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27.06.2022

15:41

Biotech-Unternehmen

Schwierige Aufholjagd: Curevac startet neuen Anlauf in der Krebsforschung

Von: Siegfried Hofmann

Curevac will den Rückstand bei der Entwicklung von Krebsmedikamenten aufholen. Bis Ende 2023 hofft das Biotech-Unternehmen eine neue Produktpipeline aufzubauen.

Elementarer Teil der Strategie sind zwei Deals, die Curevac in den letzten Wochen mit jungen Biotech-Firmen aus dem Benelux-Raum vereinbarte. imago images/ULMER Pressebildagentur

Hauptsitz in Tübingen

Elementarer Teil der Strategie sind zwei Deals, die Curevac in den letzten Wochen mit jungen Biotech-Firmen aus dem Benelux-Raum vereinbarte.

Frankfurt Die Tübinger Curevac AG ist wie im Impfstoffbereich auch in der Krebsforschung in den letzten Jahren weit zurückgefallen. Doch auch hier hat das Biotech-Unternehmen nun einen neuen Anlauf gestartet: „Onkologie ist der Bereich, den wir neben den Impfstoffen für Infektionskrankheiten gezielt ausbauen werden“, sagte Firmenchef Franz-Werner Haas im Gespräch mit dem Handelsblatt. Ziel sei es, bis Ende des kommenden Jahres neue Krebsimpfstoff-Kandidaten in der Pipeline zu haben.

Elementarer Teil der Strategie sind dabei zwei Deals, die das Tübinger Unternehmen in den letzten Wochen mit jungen Biotech-Firmen aus dem Benelux-Raum vereinbarte. Dazu gehört zum einen eine Allianz mit der belgischen Firma Myneo, zum anderen die Übernahme des niederländischen Start-ups Frame Cancer Therapeutics für 32 Millionen Euro.

Beide Firmen sind darauf spezialisiert, sogenannte Antigene auf Krebszellen zu identifizieren. Frame nutzt dazu die moderne Sequenziertechnik. Myneo setzt auf Datenanalyse und den Einsatz Künstlicher Intelligenz.

Antigene sind Molekülstrukturen, in der Regel Proteine, die von Immunzellen erkannt werden können. Als Angriffspunkt für mögliche Immuntherapien gegen Krebs versuchen Forscher Antigene zu finden, die auf Tumorzellen besonders häufig vertreten sind, oder – was noch besser ist – aufgrund von Mutationen ausschließlich auf Tumorzellen entstehen, nicht aber im gesunden Gewebe.

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    Die Rede ist in diesem Fall von Neo-Antigenen. Die Grundidee besteht darin, Immunzellen mithilfe von mRNA-Vakzinen auf solche Neo-Antigene und damit gezielt gegen die Krebszellen auszurichten.

    Hohe Hürden für mRNA-Vakzine gegen Krebs

    Die Herausforderungen sind für die mRNA-Firmen dabei ungleich größer als im Bereich Infektionskrankheiten. Denn Krebserkrankungen zeichnen sich durch weitaus größere Heterogenität und zum Teil hohe Mutationsraten aus. Für mRNA-Wirkstoffe kommt es daher nicht nur darauf an, Immunzellen genügend stark zu aktivieren, sondern auch darauf, diese auf die richtigen Ziele auszurichten.

    Eine weitere Hürde besteht darin, das Umfeld von Tumoren so zu beeinflussen, dass die Immunzellen dort tatsächlich aktiv werden können und nicht durch bestimmte Signalstoffe der Krebszellen lahmgelegt werden.

    Bisher ist noch kein mRNA-Wirkstoff gegen Krebs zugelassen. Nach dem Erfolg bei Covidimpfstoffen ist die Zuversicht bei den führenden mRNA-Firmen aber erheblich gewachsen.

    Biontech-Chef Ugur Sahin etwa äußerte jüngst im Handelsblatt-Interview die Zuversicht, dass man in den nächsten Jahren auch im Krebsbereich mehrere Produkte auf den Markt bringen kann. Das Mainzer Unternehmen war 2008 bereits mit einer starken Ausrichtung auf die Antigensuche an den Start gegangen, arbeitet seither intensiv an Bioinformatik-Lösungen zur Tumoranalyse und betreibt inzwischen rund 20 klinische Projekte im Bereich der Onkologie, darunter auch individualisierte Krebsvakzine, die teilweise in Phase-2-Studien getestet werden.

    >> Lesen Sie hier den Biontech-Chef im Interview: Biontech-Chef: So soll mRNA gegen Krebs helfen

    Demgegenüber war Curevac – ähnlich wie in der Covidimpfstoff-Entwicklung – auch mit seinen Krebsprojekten bisher weitgehend gescheitert. Ein erstes mRNA-Vakzin floppte bereits 2017 in einer größeren Studie gegen Prostatakrebs, weil die ausgelöste Immunreaktion nicht stark genug war und sich das ausgewählte Antigen als ungünstig erwies.

    Die Pharmapartner Boehringer und Eli Lilly stiegen in den vergangenen beiden Jahren aus Partnerschaften mit Curevac wieder aus. Als einziges klinisches Projekt in der Pipeline verblieb ein RNA-Konstrukt, das seit inzwischen fünf Jahren in einer Phase-1-Studie als genereller Immunbooster, aber nicht als gezieltes mRNA-Vakzin getestet wird.

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    Haas zeigt sich dessen ungeachtet optimistisch, dass Curevac wieder Boden gutmachen kann. Die Ausgangsposition hat sich aus seiner Sicht durch die Covidpandemie letztlich stark verbessert, weil man über zusätzliches Know-how im mRNA-Bereich, ausgereiftere Produktionsstrukturen und neue Technologien verfügt. „Wir haben in der Onkologie nie aufgegeben und werden unsere Expertise aus der Covidimpfstoff-Entwicklung sowie die neuen Möglichkeiten im Bereich der Genomsequenzierung und Bioinformatik fokussiert nutzen, um die Entwicklung neuartiger Krebsvakzine voranzutreiben“, sagt er.

    Krebszellen werden komplett sequenziert

    Die neue Tochterfirma Frame soll dabei eine Schlüsselrolle spielen. Das niederländische Unternehmen ist darauf spezialisiert, Krebszellen komplett zu sequenzieren und dabei auch größere Verschiebungen, sogenannte Frameshifts, im Genom von Tumorzellen zu analysieren.

    Firmengründer Ronald Plasterk verweist darauf, dass durch diese Verschiebungen zahlreiche Neo-Antigene entstehen, die mit bisherigen, auf punktuelle Genmutationen ausgerichteten Analysemethoden nicht identifiziert wurden und daher neue vielversprechende Angriffspunkte für mRNA-basierte Krebsvakzine bieten könnten. „Indem wir das gesamte Genom der Tumorzellen betrachten, ist die Chance größer, als wenn wir nur einen Teil analysieren.“

    Als ideale Ergänzung zur Frame-Technologie sieht Haas insbesondere den in Entwicklung befindlichen RNA-Printer – eine Anlage, die laut Curevac eine besonders schnelle und weitgehend automatisierte Herstellung von mRNA-Molekülen erlaubt, etwa für klinische Studien oder auch für individualisierte Therapien. Für den RNA-Printer werde man bis Ende des Jahres eine Zertifizierung durch die Behörden haben.

    Verbessertes mRNA-Grundgerüst

    Für seine künftigen Krebsvakzine will Curevac ein neues, verbessertes mRNA-Grundgerüst nutzen, das man aktuell auch für ein neues Covidvakzin und einen Grippeimpfstoff verwendet. Diese beiden Produkte befinden sich in der Anfangsphase der klinischen Tests und werden beide im Rahmen der Partnerschaft mit dem britischen Pharmariesen GSK entwickelt.

    Ein Erfolg im Onkologiebereich wäre für die Tübinger sehr wichtig, um eine neue Produktpipeline außerhalb der GSK-Allianz aufzubauen und sich damit auch Optionen für neue Partnerschaften zu verschaffen. Die finanziellen Ausgangsbedingungen dafür sind allerdings wesentlich ungünstiger als bei den Konkurrenten Moderna und Biontech. Sie verfügen dank ihres erfolgreichen Covidgeschäfts inzwischen über Finanzreserven in zweistelliger Milliardenhöhe.

    Curevac war demgegenüber mit liquiden Mitteln von lediglich 658 Millionen Euro ins zweite Quartal gestartet. Der Cash-Verbrauch lag zuletzt bei 150 Millionen Euro pro Quartal, dürfte sich aber verringern, nachdem die hohen Investitionen zum Produktionsaufbau und die Abwicklung des ersten Covidimpfstoff-Projekts weitgehend bewältigt sind. Finanziell dürfte sich die Onkologiestrategie dennoch als eine Gratwanderung erweisen. Denn personell ist das Tübinger Unternehmen trotz der Rückschläge im Covidbereich bisher auf Expansionskurs geblieben. Die Mitarbeiterzahl hat sich gegenüber dem Vorjahr weiter erhöht auf inzwischen rund 1100.

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    Haas spricht von einem „kontrollierten und sehr fokussierten“ Ausbau und sieht das Unternehmen für die neuen Ambitionen in der Krebsforschung ausreichend gerüstet. Einen gewissen Spielraum in der Finanzierung bietet eine Rahmenvereinbarung mit den US-Banken Jefferies und SVB Leering zur Ausgabe weiterer Aktien im Volumen von bis zu 600 Millionen Dollar, was allerdings die Anteile der bisherigen Eigner, darunter SAP-Gründer Dietmar Hopp mit etwa 44 Prozent und die bundeseigene KfW mit rund 16 Prozent, relativ stark verwässern würde.

    Mit einem Kurs von zuletzt etwas mehr als 14 Dollar notiert die Curevac-Aktie inzwischen fast 90 Prozent unter ihrem bisherigen Höchstkurs und rund neun Prozent unter dem Emissionspreis beim IPO.

    Immerhin konnte sie im Falle der Frame-Übernahme dennoch als Akquisitionswährung genutzt werden. Die Frame-Investoren waren nach Aussage von Firmenchef Plasterk sogar höchst zufrieden damit, sich in Curevac-Anteilen auszahlen zu lassen. „Das könnte man auch als Zeichen des Vertrauens bewerten, dass aus der Kombination wunderbare Synergien entstehen.“

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