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05.11.2018

17:00

Biotechnologie

Mit Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten will Biontech weiter expandieren

Von: Siegfried Hofmann

Die Mainzer gelten als eines der offensivsten Biotech-Unternehmen. Nun treiben sie die Entwicklung von Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten voran.

Theoretisch könnten Zellen mithilfe von Boten-Nukleinsäuren (RNA) umprogrammiert werden, um beliebige Proteine zu produzieren. dpa

Neuartige RNA-Medikamente

Theoretisch könnten Zellen mithilfe von Boten-Nukleinsäuren (RNA) umprogrammiert werden, um beliebige Proteine zu produzieren.

Lange Zeit lag der Schwerpunkt von Biotech-Unternehmen fast ausschließlich in der Krebsforschung. Aber nun treibt Biontech aus Mainz auch die Entwicklung von Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten voran. Mit der angesehenen University of Pennsylvania (Penn) hat das Unternehmen dazu jetzt eine strategische Forschungs-Allianz vereinbart. Ihr Ziel: Die Entwicklung von neuartigen Impfstoffkandidaten gegen Infektionskrankheiten.

Biontechs Forschung gegen Infektionskrankheiten beruht dabei auf Boten-Nukleinsäuren, kurz mRNA. Für das Mainzer Unternehmen ist es der zweite Deal in diesem Bereich innerhalb weniger Monate. Bereits im August besiegelte das Unternehmen eine Allianz mit dem US-Pharmariesen Pfizer für die Entwicklung von RNA-basierten Grippeimpfstoffen. Pfizer zahlt im Rahmen dieser Partnerschaft bis zu 425 Millionen Dollar an Biontech, davon 120 Millionen Dollar als Vorabzahlung. Die finanziellen Konditionen der Allianz mit Penn hat Biontech dagegen nicht bekanntgegeben.

Das Mainzer Unternehmen, das bisher maßgeblich von den früheren Hexal-Eignern Thomas und Andreas Strüngmann finanziert wurde, gehört neben der Tübinger Curvac und dem US-Unternehmen Moderna zu den drei führenden Forschungsunternehmen im Bereich mRNA. Ähnlich wie der US-Konkurrent Moderna hat dabei auch Biontech in den vergangenen Jahren eine besonders aggressive Expansionsstrategie vorangetrieben.

So gilt das Unternehmen mit inzwischen mehr als 700 Mitarbeitern als größte, nicht börsennotierte Biotechfirma in Europa. Ziel ist, RNA als eine völlig neue Wirkstoffklasse zu etablieren und auf diesem Feld führende Positionen als Entwicklungspartner für große Pharmafirmen und auch als Produzent von eigenen Pharmaprodukten zu besetzen.

Noch befinden sich Wirkstoffe auf Basis von mRNA durchweg in der frühen klinischen Entwicklung. Der Beleg, dass sie tatsächlich als Medikamente oder Impfstoffe taugen, steht insofern noch aus. Aber bei allen Akteuren ist in den vergangenen Jahren die Zuversicht deutlich gewachsen, dass man die bislang noch hohen Hürden überwinden kann.

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RNA spielt eine zentrale Rolle im Stoffwechsel von allen Zellen, indem sie dafür sorgt, dass Geninformationen in Eiweißstoffe übersetzt werden. Manche Forscher sprechen daher auch von einer Art „Software der Natur“. 

Im Prinzip ist es daher naheliegend, RNA als Pharmawirkstoff zu nutzen. Denn theoretisch könnten Zellen mithilfe von RNA umprogrammiert werden, um beliebige Proteine zu produzieren. Der Einsatz als Medikament scheiterte in der Vergangenheit aber vor allem daran, dass externe RNA vom Körper zu schnell zersetzt wird und daher keine Wirkung entfalten kann. Die Forscher bei Biontech, Curevac und Moderna gehen indessen davon aus, dass sie die Hindernisse mit Hilfe spezieller Modifikationen der RNA überwinden können.

Biontech konzentrierte sich dabei bisher vor allem darauf, diese RNA-Technik für Krebsimpfstoffe, sogenannte Krebs-Vakzine, zu nutzen. Das wichtigste Entwicklungsprojekt ist ein individuell zugeschnittener Krebsimpfstoff, den das Unternehmen in mehreren klinischen Studien in Kooperation mit dem US-Unternehmen Genentech, einer Tochter des Schweizer Pharmariesen Roche, testet. Darüber hinaus bestehen Kooperationen mit Sanofi, Lilly und der dänischen Genmab, die sich aber ebenfalls vor allem auf den Bereich der Krebstherapie konzentrieren.

Mit den jüngsten Deals dehnt Biontech nun seine Aktivitäten auch in den Bereich der Infektionskrankheiten aus. Ziel ist es, so der Gründer und Firmenchef Ugur Sahin, „ein globales Immuntherapie-Unternehmen aufzubauen, das eine breite Palette an Infektionskrankheiten und Krebsarten abdecken soll“.

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Biontech intensiviert damit den Wettbewerb gegenüber den Konkurrenten Curevac und Moderne, die beide allerdings schon seit Längerem im Bereich Infektionskrankheiten forschen. Curevac vereinbarte bereits vor vier Jahren eine Allianz mit der Bill & Melinda Gates Stiftung für die Entwicklung von Impfstoffen. In diesem Zuge war die Stiftung des Microsoft-Gründers auch bei Curevac mit eingestiegen. 

Moderne arbeitet seit Längerem mit dem US-Pharmariesen Merck & Co an mRNA-basierten Impfstoffen und testet mehrere Produkte bereits in klinischen Versuchen. Impfstoffe auf Basis von mRNA, so die Hoffnung, haben das Potenzial einer höheren Wirksamkeit und sind theoretisch zudem einfacher und schneller zu produzieren.

Den Vorsprung der Konkurrenten auf dem Feld hofft Biontech nun durch die Zusammenarbeit mit der Forschergruppe von Drew Weissman von der Pennsylvania Universität zu egalisieren. Drew und seine Gruppe seien federführend in der Entwicklung neuer Impfstoff-Konzepte, so Sahin.

Die Gruppe des US-Forschers soll die präklinische Entwicklung von bis zu zehn neuen Impfstoff-Kandidaten vorantreiben, für die Biontech dann exklusive Lizenzen erwerben kann. „Die Kooperation passt perfekt zu unserer innovationsorientierten Strategie, effektive Wirkstoffe zu entwickeln, die einen unerfüllten medizinischen Bedarf adressieren.“

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