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22.06.2022

10:55

Biotech-Industrie

30-Milliarden-Dollar-Deal: Spekulationen um Seagen deuten neue Übernahmewelle im Pharmasektor an

Von: Siegfried Hofmann, Arno Schütze

Der Pharmariese Merck & Co. erwägt Gerüchten zufolge eine Offerte für die Biotech-Firma Seagen. Es könnte die bisher größte Pharma-Transaktion des Jahres werden.

Nicht zuletzt die finanzielle Konstellation in der Pharmabranche spricht für stärkere M&A-Aktivitäten. AP

Merck & Co.

Nicht zuletzt die finanzielle Konstellation in der Pharmabranche spricht für stärkere M&A-Aktivitäten.

Frankfurt Die Aktivitäten bei Übernahmen und Fusionen in der Pharmabranche waren im ersten Halbjahr eher verhalten. Doch mit den Spekulationen um das amerikanische Biotech-Unternehmen Seagen erhalten Prognosen für eine neue M&A-Welle nun neue Nahrung.

Einem Bericht des „Wall Street Journals“ zufolge erwägt der amerikanische Pharmariese Merck & Co. einen Kauf des börsennotierten Biotech-Unternehmens, das ursprünglich als Seattle Genetics firmierte. Finanzkreise sehen darüber hinaus aber auch Konzerne wie Pfizer, Johnson & Johnson oder Sanofi als mögliche Interessenten für das Unternehmen.

Sollte es tatsächlich zu einem Deal kommen, würde das auf die bisher größte Übernahme in dem Sektor in diesem Jahr hinauslaufen. Seagen wird an der Börse derzeit mit rund 30 Milliarden Dollar bewertet, nachdem die Aktie am letzten Freitag in Reaktion auf die Spekulationen um rund 13 Prozent zugelegt hatte.

Das amerikanische Unternehmen befindet sich aktuell in einer Führungskrise, nachdem der bisherige CEO und Mitgründer Clay Siegall Mitte Mai zurücktreten musste und Medizin-Chef Roger Dansey als Interimschef installiert wurde. Es gilt insofern als anfällig für eine Übernahme. Siegall sieht sich mit dem Vorwurf der häuslichen Gewalt konfrontiert und hatte daher seine Ämter als CEO und Chairman niedergelegt.

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    Für Merck & Co. wäre eine Übernahme eine gute Möglichkeit, das eigene Portfolio an Krebsmedikamenten zu diversifizieren. Bisher wird das Geschäft des US-Konzerns maßgeblich vom Mega-Blockbuster Keytruda dominiert, der im vergangenen Jahr gut 17 Milliarden Dollar zum Gesamtumsatz von 48 Milliarden Dollar beisteuerte.

    Neue Klasse von Krebsmedikamenten

    Seagen ist ein Vorreiter auf dem Feld der Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, einer neuen Klasse von Krebsmedikamenten, die derzeit für gewisse Furore im Markt sorgt. Dabei werden Antikörper mit einem Zellgift gekoppelt, das auf diese Weise gezielt zu den Tumorzellen transportiert wird. Ein gutes Dutzend solcher Antikörper-Konjugate ist bisher zugelassen, weitere 100 befinden sich in klinischen Tests. Auch etliche deutsche Biotech-Firmen wie Heidelberg Pharma und das Münchener Start-up Tubulis arbeiten auf dem Gebiet.

    Seagen selbst hat bisher vier solcher Wirkstoffe durch die Zulassung gebracht und erzielte mit diesen Produkten sowie Lizenzeinnahmen 2021 einen Umsatz von knapp 1,6 Milliarden Dollar. Diverse weitere Produkte befinden sich in klinischen Tests. Das Unternehmen wäre insofern auch für andere Akteure wie Pfizer, J&J, Novartis oder Bristol-Myers Squibb (BMS) eine interessante Ergänzung.

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    Eine Übernahme könnte zudem Signal für eine stärkere M&A-Welle im zweiten Halbjahr bilden, nachdem sich bisher der Umfang der Akquisitionen in den vergangenen Monaten eher in Grenzen hielt. So hat sich das Dealvolumen im gesamten Pharma-Biotech-Bereich im ersten Halbjahr nach Daten von Bloomberg auf etwa 71 Milliarden Dollar reduziert, gegenüber 82 Milliarden Dollar im Vorjahr. Klammert man dabei die miterfassten Transaktionen im Zuliefer- und Diagnostikbereich aus, dürfte sich der Umfang der Deals im eigentlichen Pharmabereich halbiert haben.

    Insgesamt gilt die Branche unverändert als attraktives und aussichtsreiches Feld für Übernahmen. Während viele M&A-Projekte wegen der globalen Unsicherheit, etwa aufgrund des Ukrainekriegs und der schwierigen Finanzierungsmärkte, derzeit auf Eis liegen, finden Deals in Sektoren wie Gesundheitswesen, Infrastruktur oder Software weiterhin statt. Cashflowstarke Firmen mit stabiler Langzeitperspektive, die von Megatrends wie der alternden Gesellschaft profitieren, sind weiter sehr gefragt, wie Investmentbanker berichten.

    Hohe Finanzreserven bei Big Pharma

    Nicht zuletzt die finanzielle Konstellation in der Pharmabranche spricht für stärkere M&A-Aktivitäten. Denn sowohl etliche Großkonzerne als auch einzelne Biotech-Firmen befinden sich aktuell in einer ungewöhnlich starken Finanzposition mit hohen Cash-Reserven. Konzerne wie Pfizer, Novartis und Johnson & Johnson verfügten zuletzt über liquide Mittel von jeweils um die 30 Milliarden Dollar und dürften auch im laufenden Jahr hohe freie Cashflows generieren. Die Basis dafür legten umfangreiche Desinvestitionen von Randaktivitäten und zum Teil hohe Einnahmen aus dem Geschäft mit Covid-Impfstoffen und -Medikamenten.

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    Pfizer vereinbarte im Mai bereits die Übernahme der Biotech-Firma Biohaven für gut zehn Milliarden Dollar, könnte problemlos aber noch eine Reihe weiterer solcher Deals verkraften. Analysten prognostizieren für den Konzern für 2022 immerhin einen Free Cashflow von mehr als 30 Milliarden Dollar. Zusätzliche Einnahmen in zweistelliger Milliardenhöhe könnte der Ausstieg aus dem gemeinsam mit der britischen GSK betriebenen Consumer-Healthcare-Unternehmen Haleon bringen, an dem Pfizer noch mit rund einem Drittel beteiligt ist.

    Auch die Biotech-Firmen Moderna und Biontech verfügen aufgrund ihrer hohen Impfstoffumsätze über erheblichen Spielraum. Beide Firmen wiesen Ende März Finanzreserven (inklusive Forderungen aus Lieferungen und Leistungen) von um die 20 Milliarden Dollar aus.

    Gleichzeitig sind die Bewertungen zahlreicher Biotech-Firmen im ersten Halbjahr stark zurückgefallen. Viele Börsenneulinge der vergangenen drei Jahre zum Beispiel notieren inzwischen weit unter ihren IPO-Kursen. Zukäufe im Biotech-Sektor erscheinen damit im Prinzip noch attraktiver.

    Allerdings fällt mit den Bewertungen in der Regel auch die Bereitschaft zum Verkauf. Dass es auf breiter Front zu Übernahmen im Biotech-Sektor kommt, ist daher keineswegs garantiert. Viele Biotech-Firmen dürften versuchen, ein besseres Börsenklima abzuwarten, bevor sie sich auf Transaktionen mit Big Pharma einlassen.

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