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15.06.2019

10:27

Chattanooga

VW-Werk in den USA bleibt gewerkschaftsfrei – und der Ärger reicht bis nach Wolfsburg

Von: Stefan Menzel, Katharina Kort

Auch in der zweiten Abstimmung hat es die UAW in Chattanooga nicht geschafft. Nicht nur die Reaktion von Konzernbetriebsratschef Osterloh fällt harsch aus.

Die US-Autogewerkschaft UAW muss in Volkswagens einzigem US-Werk weiterhin draußen bleiben, dpa

Volkswagen in den USA

Die US-Autogewerkschaft UAW muss in Volkswagens einzigem US-Werk weiterhin draußen bleiben,

Düsseldorf, New York Auch im zweiten Anlauf hat es die Gewerkschaft wieder nicht geschafft: Das Werk in Chattanooga im amerikanischen Bundesstaat Tennessee bleibt die einzige Volkswagen-Fabrik ohne gewerkschaftliche Vertretung.

In der Nacht zum Samstag hatte das Unternehmen das Ergebnis der dreitätigen Abstimmungsrunde bekanntgegeben: Sie stimmten mit 833 zu 776 Stimmen gegen den Vorschlag, sich am Standort Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee von der UAW repräsentieren zu lassen. Die Wahlbeteiligung lag bei 93 Prozent.

Anders als in Deutschland gibt es in amerikanischen Fabriken keinen Betriebsrat. Stattdessen übernehmen dort die Gewerkschaften das Vertretungsrecht für Beschäftigte und handeln Vereinbarungen mit einzelnen Unternehmen aus. Dafür muss es allerdings die Zustimmung der Beschäftigten geben, dass eine Gewerkschaft tatsächlich in einen Konzern einziehen darf.

Vor allem im Süden der USA ist das keineswegs selbstverständlich, viele Unternehmen sind dort komplett gewerkschaftsfrei. Bei VW in Chattanooga hatte die Belegschaft schon einmal in einer ersten Abstimmungsrunde vor fünf Jahren die Vertretung durch die UAW abgelehnt.

Wie schon 2014 ist die Wahl auch dieses Mal wieder ein Politikum gewesen. Damals hatte die Gewerkschaft Einspruch gegen das Abstimmungsergebnis eingelegt, da politische Lobbygruppen eine Drohkulisse aufgebaut und die Wahl negativ beeinflusst hätten.

Republikanische Politiker hatten behauptet, wenn die UAW bei VW in Chattanooga einziehe, blieben Investitionen aus und die Produktion neuer Modelle sei gefährdet. Jahrelang hatte die Gewerkschaft auf eine weitere Abstimmung gedrängt, der UAW zufolge hatte VW versucht, das mit rechtlichen Mitteln zu verhindern.

Verstimmung in Wolfsburg

Der Konflikt um das gewerkschaftliche Vertretungsrecht in den USA strahlt bis in die Konzernzentrale nach Wolfsburg aus und sorgt dort für Verstimmung zwischen dem Unternehmen und dem Betriebsrat. Volkswagen hatte im Vorfeld der Abstimmung immer wieder erklärt, der Konzern verhalte sich neutral. Deutsche Gewerkschaftsvertreter widersprachen dieser Behauptung, es habe sehr wohl eine Wahlbeeinflussung durch das Unternehmen gegeben.

Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh reagierte am Samstagmorgen enttäuscht. „Die Wahl in Chattanooga lief unter äußerst unerfreulichen Vorzeichen ab, die überhaupt nicht zu Volkswagen und zu unserer weltweit gelebten Mitbestimmungskultur passen“, sagte Osterloh in einer ersten Reaktion.

Interessierte Kreise hätten gezielt Stimmung gemacht gegen die UAW. Sie hätten die Belegschaft „mit Schauermärchen eingeschüchtert und Ängste geschürt“, Volkswagen könnte seine Investitionen zurückfahren, sollte die Gewerkschaft im Werk in Chattanooga einziehen.

Osterloh attackierte auch die Werksleitung in den USA. „Das Management hat es einfach nicht im Griff gehabt, in Chattanooga die nötige Neutralität für eine faire Wahl zu gewährleisten. Dass unser Wahlbeobachter Johan Järvklo als zuständiger Generalsekretär nicht einmal einen Fuß ins Werk setzen durfte, zeigt dabei nur die Spitze des Eisbergs“, betonte er. Der Betriebsrat werde jetzt in Ruhe „die Unzulänglichkeiten“ analysieren und daraus Konsequenzen ziehen. „Heute ist ein schlechter Tag für die Volkswagen-Familie und ihre Kultur.“

Järvklo war Mitte der Woche bei einem Besuch an den Werkstoren in Chattanooga abgewiesen worden. Ein Konzernsprecher sprach nach dem Vorfall von einem Missverständnis, das später aufgeklärt worden sei.

Im Vorfeld der Abstimmung hatte sich auch die IG Metall zu Wort gemeldet, ebenfalls mit dem Vorwurf, VW habe sich eingemischt. „Volkswagen hat sich entsprechend amerikanischem Arbeitsrecht zu neutralem Verhalten im Vorfeld der Wahl verpflichtet. Aber: Nach unseren Informationen wurde dies in der Vergangenheit vielfach unterlaufen. So wurden im Werk antigewerkschaftliche Flugblätter verteilt, Vorgesetzte bitten darum, dem Management eine Chance zu geben, die Probleme ohne die Gewerkschaft zu lösen“, beklagte Jörg Hofmann, Vorsitzender der IG Metall und Mitglied des VW-Aufsichtsrates.

Der Süden der USA sei besonders gewerkschaftsfeindlich. Insbesondere aus der Politik kämen dort Signale, dass eine Gewerkschaft nicht notwendig sei. Bill Lee, republikanischer Gouverneur von Tennessee, hatte den VW-Beschäftigten bei einem Werksbesuch im vergangenen Monat nahegelegt, auf die Vertretung durch die Gewerkschaft zu verzichten.

Anders die Worte aus Chattanooga. „Unsere Beschäftigten haben gesprochen“, sagte Frank Fischer, Präsident von VW Chattanooga, nach der Wahl. Das Unternehmen werde weiterhin eng mit dem Bundesstaat Tennessee, der Region und der Stadt zusammenarbeiten, um neue Arbeitsplätze zu schaffen und die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben.

Neuerlicher Dämpfer für UAW

Für die US-Automobilarbeitergewerkschaft UAW ist das Abstimmungsergebnis ein schwerer Rückschlag bei ihren Bemühungen, auch im Süden der Vereinigten Staaten Fuß zu fassen. Zuletzt war sie 2017 in einer Nissan-Fabrik im Bundesstaat Mississippi damit gescheitert, eine gewerkschaftliche Vertretung aufzubauen.

In den neuen Autofabriken, die während der vergangenen 15 Jahre in den Südstaaten vor allem von ausländischen Automobilherstellern eröffnet worden sind, ist die Gewerkschaft überhaupt nicht vertreten. Immer wieder ist die daran gescheitert, eine ähnliche Vertretungsmacht wie in Detroit zu erreichen, dem klassischen Automobilstandort der USA.

In einer ersten Reaktion forderte die UAW, dass das amerikanische Arbeitsrecht geändert werden müsse. „Sonst wird es für die VW-Beschäftigten beinahe unmöglich bleiben, überhaupt einmal eine gewerkschaftliche Vertretung aufzubauen“, erklärte die UAW.

Das VW-Werk wäre das erste Werk eines ausländischen Autoherstellers im Süden der USA gewesen, in dem die UAW Einzug gehalten hätte. Insgesamt zehn ausländische Hersteller haben dort Fabriken errichtet, angelockt von niedrigen Löhnen und wenig gewerkschaftlich organisierten Mitarbeitern. Auch Daimler und BMW haben dort großen Fabriken gebaut.

Die UAW hat in den gesamten USA mit einem Mitgliederschwund zu kämpfen. Allein im vergangenen Jahr hatte die Gewerkschaft etwa acht Prozent ihrer Mitglieder verloren. Zuletzt waren einzelne Vertreter der Gewerkschaft in Korruptionsskandale bei Fiat-Chrysler verwickelt, was der Gewerkschaft einen Ansehensverlust bescherte.

In Chattanooga war im Vorfeld über die möglichen Folgen eines Einstiegs der Gewerkschaft diskutiert worden. Der ehemalige Bürgermeister Ron Littlefield erinnerte daran, dass in der Vergangenheit Unternehmen abgeschreckt worden seien, als die Gewerkschaften stärker präsent waren.

Bill Dycus, Präsident des amerikanischen Gewerkschaftsbundes AFL-CIO in Tennessee wies darauf hin, dass die UAW und General Motors (GM) in Tennessee gemeinsam dafür gesorgt hätten, „dass eine Fabrik erhalten geblieben ist“. Dieses Werk sei heute eines der besten von GM im ganzen Land.

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