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28.04.2019

19:00

Bayer: Die Investoren hadern mit Bayer-Chef Werner Baumann dpa

Werner Baumann

Die Investoren zweifeln an dem Bayer-Chef.

Chemiekonzern

Baumann soll zweite Chance bekommen – doch Investoren hadern mit dem Bayer-Chef

Von: Bert Fröndhoff, Dieter Fockenbrock, Anke Rezmer, Daniel Schäfer

Vorstand und Aufsichtsrat haben das Vertrauen der Aktionäre verloren. Anteilseigner fordern von Baumann, die Risiken des Monsanto-Deals in den Griff zu bekommen.

Düsseldorf, Frankfurt Auch Tage nach der turbulenten Hauptversammlung kommt der Leverkusener Bayer-Konzern nicht zur Ruhe. Es zeigt sich ein tiefer Graben zwischen der Konzern-Führung und den Anteilseignern, der dem Chemie-Unternehmen gefährlich werden könnte.

Am Freitag hatten Bayers Aktionäre dem Vorstandsvorsitzenden Werner Baumann auf der Hauptversammlung das Vertrauen entzogen: Baumann wurde nur mit 45 Prozent der Aktionärsstimmen entlastet. Damit ist er der erste amtierende CEO eines Dax-Konzerns, der eine derartige Abstimmungsniederlage auf der Jahres-Vollversammlung einstecken musste. Aufsichtsratschef Werner Wenning weiß um die Tragweite. „Wir nehmen dieses Votum sehr ernst“, ruft er den 3 600 Aktionären zu, „und werden alles tun, um das Vertrauen des Kapitalmarktes zurückzugewinnen.“

Die Diskussion über die Folgen dieses Ergebnisses läuft aber erst an – und die Konsequenzen sind momentan noch nicht absehbar. Der Unmut vieler Investoren ist anhaltend hoch: Sie machten ihrem Ärger über den massiven Kursverlust der Bayer-Aktie Luft, die seit Abschluss der Monsanto-Übernahme 36 Prozent an Wert verloren hat. Viele Aktionäre sehen die Reputation von Bayer durch den Kauf des umstrittenen Saatgutherstellers stark beschädigt.

Einen schnellen Rücktritt des Bayer-Chefs fordert bisher kein Investor. Zu groß ist die Angst vor Chaos. Janne Werning von der Fondsgesellschaft Union Investment warnt: „Ein überstürzter Austausch des Vorstandsvorsitzenden würde das Risiko einer Zerschlagung erhöhen.“ Vorstand und Aufsichtsrat hätten eine „zweite Chance“ verdient, um die Risiken des Monsanto-Deals in den Griff zu bekommen.

Ein schwaches Entlastungsergebnis hat schon anderen Vorstandschefs den Job gekostet – so etwa 2015 der Doppelspitze der Deutschen Bank, Anshu Jain und Jürgen Fitschen. Doch nach Recherchen des Handelsblatts stellen führende Fondsgesellschaften das Management von Bayer nach dem Votum nicht infrage.

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Vorerst nicht. Sie verstehen die Nichtentlastung als Warnschuss an den Vorstand und Aufsichtsrat. Es habe sich gezeigt, dass der Geduldsfaden der Aktionäre sehr dünn geworden ist, so beschrieb einer der größten Anteilseigner des Leverkusener Konzerns am Sonntag die Lage. Es sei aber zu früh, CEO Werner Baumann auszutauschen. Bayer müsse die zu schwache Performance des Unternehmens nun schnell verbessern. 

In die gleiche Richtung äußerte sich die Fondsgesellschaft der Genossenschaftsbanken, Union Investment, die ebenfalls einer der größeren Bayer-Aktionäre ist. Ihr Vertreter Werning hatte am Freitagabend gegen die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat gestimmt. Der Aufsichtsrat kam auf schwache 66 Prozent Zustimmung.

„Das Abstimmungsergebnis ist ein heftiger Schuss vor den Bug für Herrn Baumann, aber auch für Herrn Wenning“, sagte Union-Analyst Werning dem Handelsblatt. Vorstand und Aufsichtsrat hätten aber eine zweite Chance verdient, um die Risiken in den Griff zu bekommen und das Unternehmen wieder auf einen stabilen Wachstumspfad zurückzuführen, erklärte er.

Die Nichtentlastung hat keine rechtlichen Konsequenzen, sie kann aber als Auftrag an den Aufsichtsrat verstanden werden, über die Neubesetzung der Führungsspitze nachzudenken. Nur der Aufsichtsrat kann Vorstände feuern.

Den demonstrativen Schulterschluss des Aufsichtsrats mit dem Vorstand in der Nacht zu Samstag stuft ein großer Bayer-Investor als „erste Trotzreaktion“ des Kontrollgremiums ein. In Unternehmenskreisen von Bayer heißt es, der Aufsichtsrat habe schnell ein klares Signal senden wollen – auch um erst gar keinen Raum für Personalspekulationen aufkommenden zu lassen. Das Gremium stehe weiter nicht nur hinter dem Vorstand, sondern auch hinter der Monsanto-Übernahme.

Dennoch sollte der Bayer-Führung klar sein, dass sie nach dieser Hauptversammlung nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann. Wenning spricht von einem Signal, die „Stärken der Bayer AG künftig wieder deutlicher zur Geltung zu bringen“. Der Aufsichtsrat will den Vorstand dabei unterstützen, das Vertrauen der Aktionäre schnellstmöglich und vollständig wieder zurückzugewinnen.

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Vorstand und Aufsichtsrat müssen laut Michael Wolff vorerst beim Pharmakonzern bleiben. Nur so könne Chaos verhindert werden, sagt der Controlling-Experte im Interview.

Zugleich erteilte der Aufsichtsrat dem Vorstand einen Arbeitsauftrag: Höchste Priorität müsse nun die entschiedene und erfolgreiche Verteidigung in den Berufungsverfahren und Gerichtsverhandlungen zu Glyphosat sowie das Erreichen der ambitionierten operativen Wachstums- und Renditeziele haben, hieß es.
Beim Vorstand ist dies angekommen. In einem internen Schreiben an die Bayer-Mitarbeiter, das dem Handelsblatt vorliegt, schreibt die Führungsriege am Wochenende: „Wir verstehen die Stimmung unserer Aktionäre und teilen ihre Enttäuschung über die Kursentwicklung unseres Unternehmens. Ihr Votum ist für uns ein Aufruf zum Handeln.“ Die Abstimmung des Aufsichtsrats gebe „das klare Mandat, unser großartiges Unternehmen zu führen“.

Mit warmen Worten werden sich die Aktionäre aber nicht zufriedengeben. Ihre Enttäuschung und Wut war bei der Hauptversammlung in fast jeder Wortmeldung zu spüren. In rekordverdächtigen 60 Redebeiträgen wurde die Bayer-Führung wegen der Monsanto-Übernahme scharf kritisiert. „Herr Baumann, was haben Sie mit unserer Bayer AG gemacht? Wo bleibt die Demut und die Empathie für Anleger, die ihr Erspartes in Bayer investieren?“, rief Joachim Kregel von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger.

Den Vorwürfen, der Vorstand haben die rechtlichen Risiken durch Glyphosat-Klagen bei der Übernahme nicht ausreichend geprüft, ist Bayer mit zwei Rechtsgutachten entgegengetreten. Sie attestieren dem Vorstand, dass er seine Pflichten vollumfänglich eingehalten hat. Bayer hatte sich erhofft, damit eine Niederlage bei der Entlastungsabstimmung verhindern zu können. Das ist gründlich misslungen.

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Nach dem Vertrauensentzug der Aktionäre ist Vorstandschef Werner Baumann angeschlagen. Seine umgehende Absetzung ist aber weder angebracht noch sinnvoll.

Das liegt auch daran, dass die Kritik am Kurs des Managements tiefer sitzt. Bayer müsse seinen Aktionären viel klarer machen, welche operativen Fortschritte und damit Wertbeiträge die Monsanto-Übernahme schaffe, fordert ein Investor. Zudem brauche die Pharmasparte und das angeschlagene Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten eine greifbare strategische Perspektive. „Baumann muss es schaffen, mit seiner Kommunikation die Investoren zu erreichen und über Etappenziele konkret zu informieren“, sagt der Investor.
Das verlangt auch Ingo Speich von der Sparkassenfondsgesellschaft Deka. Das Management steht seiner Ansicht nach in der Pflicht, ein überstürzter Wechsel an der Spitze würde „das Chaos bei Bayer nur vergrößern“ sagt er. Vorstandschef Baumann müsse nun einen Schritt nach vorn machen und schnelle operative Erfolge bei der Lösung der bekannten Bayer-Schwachstellen liefern, fordert Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Tüngler sieht in dem Aktionärsvotum auch eine Gefahr: Man müsse aufpassen, dass die Entscheidung nicht zum „Steigbügel für Hedgefonds mit ihren Forderungen nach Aufspaltung wird“. Das sei nicht im Interesse der überwiegenden, langfristig orientierten Aktionäre von Bayer.

An dem Konzern ist der berüchtigte Hedgefonds Elliott bislang mit weniger als drei Prozent beteiligt. Elliott hat sich nie über seine Absichten geäußert. Der DSW-Chef fordert Investoren nach dem Warnschuss am Freitag nun zur Mäßigung auf. „Der Keil zwischen Vorstand und Aktionären darf nicht noch tiefer getrieben werden.“
Zugleich sieht Tüngler die denkwürdige Hauptversammlung als Signal eines neuen Bewusstseins der Aktionäre. Bayer hatte es vor zwei Jahren abgelehnt, die Hauptversammlung über die Monsanto-Übernahme abstimmen zu lassen. Ein Fehler, der sich jetzt bitter räche, meint der DSW-Chef.

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Kommentare (1)

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Herr Andre Peter

29.04.2019, 12:36 Uhr

Bei solch massiven Fehlentscheidungen kann es keine zweite Chance geben

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