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28.11.2022

11:26

Chemikalienhändler

Der weltgrößte Chemikalien-Händler will die Nummer zwei übernehmen – Aktie bricht ein

Von: Bert Fröndhoff, Arno Schütze

Brenntag plant eine milliardenschwere Übernahme in den USA: Mit Univar könnte der Konzern seine Position in den USA ausbauen. Doch die Anleger sind skeptisch.

Zuletzt hatte das in den Leitindex Dax aufgerückte Unternehmen nur kleinere Firmen gekauft. Brenntag AG

Chemikalienhändler Brenntag

Zuletzt hatte das in den Leitindex Dax aufgerückte Unternehmen nur kleinere Firmen gekauft.

Düsseldorf, Frankfurt Der Chemikalienhändler Brenntag nimmt seine bisher größte Übernahme ins Visier. An der Börse kommen diese Pläne jedoch nicht gut an. Die Aktie des Dax-Konzerns brach am Montag zeitweise um mehr als neun Prozent auf unter 62 Euro ein. Brenntag hatte am Wochenende bestätigt, in Gesprächen über eine Übernahme des US-Konkurrenten Univar zu sein.

Es wäre in der Branche für Chemiedistribution ein Megadeal. Brenntag als Weltmarktführer würde sich die Nummer zwei einverleiben. Der Essener Konzern wird in diesem Jahr auf einen geschätzten Umsatz von 19 Milliarden Euro kommen.

Nach einer Fusion mit Univar würde das Unternehmen seine Position als Nummer eins mit einem Umsatz von dann gut 30 Milliarden Euro deutlich ausbauen. Die Hamburger Helm AG, die Nummer fünf der Branche, kommt gerade mal auf mehr als sechs Milliarden Euro Umsatz.

Univar-Übernahme wäre für Brenntag sehr teuer

Brenntag betont, dass die Gespräche mit Univar bisher noch zu keinem Ergebnis geführt hätten. In Branchenkreisen hieß es, die Verhandlungen seien in einem frühen Stadium und könnten sich noch Monate hinziehen.

Doch die Anleger zeigen sich jetzt schon verschreckt von den Plänen. Sie fürchten, dass Brenntag für ein solches Projekt zu einer Kapitalerhöhung greifen müsste. Univar wird an der Börse mit gut fünf Milliarden Dollar bewertet. Brenntag müsste den Aktionären eine zusätzliche Prämie anbieten, sodass eine Übernahme noch teurer werden dürfte. Der Essener Konzern selbst kommt aktuell auf eine Marktkapitalisierung von 10,5 Milliarden Euro.

Für Aktionäre und Analysten kommt der Vorstoß zudem überraschend. Brenntag kauft zwar jedes Jahr fleißig zu. Dabei handelt sich aber meist um kleinere Chemiehändler in bestimmten Regionen und speziellen Anwendungsgebieten.

Beim Kapitalmarkttag vor wenigen Wochen hatte Vorstandschef Christian Kohlpaintner angekündigt, dass Budget für Zukäufe auf 400 bis 500 Millionen Euro pro Jahr zu verdoppeln. Im Visier des Managements seien vor allem Chemiedistributoren im Gesundheitssektor und in Schwellenländern.

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In dieses Schema passt eine Übernahme des größten Konkurrenten Univar nicht. Diese würde strategisch gesehen eine Kehrtwende bei den Prioritäten des Chemikalienhändlers bedeuten, kommentierte Alex Stewart von der Investmentbank Barclays am Montag. Er wertete den Vorstoß als „unerwünschte Ablenkung in einer ansonsten überzeugenden Anlagestory“.

Grundsätzlich ist für Brenntag ein Zusammenschluss mit dem Wettbewerber durchaus interessant. Denn die USA gelten, anders als Europa, als klarer Wachstumsmarkt für die Chemieindustrie in den kommenden Jahren. Asien wiederum wächst zwar ebenfalls. Allerdings sind Übernahmen dort – etwa in China – für die Chemieunternehmen schwierig umzusetzen und risikoreich.

Univar macht 70 Prozent seines Geschäftes in den USA, bei Brenntag entfielen zuletzt rund 32 Prozent des Umsatzes auf diese Region. Beide Unternehmen sind Bindeglied zwischen Chemieproduzenten und der weiterverarbeitenden Industrie. Sie liefern aber nicht allein die Produkte aus, sondern übernehmen Mischungen und Formulierungen, Neuverpackung und Abwicklung der Gebinderückgabe. Allein Brenntag hat 195.000 Kunden weltweit.

Der Brenntag-Chef hatte angekündigt, das Budget für Übernahmen zu verdoppeln. Brenntag

Christian Kohlpaintner

Der Brenntag-Chef hatte angekündigt, das Budget für Übernahmen zu verdoppeln.

Kohlpaintner hatte auf dem Kapitalmarkttag die Bedeutung des nordamerikanischen Marktes herausgestellt. Der Manager sieht die dortige Industrie wegen der vergleichbar preiswerteren Energie in einer robusteren Verfassung.

Versprochen hat er den Investoren aber auch, an klaren Kriterien bei Übernahmeprojekten festzuhalten. Univar wird an der Börse mit dem Fünffachen des erwarteten bereinigten Gewinns (Ebitda) für 2022 bewertet. Bei Chemieübernahmen wurden zuletzt deutlich höhere Multiples erreicht.

Die Analysten der Baader Bank gehen davon aus, dass Brenntag nicht zu teuer zukaufen würde. Zugleich halten sie  eine Kombination beider Unternehmen mit Blick aufs Portfolio für sinnvoll, zumal die Synergien hoch seien.

Kartellrechtliche Hürden sind hoch

Als Problem für die Übernahme könnte sich aber nicht allein der Kaufpreis entpuppen. Denn in Finanzkreisen wird mit deutlichen kartellrechtlichen Problemen gerechnet. Zwar ist der globale Markt für Chemiedistribution sehr zersplittert. Brenntag kommt auf einen Marktanteil von gerade einmal fünf Prozent, bei Univar sind es 2,8 Prozent.

Doch das Geschäft ist sehr lokal. Gerade in den USA könnten die Unternehmen im Fall eines Zusammenschlusses von den Kartellbehörden zu erheblichen Teilverkäufen gezwungen werden. Dennoch: Die Analysten von Goldman Sachs bewerten die Übernahmegespräche von Brenntag und Univar positiv. „Jede merkliche Konsolidierung der enorm zersplitterten Branche ist positiv für Preisdynamik und Markteintrittsbarrieren“, hieß es in einem Kommentar am Montag.

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