkt mit Dialysedienstleistungen, Kliniken und injizierbaren Medikamenten breit aufgestellt sind, ist der Start im Markt der Biosimilars eine Premiere. Das Unternehmen hatte 2017 die vollständige Biosimilar-Produktpipeline vom Darmstädter Merck-Konzern gekauft, dessen Schwerpunkt auf Krebs- und Autoimmunerkrankungen liegt.

Merck erhielt eine Vorauszahlung in Höhe von 156 Millionen Euro, zudem gibt es Meilensteinzahlungen von bis zu 500 Millionen Euro sowie Lizenzzahlungen auf potenzielle Produktumsätze. Zur Vereinbarung gehört auch, dass Merck die Biosimilars für Fresenius produziert.

Die anderen Biosimilars-Anbieter haben bereits langjährige Erfahrung in der Produktion und dem Vertrieb von Biotech-Medikamenten. Amgen und Biogen sind seit Jahrzehnten als Anbieter von innovativen Biopharmazeutika aktiv. Sandoz und Mylan sind etablierte Player im Generika-Markt. Die Novartis-Tochter Sandoz hat vor 13 Jahren mit seinem Produkt Omnitrope das erste Biosimilar weltweit überhaupt auf den Markt gebracht und gilt mit seinem breiten Portfolio als Branchenführer. Mylan formt gerade mit einem Teil des US-Konzerns Pfizer einen neuen Generikakonzern.

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