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13.06.2022

17:00

Biotech-Branche

Bioreaktoren aus Italien: Wie Solaris im Geschäft mit künstlichem Fleisch mitmischt

Von: Christian Wermke

Ob Beyond Meat, Beiersdorf oder Evonik: Sie alle nutzen Bioreaktoren von Solaris. Darin lassen sich nicht nur Arzneimittel, sondern auch künstliche Lebensmittel züchten.

Die Italiener helfen bei der Produktion von künstlichem Fleisch.

Solaris Biotechnology

Die Italiener helfen bei der Produktion von künstlichem Fleisch.

Mantua Fein gestutzter Rasen, weiße Fassade, Designermöbel am Empfang: Die Zentrale von Solaris wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Und doch versteckt sich hier, mitten in einem Gewerbegebiet im norditalienischen Mantua, eines der innovativsten Unternehmen der noch jungen Biotech-Branche. Seine Bioreaktoren und Fermenter verkauft Solaris weltweit – auch an namhafte Kunden wie Beyond Meat oder Coca-Cola.

Matteo Brognoli, Co-Gründer und Geschäftsführer von Solaris, führt ins Herz der Firma: zu einer großen Halle hinter dem Verwaltungstrakt, in der die Bioreaktoren zusammengebaut werden. „Alle unsere Anlagen sind maßgeschneidert für den Kunden“, sagt Brognoli und zeigt auf ein Gewirr aus Stahlrohren, Filtern und Schläuchen. Oben auf dem Stahltank sitzt ein Motor, der die Biomasse in Bewegung hält. Über ein Touchpad lässt sich das Gerät bis in die kleinste Variable steuern: Temperatur, Druck, Reinigung, Sterilisation. Die Software dafür hat Solaris selbst entwickelt.

Der Reaktor, der hier gerade zusammengesetzt und getestet wird, hat ein Fassungsvermögen von 700 Litern und wird bald an einen Pharmaproduzenten verschickt. Anschließend installieren Solaris-Mitarbeiter die Anlage genau so wieder beim Kunden vor Ort. Die kleinsten Reaktoren fassen gerade mal 200 Milliliter. Sie lassen sich auf Tischen montieren und werden unter anderem in Forschungslaboren wie dem Fraunhofer-Institut und Universitäten wie dem MIT in Boston genutzt. Die größten Reaktoren haben ein Volumen von bis zu 30.000 Litern. Es lässt sich sehr wenig standardisieren, jeder Behälter ist für einen speziellen Zweck bestimmt.

Was sie alle eint: In ihnen werden Mikroorganismen oder Zellen in einem Nährmedium kultiviert. Die Zellen wachsen oder vermehren sich, teilweise hat man es auch nur auf Stoffwechselprodukte abgesehen, die dabei entstehen. Der älteste Bioreaktor der Welt hat mehr als 5000 Jahre Geschichte: der Kessel zum Bierbrauen. Die Mikroorganismen sind hierbei die Hefen, die den Zucker aus der Maische in Alkohol umwandeln. Auch in der Weinproduktion werden Bioreaktoren schon lange verwendet.

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    Honig ohne Bienen, Hackfleisch ohne Rind

    Doch in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich der Markt schlagartig auf diverse Branchen ausgeweitet: Die fortgeschrittene Technologie ermöglicht es Pharmakonzernen, Antibiotika oder Impfstoffe darin herzustellen. Kosmetikfirmen züchten in den Reaktoren Biozutaten für ihre Cremes und Salben. Einsatz finden die Anlagen auch bei der Produktion von Biopestiziden, bei Biokraftstoffen und bei künstlich hergestellten Nahrungsmitteln wie Laborfleisch oder -käse.

    Lebensmittel werden in den kommenden Jahren der Bereich mit den größten Wachstumsmöglichkeiten sein“, ist Solaris-Chef Brognoli überzeugt. Lachsfilet ohne Fische, Hackfleisch ohne Rind, Honig ohne Bienen: Das sind die Erfolgsgeschichten, auf die seine Kunden hoffen – und die er mit seinen Installationen möglich machen will. Beyond Meat, der Fleischersatz-Gigant aus dem Silicon Valley, ist schon heute Kunde von Solaris – genau wie der US-Konkurrent Impossible Foods.

    Der Chef von Solaris hat große Ambitionen.

    Matteo Brognoli

    Der Chef von Solaris hat große Ambitionen.

    Brognoli möchte aber nicht nur Fleischersatz aus pflanzlichem Ursprung herstellen. Perspektivisch will er dabei helfen, Fleisch aus tierischen Zellen zu produzieren. „Fleisch aus Fleisch herzustellen, ohne das Tier zu durchlaufen, das wird der nächste große Trend sein“, ist er sich sicher. Noch sind künstlich hergestellte Steaks viel zu teuer, aber die Technologie entwickelt sich rasant, die Preise sind zuletzt deutlich gefallen. Noch im Herbst, hofft Brognoli, wird einer seiner Kunden im Bioreaktor erschaffenen Lachs auf den Markt bringen.

    Was alles möglich ist, zeigt auch die US-Biotech-Firma Checkerspot, die mit Solaris zusammen ein Material für Skier entwickelt hat, das größtenteils aus Mikroalgen gewonnen wird. Die Algen werden dabei in den Solaris-Reaktoren fermentiert und in Triglycerid-Öle umgewandelt. Diese wiederum sind dann Grundlage für einen Biokunststoff, aus dem das Sportgerät gefertigt wird. Die Skier, die Brognoli in seinem Showroom neben Arzneimittelverpackungen und Kosmetikprodukten drapiert hat, sehen aus wie ganz normale – und fühlen sich auch so an.

    Standorte in Malaysia und Kalifornien

    Brognoli kam vor 20 Jahren eher zufällig in die noch sehr junge Branche. Er ist weder Biologe noch Chemiker, sondern gelernter Maschinenbauingenieur. Seine Karriere begann als Projektmanager in einer italienischen Firma, die Fermentationstechnologie benutzte, aber die Bioreaktoren umständlich aus dem Ausland importieren musste. Der 29-Jährige sah das große Potenzial für den Service im Heimatmarkt – und gründete selbst.

    Anfangs waren er und sein Geschäftspartner Cristiano Pecchini nur zu zweit, auf ihrer ersten Messe in Frankfurt hatten sie nicht mal einen Katalog dabei, erinnert sich der heute 48-Jährige. Doch der Bedarf ist schnell gewachsen – und damit auch das Unternehmen. Heute hat Solaris Vertriebs- und Servicestandorte in Malaysia und Kalifornien, beliefert Unternehmen in 40 Ländern und beschäftigt 44 Mitarbeiter.

    Der Nivea-Produzent Beiersdorf hat schon Bioreaktoren aus Mantua gekauft. Weitere Kunden sind der Champagnerhersteller Moët & Chandon, der Getränkegigant Coca-Cola, der deutsche Chemiehersteller Evonik. Größter Absatzmarkt sind die USA, danach kommen Italien, Israel, Frankreich und Großbritannien. Die Laborvarianten der Solaris-Reaktoren starten bei einem Listenpreis von rund 20.000 Euro, sehr große und aufwendige Industrieanlagen können auch schon mal eine Million Euro kosten.

    Die Laborvarianten der Solaris-Reaktoren starten bei einem Listenpreis von rund 20.000 Euro.

    Bioreaktor von Solaris

    Die Laborvarianten der Solaris-Reaktoren starten bei einem Listenpreis von rund 20.000 Euro.

    Insgesamt hat die Pandemie das Wachstum von Italiens Biotech-Branche deutlich beschleunigt: Die Umsätze der rund 800 Unternehmen sind im Schnitt um 30 Prozent angestiegen, hat der Verband Assobiotec errechnet. 13.000 Menschen beschäftigte die Branche zuletzt in Italien, zusammen lag der Umsatz aller Firmen bei mehr als zehn Milliarden Euro.

    Solaris kam im vergangenen Jahr auf rund elf Millionen Euro Umsatz, für das laufende Jahr rechnet Brognoli mit mehr als 16 Millionen Euro. Er setzt weiter voll auf Wachstum – und gab dabei vor gut einem halben Jahr die Eigenständigkeit auf: Seit November 2021 ist der US-Konzern Donaldson neuer Eigentümer, einer der größten Anbieter von Filtrationsprodukten. Kaufpreis: 41 Millionen Euro.

    „Mit Donaldson haben wir die Möglichkeit, viel schneller als bisher zu wachsen“, sagt Brognoli, der auch nach dem Kauf CEO geblieben ist. Der Markt für Bioreaktoren hat ein geschätztes Volumen von 1,5 Milliarden Euro. Ein Riesengeschäft, von dem auch Brognoli und sein Team profitieren wollen.

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