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11.05.2022

15:23

Chemie- und Pharmakonzern

Bayers Hoffnung auf schnelles Ende der Glyphosat-Verfahren schwindet

Von: Bert Fröndhoff

PremiumDie US-Regierung stellt sich gegen den Konzern. Damit stehen die Chancen für ein Berufungsverfahren vor dem Supreme Court schlecht. Der Plan B rückt für Bayer näher.

Bayer verdient mit dem früheren Monsanto-Mittel derzeit prächtig. dpa

Glyphosathaltiges Unkrautmittel Roundup

Bayer verdient mit dem früheren Monsanto-Mittel derzeit prächtig.

Düsseldorf Im Rechtsstreit um angebliche Gesundheitsrisiken des Unkrautvernichters Glyphosat muss Bayer in den USA einen empfindlichen Rückschlag einstecken. Das US-Justizministerium rät dem Obersten Gerichtshof in einer Stellungnahme, das vom Leverkusener Konzern angestrebte Berufungsverfahren nicht anzunehmen.

Bayer hofft auf ein solches Verfahren vor dem Supreme Court und ein positives Urteil in letzter Instanz. Damit könnten die Rechtsrisiken durch die Glyphosat-Klagen in den USA endgültig ausgeräumt werden – und zugleich weitere Milliardenzahlungen. Schon bisher kosten außergerichtliche Vergleiche mehr als zehn Milliarden Euro.

Doch die Chancen auf Berufung stehen nach der Stellungnahme der Regierung schlecht. Zwar entscheidet letztlich der Oberste Gerichtshof der USA über eine Annahme. Die Richter hatten aber zunächst die Einschätzung des US-Justizministeriums angefordert, was US-Rechtsexperten als entscheidend für das weitere Vorgehen werten.

Anleger fürchten, dass die Causa Glyphosat nun zur weiteren jahrelangen Belastung wird. Die Bayer-Aktie verlor am Mittwoch neun Prozent an Wert. „Es ist wahrscheinlich, dass die Investoren in den nächsten Jahren wieder mit negativem Newsflow wie Klagen, verlorenen Prozessen und Schadensersatzzahlungen konfrontiert werden“, sagt Markus Manns, Portfoliomanager bei Union Investment, dem Handelsblatt.

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    Bayer hat einen Plan B entwickelt und für neue Vergleiche 3,8 Milliarden Euro zurückgestellt. Doch es drohen darüber hinausgehende finanzielle Belastungen.

    Glyphosat – der umstrittene Gewinn-Treiber

    Der Kurssturz der Bayer-Aktie auf 57 Euro nach der Abweisung durch die US-Regierung zeigt: Der Blick der Investoren ist noch immer stark auf den Faktor Glyphosat und die Folgen der Monsanto-Übernahme gerichtet. Dabei hatte der Dax-Konzern zuletzt mit guten Geschäftsergebnissen am Finanzmarkt gepunktet und Vertrauen zurückgewonnen.

    Operativ läuft die Agrarsparte Crop Science stark und kam im ersten Quartal auf eine Rendite von 43 Prozent – vor allem, weil ausgerechnet Glyphosat in der Landwirtschaft so begehrt und knapp ist, dass sich der Preis binnen Jahresfrist verdoppelte. Das umstrittene Mittel war der Gewinntreiber.

    Grafik

    Die Bayer-Aktie verzeichnete in den vergangenen Wochen zwischenzeitlich ein Plus von 40 Prozent seit Jahresbeginn. Aktuell sind es trotz des starken Rückgangs noch 20 Prozent. „Die Unsicherheit ist jetzt wieder deutlich gestiegen“, sagt Union-Investment-Manager Manns. Die Monsanto-Übernahme belaste weiter den Aktienkurs, konstatiert Ingo Speich, Leiter Corporate Governance und Nachhaltigkeit bei der Deka. „Ein weiterer Versuch, die Rechtsrisiken zu reduzieren, ist gescheitert. Jetzt ist wichtig, zügig mit der weiteren Abarbeitung der offenen Rechtsfälle voranzukommen.“

    Bayer verweist auf die noch ausstehende Entscheidung des Supreme Courts. Er werde dafür die Stellungnahmen sämtlicher Parteien berücksichtigen, auch eine weitere vom Konzern eingereichte. Doch schon jetzt zeigt sich, dass die Reaktion der US-Regierung ein weiterer Schlag in den langen Auseinandersetzungen mit Glyphosat-Klägern in den USA ist.

    Bayers zahlreiche Glyphosat-Niederlagen

    Die Leverkusener verkaufen den glyphosathaltigen Unkrautvernichter Roundup seit der Übernahme Monsantos im Sommer 2018. Kurz danach begannen Prozesse von Privatanwendern, die das Mittel für ihre Erkrankung an Lymphdrüsenkrebs verantwortlich machen.

    Bayer verlor in den USA drei dieser Verfahren hintereinander, scheiterte mit Einsprüchen und Berufungen bei den Gerichten und wurde zu Schadensersatzzahlungen jeweils in Millionenhöhe verurteilt. Dazu kamen hohe Reputationsverluste wegen der rechtlichen Folgen des Monsanto-Kaufs: Bayer war lange Zeit hauptsächlich mit Prozessen, erkrankten Klägern und Kritik am früheren geschäftlichen Gebaren Monsantos in den Nachrichten.

    2019 begannen die Verhandlungen über außergerichtliche Vergleiche mit den Klägeranwälten, die ein Jahr später zu einer milliardenteuren Einigung führten. Für die Beilegung der vorliegenden Klagen nennt Bayer einen Betrag von rund zehn Milliarden Euro. Gut 107.000 von 138.000 eingereichten Klagen sind bisher gelöst.

    Allein 2021 hat der Konzern mehr als vier Milliarden Euro für Vergleiche aufgewendet, was den freien Cashflow stark belastete. Auf der Hauptversammlung Ende April straften die Aktionäre das Bayer-Management dafür ab, dass sich dies nicht in den Boni des Vorstands niederschlug. Sie lehnten den Vergütungsbericht ab.

    Anleger beobachten die Situation um den Glyphosat-Streit in den USA genau. dpa

    Bayer

    Anleger beobachten die Situation um den Glyphosat-Streit in den USA genau.

    Entscheidend für den weiteren Verlauf der rechtlichen Auseinandersetzung ist, wie Bayer mit neuen Klagewilligen umgehen kann und wird. Einfachste Lösung wäre es, wenn der Supreme Court Prozessen die Grundlage entzieht. Die Klagen fußen rechtlich darauf, dass auf dem Produktlabel von Roundup kein Warnhinweis auf den möglicherweise Krebs verursachenden Inhaltsstoff gedruckt ist.

    Bayer argumentiert, ein solcher Hinweis sei weder sachlich noch rechtlich gegeben. Die US-Umweltbehörde EPA hält Glyphosat bis heute für unbedenklich, eine Warnung sei irreführend, von der EPA nicht genehmigt worden und deswegen durch amerikanisches Bundesrecht ausgeschlossen. Das soll der Supreme Court überprüfen.

    Die Biden-Regierung stimmte der Argumentation Bayers, wonach Bundesrecht Schadensersatzansprüche in einzelnen US-Staaten verhindere, nun nicht zu. In US-Justizkreisen wird dies als klarer Positionswechsel interpretiert. Unter Ex-Präsident Donald Trump hatte sich die Regierung auf die Seite Bayers gestellt und den Konzern unterstützt.

    Auf der Hauptversammlung Ende April straften die Aktionäre das Bayer-Management ab. imago images/sepp spiegl

    Werner Baumann

    Auf der Hauptversammlung Ende April straften die Aktionäre das Bayer-Management ab.

    Die entscheidende Frage ist: Baut sich eine neue massive Klagewelle gegen Bayer auf, wenn der Supreme Court die Berufung ablehnt? Anwälte begrüßten die Stellungnahme der US-Regierung. „Wir haben immer gewusst, dass das Recht auf unserer Seite ist, und nun stimmt die Regierung zu“, sagte Jennifer Moore, die den Kläger in dem zur Berufung angestrebten Verfahren vertritt. „Es ist ein sehr guter Tag für Krebsopfer in diesem Land, die versuchen, Täter wie Monsanto zur Rechenschaft zu ziehen.“

    Bayer rechnet bei einem Scheitern der Berufung selbst mit einem Aufkommen neuer Klagen – allerdings in weitaus geringerem Volumen als bisher. Anwälte könnten das Einwerben von Klagen in der Bevölkerung zwar wieder verstärken. Doch die großen, auf solche Fälle spezialisierten Kanzleien in den USA haben die Vergleichsbedingungen von Bayer akzeptiert und lassen wenig von sich hören. „Sie bekommen milliardenschwere Honorare und haben das Thema weitgehend abgehakt“, heißt es in US-Anwaltskreisen.

    Verkauf von Glyphosat an Privatnutzer wird gestoppt

    Zudem sind die Aussichten auf erfolgreiche Prozesse für die Kläger etwas gesunken, weil Bayer die beiden zurückliegenden Glyphosat-Verfahren gewonnen hat. Anfang Mai hat ein weiterer Prozess im US-Bundestaat Missouri begonnen, dessen Ausgang nun auf höheres öffentliches Interesse stoßen dürfte.

    Bayer verweist zudem darauf, dass der Verkauf des glyphosathaltigen Roundups 2023 an Privatanwender eingestellt wird. Das ist ein wichtiger Teil des Plan B. Finanziell ist das verkraftbar, weil 90 Prozent des Glyphosat-Geschäfts auf die professionelle Landwirtschaft entfällt. Fast alle Klagen kommen aber von Privatanwendern, die das Mittel etwa in ihrem Garten einsetzen.

    Union-Fondmanager Manns hält es dennoch für wahrscheinlich, dass sich in den nächsten Jahren neue Fälle häufen. Er verweist auf die Latenzzeit von fünf bis zehn Jahren bei Lymphdrüsenkrebs. Vereinfacht heißt dies, dass Amerikaner, die heute Roundup verwenden und in fünf bis zehn Jahren an Krebs erkranken, dann mit einer Klage gegen Bayer drohen könnten.

    Der Dax-Konzern bereitet sich darauf vor, seine Position weiter auch vor Gericht zu verteidigen, falls der Konzern die Forderungen der Kläger für unangemessen hält. Der Plan B sieht aber vor, dass sich möglicherweise Anspruchsberechtigte direkt ans Unternehmen wenden können und nicht erst einen Prozessanwalt mandatieren müssen.

    Damit will der Konzern öffentlichkeitswirksame Verfahren und Auseinandersetzungen vermeiden. Die möglichen Kosten für die Beilegung solcher Ansprüche in den kommenden 15 Jahren hat Bayer mit den Rückstellungen von umgerechnet 4,5 Milliarden Dollar selbst beziffert.

    Debatte über Aufspaltung könnte abebben

    Ob das ausreicht, um die Glyphosat-Klagen endgültig aus der Welt zu schaffen, ist offen. Analyst Richard Vosser von JP Morgan sieht keine finanziellen Auswirkungen auf die Prognosen des Unternehmens – zumindest nicht unmittelbar, wie er schreibt. Doch die Historie der gesamten Causa Glyphosat hat gezeigt, dass es für Bayer immer wieder negative Überraschungen in der US-Justiz gab. Die von Monsanto geerbten Rechtsrisiken konnten nicht wie vom Konzern geplant aus der Welt geschaffen werden.

    Lehnt der Supreme Court ein Berufungsverfahren ab, könnte Bayer dem auch etwas Positives abgewinnen: Die Debatte über eine mögliche Aufspaltung des Konzerns könnte an Fahrt verlieren. Denn die Glyphosat-Rechtslasten galten stets als „Giftpille“ für eine Verselbstständigung des Agrargeschäfts mit eigener Börsennotierung.

    Diese Pille wäre weg, wenn die Richter in einer Berufung die Fälle schlagartig beenden würden. Doch wie es jetzt aussieht, wird das Erbe Monsantos den Leverkusener Konzern noch länger beschäftigen.

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