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28.12.2021

15:05

Christian Kohlpaintner im Interview

Chef des weltgrößten Chemiehändlers Brenntag warnt: „Zügige Preissenkungen eine Illusion“

Von: Bert Fröndhoff

Der Dax-Neuling steckt mitten im globalen Lieferketten-Drama. Die Engpässe werden sich erst im zweiten Halbjahr auflösen, erwartet CEO Christian Kohlpaintner.

Der 53-Jährige ist seit Januar 2020 Vorstandsvorsitzender des Chemiedistributeurs Brenntag. Zuvor war er Mitglied der Geschäftsleitung der Schweizer Clariant. Brenntag

Brenntag-Chef Christian Kohlpaintner

Der 53-Jährige ist seit Januar 2020 Vorstandsvorsitzender des Chemiedistributeurs Brenntag. Zuvor war er Mitglied der Geschäftsleitung der Schweizer Clariant.

Düsseldorf Der Weltmarktführer im Chemiehandel Brenntag rechnet bis weit ins kommende Jahr hinein mit teils deutlichen Versorgungsengpässen für die Wirtschaft. „Erst im zweiten Quartal dürfte sich die Lage nach und nach verbessern und dann im zweiten Halbjahr weiter normalisieren“, sagte der Vorstandsvorsitzende Christian Kohlpaintner dem Handelsblatt. Brenntag beliefert 195.000 Industriefirmen weltweit mit Chemikalien und erfährt das globale Lieferkettendrama an vorderster Stelle.

Immerhin sieht Kohlpaintner eine Stabilisierung der Preise in der Chemie auf hohem Niveau. Sie sind 2021 teils um hohe zweistellige Raten gewachsen. „Es wäre aber illusorisch, an zügige Preissenkungen zu glauben“, sagt er. Denn auch bei den Logistikkapazitäten bleibe die Lage vor allem in Europa angespannt.

Eine solche Situation habe er in 30 Jahren in der Chemie noch nicht erlebt, sagt der CEO des Unternehmens, das im September in den Dax aufgestiegen ist. Dennoch glaubt er nicht, dass sich die Lieferketten nach der Coronaerfahrung nun wieder aus Asien nach Europa zurückverlagern werden. Mit einer neuen Strategie will Kohlpaintner die Weltmarktführerschaft von Brenntag festigen.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Kohlpaintner, im September ist Brenntag in den Dax 40 aufgestiegen. Was hat sich seither für das Unternehmen verändert?
Wir verspüren eine deutlich erhöhte Aufmerksamkeit und Wahrnehmung. Man spricht mehr über Brenntag, und dadurch werden wir beispielsweise auch attraktiver für talentierte Bewerber, die uns vorher noch nicht so kannten. Der Aufstieg in den Dax ist eine schöne Anerkennung, über die wir uns freuen. Aber die größte Leistung im Jahr 2021 ist im Grundsatz eine andere.

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    Welche war das?
    Als weltgrößter Chemikalienhändler stehen wir im Zentrum der globalen Chemie-Lieferketten, die in der Pandemie massiv unter Druck geraten sind und zeitweise sehr fragil waren. Dass wir die Kunden dennoch versorgen konnten, war Schwerstarbeit und purer Stress für unsere Mitarbeiter. Wir werden das beispielsweise mit zwei zusätzlichen Urlaubstagen 2022 für alle unsere 17.000 Brenntag-Mitarbeitenden weltweit honorieren.

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    Wie erleben Sie die aktuellen Engpässe?
    Für viele Kunden ist es ein regelrechter Schock. Sie sind an eine planbare und eine zuverlässig vorhersehbare Produktverfügbarkeit gewöhnt. Jetzt geht es im täglichen Kundengespräch fast nur darum, wann und welche Mengen der Produkte wieder verfügbar sein werden oder wo man diese überhaupt noch herbekommen kann. Eine solche Situation habe ich in meinen 30 Jahren in der Chemiebranche so noch nicht erlebt.

    Alle hoffen auf eine baldige Entspannung. Können Sie schon Entwarnung geben?
    Im Frühjahr sind wir von einer Normalisierung bis zum Sommer ausgegangen, die dann nicht eingetreten ist. Die Belastungen und Verwerfungen waren deutlich tiefer als angenommen. Aktuell gehen wir davon aus, dass die Engpässe bis weit ins Jahr 2022 hinein anhalten werden. Konkret: Im zweiten Quartal dürfte sich die Lage nach und nach verbessern und dann im zweiten Halbjahr weiter normalisieren.

    Und bis dahin werden die Preise für Chemikalien weitersteigen?
    Von einer Entspannung kann man hier noch nicht reden. Immerhin sehen wir aber eine Stabilisierung der Preise auf hohem Niveau. Es wäre illusorisch, an zügige Preissenkungen zu glauben. Das wird erst passieren, wenn wieder mehr Angebot im Markt ist und sich die Engpässe in der Logistik auflösen.

    Waren Sie nicht selbst verwundert, dass ein paar Wochen Lockdown das globale Gefüge in der Chemie so ins Wanken bringen können?
    Es kam ja deutlich mehr zusammen. Die Blockade im Suezkanal beispielsweise, aber vor allem die Folgen der Eisstürme in Texas im Winter 2021 sind vielen nicht bewusst: Es mussten dort mehr als 75 Prozent der amerikanischen Petrochemie-Kapazität abrupt heruntergefahren werden. Es dauert Monate, solche Ausfälle wieder aufzuholen, und das zieht sich dann durch die gesamte chemische Wertschöpfungskette. Zahlreiche Hersteller konnten deswegen auch keine dringend benötigten Lagervorräte aufbauen.

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    Jetzt kommen noch die extrem gestiegenen Energiekosten hinzu.
    Das trifft Teile der Chemie in zweierlei Hinsicht. Beispielsweise wird Erdgas sowohl als Energieträger als auch als Rohstoff für die Ammoniakherstellung benötigt. Die Produzenten können oft vertraglich die Preise gar nicht so schnell an die Kunden weitergeben, wie es notwendig wäre. Weil sie die Produktion deswegen herunterfahren, erleben wir aktuell einen Mangel an Folgeprodukten wie zum Beispiel Düngemittel oder Harnstoff und in dessen Folge auch eine reduzierte Verfügbarkeit des Dieselkraftstoff-Zusatzes „Adblue“. Wir erwarten aber, dass sich die Lage hier nach und nach entspannt.

    Können Sie aktuell auf genügend Logistikkapazitäten zurückgreifen?
    Das ist sehr unterschiedlich. In China normalisiert sich die Lage schrittweise, auch wenn die Häfen teils noch überlastet sind und bisweilen einem Containerkapazität vor der Nase weggeschnappt wird, weil jemand anderes 1000 Dollar mehr bezahlen möchte. Anders ist es in Europa. Die Häfen beispielsweise in Antwerpen und Rotterdam sind verstopft. Zusätzlich fallen dort auch häufig Kräne mit technischen Problemen aus. Die gesamte Transportschiene entlang des Rheins von den Niederlanden über Deutschland nach Italien steht weiterhin stark unter Druck. Hinzu kommt in vielen Ländern der Welt ein Mangel an Lkw-Fahrern, vor allem auch in den USA.

    Vita Christian Kohlpaintner

    Der Manager

    Seit Januar 2020 führt Christian Kohlpaintner als Vorstandsvorsitzender die Essener Brenntag. Der promovierte Chemiker startete seine Karriere einst bei Hoechst. Zwischen 2003 und 2009 arbeitete der heute 58-Jährige bei der Chemischen Fabrik Budenheim, zuletzt als CEO, bevor er in das Executive Committee der Schweizer Clariant wechselte. Dort war er von China aus für die Gesamtregion Asien zuständig.

    Das Unternehmen

    Brenntag ist mit einem für 2021 erwarteten Umsatz von mehr als 13 Milliarden Euro der weltgrößte Chemikalienhändler. Der Konzern beliefert 195.000 Kunden, ist in 77 Ländern tätig und baut sein Netz mit Übernahmen ständig aus. Im September ist Brenntag in den erweiterten deutschen Leitindex Dax 40 aufgestiegen.

    Also bleibt auch die Logistik absehbar teuer?
    All die genannten Probleme haben wir in dieser Dimension noch nicht erlebt. Es ist überhaupt nicht absehbar, dass die Frachtraten sinken.

    In der Pandemie wurde klar, wie abhängig wir von Lieferungen aus Asien sind. Jetzt wird eine Regionalisierung oder Renationalisierung der Lieferketten gefordert. Kommt die?
    Das halte ich für eine Illusion. Die Herstellung vieler Vorprodukte in Chemie und Pharma ist vor mehr als 25 Jahren nach China und Indien ausgewandert und wird nicht wieder nach Europa zurückkehren. Der Punkt ist doch ein anderer: Firmen müssen Lieferketten aufbauen, die auch unter erschwerten Bedingungen stabil sind. Statt „Just in time“ brauchen wir „Just in case“ – also im Problemfall genügend Alternativen.

    Das heißt, die Globalisierung bleibt erhalten?
    Davon bin ich zutiefst überzeugt. Die Geschichte lehrt uns, dass Arbeitsteilung zu großen Produktivitätsfortschritten führt, auch im globalen Maßstab. Sie ist der Urquell unseres Wohlstands. Und man darf auch sagen: Trotz aller Probleme in den Lieferketten hat das globale System im Großen und Ganzen auch in der Pandemie recht gut funktioniert.

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    Wie kommt Brenntag selbst mit den Engpässen klar?
    Es ist eine herausfordernde Situation, weil sich die Verfügbarkeiten und Preise täglich ändern. Wir müssen uns ständig neu orientieren, aus welchen Lieferketten wir für unsere Kunden Produkte beziehen können. Damit können wir aber gut umgehen, weil wir in 77 Ländern präsent und damit sehr global aufgestellt sind.

    Sie sind Anfang 2020 bei Brenntag angetreten, um das Unternehmen neu aufzustellen und kulturell zu verändern. Hat die Pandemie Sie gebremst?
    Nein, davon haben wir uns nicht abhalten lassen. Es war stets klar, dass wir den langfristigen Blick nicht aus den Augen verlieren dürfen. Mit dem neuen Zuschnitt unserer Geschäftsstruktur können wir viel zielgerichteter auf die Bedürfnisse unserer verschiedenen Kundengruppen eingehen. Früher haben unsere Brenntag-Mitarbeitenden am Vormittag Industriechemikalien verkauft und am Nachmittag Spezialitäten mit hohem technischem Support. Das machen wir in der neuen Aufstellung nun besser, sagen uns auch unsere Kunden.

    Brenntag ist bekannt für seinen Übernahmekurs, jedes Jahr flossen zwischen 200 und 250 Millionen Euro in Zukäufe. Setzen Sie das so fort?
    Tatsächlich haben wir in diesem Jahr schon mehr als 400 Millionen Euro für Zukäufe ausgegeben. Wir verfolgen den Kurs weiter, weil unsere Branche immer noch sehr kleinteilig ist. Aber der Fokus hat sich geändert: Wir setzen auf Wachstumsregionen wie Asien, Produktmärkte mit überdurchschnittlichen Wachstumsraten wie Nahrungsmittelzusätze, und ein deutlich erkennbarer Gewinnbeitrag des Übernahmeziels zum Gesamtunternehmen muss vorhanden sein.

    Ziel ist es, die globale Nummer eins zu bleiben?
    Weltmarktführerschaft bedeutet für mich nicht nur Größe. Wir wollen unsere Branche in allen Dimensionen anführen und zugleich der attraktivste Arbeitgeber sein.

    Herr Kohlpaintner, vielen Dank für das Interview.

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