MenüZurück
Wird geladen.

11.09.2018

11:16

Immatics: Biotechfirma will mit Krebstherapien zum Einhorn werden Imago

Krebszelle im Blut

Immatics setzt seine Technologie vor allem ein, um neuartige Zelltherapien sowie so genannte bispezifische Antikörper gegen Krebs zu entwickeln.

Börsenpläne

Biotechfirma Immatics will mit Krebstherapien zum Einhorn werden

Von: Siegfried Hofmann

Mit lukrativen Allianzen gelang der deutschen Biotechfirma ein Comeback. Ein Börsengang könnte Immatics zum Milliarden-Unternehmen machen.

FrankfurtWas unterscheidet Krebszellen von normalen Zellen, und wie können diese Merkmale genutzt werden, um eine Immunreaktion gegen Tumorzellen auszulösen? Das sind die zentralen Fragen auf dem boomenden Feld der Krebsimmuntherapie. Sie waren letztlich auch der Ausgangspunkt für die Biotechfirma Immatics, die vor 18 Jahren als Ausgründung der Uni Tübingen entstand.

Grundlage war damals ein von Mitgründer Hans-Georg Rammensee entwickeltes Verfahren, um kurze Eiweißfragmente, so genannte Peptide, auf der Oberfläche von Krebszellen zu identifizieren. Das Tübinger Unternehmen zählt damit zu den Pionieren der Immuntherapie.

Dennoch war der Werdegang der Firma steinig. Denn der Versuch, aus dem Peptid-Knowhow Impfstoffe gegen Krebs zu entwickeln, entpuppte sich für Immatics als Irrweg. Das Scheitern einer großen klinischen Studie im Bereich Nierenkrebs zwang die Tübinger Firma vor drei Jahren zum Strategieschwenk. Anstatt im Impfstoffbereich setzt es seine Technologie seither vor allem ein, um neuartige Zelltherapien sowie so genannte bispezifische Antikörper gegen Krebs zu entwickeln.

In beiden Fällen geht es darum, T-Zellen des Immunsystems scharf zu machen gegen Tumorzellen. Das kann durch eine genetische Modifikation der Immunzellen außerhalb des Körpers geschehen oder durch komplizierte Eiweiß-Moleküle (Antikörper), die mit einer Seite an T-Zellen andocken, mit der anderen an Tumorzellen.

Solche T-Zell-basierten Therapien haben in den letzten Jahren für einige Furore im Pharmageschäft gesorgt. Zwei erste Produkte, von Novartis und Gilead, überzeugten mit überraschend guten Behandlungsergebnissen bei speziellen Formen von Blutkrebs und sind seit 2017 in den USA sowie seit wenigen Wochen auch in Europa zugelassen. In beiden Fällen handelt es sich um Verfahren, bei denen T-Zellen gentechnisch modifiziert werden.

Das Potenzial solcher Therapien gilt damit aber noch keineswegs als ausgereizt. Und die Manager des Tübinger Biotechunternehmens gehen davon aus, dass sie genau die richtige Technik bieten können, um das Konzept auf eine deutlich breitere Basis zu hieven. Denn die Herausforderung besteht dabei vor allem, Angriffspunkte für T-Zell-Therapien zu finden, die nur auf Tumorzellen existieren und nicht auf gesundem Gewebe.

Prominente Allianzen

„Ich bin überzeugt, dass Immatics über das weltweit wohl beste System zur Identifizierung von Zielstrukturen auf Krebszellen verfügt“, so Carsten Reinhardt, Managing Director und Chief Medical Officer der Immatics AG. „Und auch was die Entwicklung von T-Zell-Rezeptoren angeht, haben wir sowohl bei deren Identifizierung als auch Optimierung eine führende Rolle übernommen.“

Dass die Firma tatsächlich auf dem Feld mitspielen kann, dafür sprechen bisher vor allem mehrere prominente Allianzen. Vor wenigen Wochen etwa vereinbarte Immatics eine potenziell lukrative Partnerschaft mit der erfolgreichen dänischen Biotechfirma Genmab. Für den Zugang zu drei von Immatics erforschten Angriffspunkten (Targets) auf Tumorzellen zahlt Genmab dabei 54 Millionen Dollar an das Tübinger Unternehmen. Hinzu kommen weitere erfolgsabhängige Zahlungen von bis zu 1,65 Milliarden Euro.

Modifizierte Immunzellen: „Neue Ära der Medizin“ – Gentherapie gegen Krebs kurz vor der Zulassung in Europa

Modifizierte Immunzellen

„Neue Ära der Medizin“ – Gentherapie gegen Krebs kurz vor der Zulassung in Europa

Die erste Krebsbehandlung mit modifizierten Immunzellen steht vor der Zulassung in Europa. Das gilt auch als Durchbruch der Gentherapie.

Einen ähnlichen Deal hatte Immatics 2017 bereits mit dem US-Konzern Amgen vereinbart, der 30 Millionen Dollar vorab für den Zugang zu zwei Zielmolekülen aus der Forschung von Immatics zahlte. Insgesamt verfüge man über 80 bis 100 solcher Targets für die Immuntherapie, betont Reinhardt. Zu den Industriepartnern zählen ferner der Baseler Pharmariese Roche und die deutsche Biotechfirma Morphosys.

Zudem konnte Immatics 2015 die führende US-Krebsklinik MD Andersen als Forschungspartner gewinnen. Im Rahmen dieser Allianz wurde kürzlich eine dritte klinische Studie mit einem T-Zell-Rezeptor aus der Forschung von Immatics gestartet. Unter anderem hofft man, neue Therapien gegen Lungenkrebs und Leberkrebs zu entwickeln.

Nicht zuletzt um diese Projekte weiter voranzutreiben und das Potenzial der eigenen Technologie breiter zu nutzen, denkt das Unternehmen inzwischen darüber nach, auch seine finanzielle Basis deutlich zu verbreitern. Als Unternehmen mit 150 Mitarbeiter und drei Produkten in klinischen Tests werde Immatics mittelfristig weiteren Finanzbedarf haben, so Reinhardt. „Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, diesen zu decken. Hierzu zählen der Ausbau von Partnerschaften und auch ein möglicher Börsengang.“

Ein Listing der Firma dürfte dabei, wie Reinhardt erläutert, wohl nicht vor 2019 erfolgen – und wenn, dann aller Voraussicht nach in den USA, wo es deutlich mehr erfahrene Biotech-Investoren gebe. „Die Chancen, dort mit einem IPO und späteren Folgeemissionen relevant Geld einzuwerben, sind daher deutlich höher als in Deutschland.“ Auch ein Verkauf des Unternehmens wird, wie Reinhardt andeutet, in Tübingen nicht völlig ausgeschlossen. Zugleich betont er aber auch: „Unsere Eigentümer verstehen das Potenzial von Immatics und haben einen langfristigen Investitionshorizont.“

Bisher hat Immatics in fünf Finanzierungsrunden 230 Millionen Euro an Kapital eingeworben. Hauptfinanzier und mit rund 40 Prozent größter Anteilseigner ist die Dievini Hopp Biotech-Holding, in der SAP-Gründer Dietmar Hopp seine Biotech-Engagements gebündelt hat. Insgesamt hat er bisher mehr als eine Milliarde Euro in knapp zwei Dutzend Biotechfirmen investiert, dabei aber bisher noch keine erfolgreichen Verkäufe realisiert.

Neben Dievini sind bei Immatics die MIG-Fonds, die Brüder Strüngmann und Wellington Partners mit jeweils rund zehn Prozent sowie eine Reihe weiterer Investoren mit kleineren Anteilen beteiligt.

Aus Sicht von Dievini-Geschäftsführer Friedrich von Bohlen geht es bei den Finanzierungsplänen letztlich darum, das Potenzial des Unternehmens voll auszuschöpfen. „Wir haben keine Präferenz. Ziel ist es, Immatics auf jeden Fall erfolgreich weiterzuentwickeln.“ Dievini wolle nicht aussteigen. Aber wenn jemand einen herausragenden Preis biete, werde man sich auch einem Verkauf nicht verschließen. „Wir wollen das Beste für die Firma.“

Von Bohlen macht dabei deutlich, dass man für Immatics eine Bewertung jenseits der Milliardenschwelle anstrebt. Einen Orientierungspunkt bietet etwa die bereits börsennotierte britische Biotechfirma Adaptimmune, die ebenfalls mehrere T-Zell-Therapien in frühen klinischen Studien testet. Sie wird derzeit mit rund eine Milliarde Dollar bewertet.

Kommerzielles Potenzial ist noch unklar

Noch deutlich höher liegen die Bewertungen für mehrere US-Firmen, die T-Zell-Therapien bereits bis zur Marktreife entwickelt haben. Für die Übernahme der Firma Kite etwa zahlte der US-Biotechkonzern Gilead knapp 12 Milliarden Dollar. Juno wurde für rund acht Milliarden Dollar von Celgene übernommen. Bluebird Bio wird aktuell mit gut acht Milliarden Dollar bewertet.

Dabei ist bislang noch keineswegs klar, wie viel kommerzielles Potenzial in diesen Zelltherapien wirklich steckt. Das Marktforschungsunternehmen Frost & Sullivan schätzt, dass T-Zell-Therapien gegen Krebs bis 2022 ein Marktvolumen von knapp vier Milliarden Dollar erreichen könnten. Andere Prognosen liegen eher niedriger.

Biotech-Branche: Raus aus Deutschland – Biotech-Start-ups zieht es nach Boston

Biotech-Branche

Raus aus Deutschland – Biotech-Start-ups zieht es nach Boston

Deutsche Biotech-Unternehmen zieht es ins Ausland – vor allem nach Boston. Was macht den Osten der USA so attraktiv? Eine Spurensuche.

Zu den Herausforderungen für die neuen Therapien gehören die bisher noch beachtlichen Nebenwirkungen der Produkte. Vorläufig dürfte daher nur relativ wenige Patienten für eine Behandlung überhaupt in Frage kommen.

Eine zweite Hürde besteht in den sehr komplizierten und aufwändigen Herstellverfahren. Denn die T-Zellen müssen für jeden Patienten individuell aufbereitet werden. Die bisher zugelassenen Therapien kosten daher auch in Europa mehr als 300.000 Euro je Behandlung.

Kommerziell attraktiver könnten daher Therapien sein, bei denen T-Zellen mit Hilfe von bispezifischen Antikörpern aktiviert werden. Diese können, wie viele andere Medikamente auch, auf klassische Weise biotechnisch produziert werden.

Allerdings ist bislang noch nicht klar, ob solche Medikamente ähnlich hohe Wirkungsgrade erzielen können wie die gentechnischen Verfahren, bei denen die T-Zellen von Patienten außerhalb des Körpers umprogrammiert werden. Immatics hofft, in beiden Bereichen mit zu spielen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×