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17.02.2022

13:40

Coronapandemie

Impfstoff aus der mobilen Container-Fabrik: Wie Biontech die Vakzin-Versorgung in Afrika ausbauen will

Von: Siegfried Hofmann, Christoph Herwartz

Mit „Biontainern“ will das Unternehmen ein Netzwerk für die Impfstoffproduktion in der Weltregion mit dem schwächsten Impfstatus aufbauen. Gründer Ugur Sahin sieht darin einen „Meilenstein“.

Coronapandemie: Wie Biontech das Impfstoff-Problem in Afrika lösen will Reuters

Ugur Sahin heißt Louise Mushikiwab willkommen

Biontech-Chef und Gründer Ugur Sahin wertet das Modell als „Meilenstein“.

Frankfurt Das Mainzer Unternehmen Biontech treibt seine Produktionspläne für Afrika mit dem Aufbau eines modularen Produktionssystems für mRNA-Impfstoffe voran. Die Herstellanlagen werden dabei in Standardcontainern installiert und sollen auf diese Weise schlüsselfertig nach Afrika geliefert werden, wo Biontech Produktionsanlagen in Ruanda, Senegal und eventuell auch in Südafrika plant.

Der Bau der ersten Anlagen soll ab Mitte des Jahres starten. Die Auslieferung der ersten Produktionscontainer erwartet Biontech für das zweite Halbjahr. Die Produktion kann nach Erwartung des Mainzer Unternehmens dann zwölf Monate später erfolgen.

Biontech stellte die Pläne und das neue Konzept am Mittwoch bei einem Treffen mit den Präsidenten von Ghana, Ruanda, Senegal, dem Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dem Direktor der Africa CDC sowie der Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland in Marburg vor.

Das ungewöhnliche Produktionskonzept basiert nach Angaben von Biontech auf dem Einsatz von ISO-normierten Containern mit zwölf Meter Länge und rund 2,5 Meter Höhe und Breite. Diese werden in Reinraumtechnik mit den nötigen Geräten ausgerüstet. Je sechs solcher Container bilden dabei ein Modul für die Herstellung des Wirkstoffs und ein Modul für die Abfüllung des fertigen, formulierten Impfstoffs.

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    Biontech bezeichnet diese Module als „Biontainer“. Sie ermöglichen eine anfängliche jährliche Produktionskapazität von 50 Millionen Dosen Impfstoff und sollen so ausgestattet sein, dass sie sich für die Produktion von verschiedenen Impfstoffen eignen.

    Ein wesentlicher Vorteil des Konzepts besteht aus Sicht des Mainzer Unternehmens darin, dass die Einrichtung der Anlagen fast komplett vorab im Marburger Produktionszentrum von Biontech erfolgen kann und dass das Produktionsnetzwerk in Afrika mit der Containerlösung vergleichsweise einfach hochskaliert, das heißt schrittweise ausgebaut werden kann.

    Meilenstein in der weltweiten Gesundheitsversorgung

    Biontech-Chef und -Gründer Ugur Sahin wertet das Modell als „Meilenstein“, der das Unternehmen seinem Ziel einen Schritt näher bringt, die Gesundheitsversorgung zu verbessern, indem man die eigenen Innovationen weltweit zugänglich mache.

    Produktionschef Sierk Poetting geht davon aus, dass jeder Biontainer zu einem Knotenpunkt in einem dezentralisierten und robusten Produktionsnetzwerk in Afrika werden kann. „Der modulare und skalierbare Ansatz könnte es uns ermöglichen, schlüsselfertige mRNA-Produktionsstätten auf allen Kontinenten einzurichten. Sobald diese Lösung etabliert ist, könnte sie klinische Studien sowie regionale pandemische Vorbereitungsmaßnahmen unterstützen“, so Poetting.

    Biontech will die Produktionsstätten in Afrika zunächst in eigener Regie betreiben und personell besetzen, um eine sichere und zügige Aufnahme der Produktion der mRNA-basierten Impfstoffe unter strenger Einhaltung der Prozesse der Good Manufacturing Practice (GMP) zu unterstützen.

    Die Biontainer werden in Reinraumtechnik mit den nötigen Geräten ausgerüstet. dpa

    Der Biontainer

    Die Biontainer werden in Reinraumtechnik mit den nötigen Geräten ausgerüstet.

    Damit wolle man den Transfer des Know-hows an lokale Partner vorbereiten, um einen unabhängigen Betrieb der Produktionsstätten zu ermöglichen. Die Impfstoffe aus der Produktion in Afrika seien für den Inlandseinsatz sowie für den Export an andere Mitgliedstaaten der Afrikanischen Union zu einem gemeinnützigen Preis bestimmt.

    Ebenso wie Biontech hat auch Moderna bereits im vergangenen Jahr angekündigt, einen Produktionsstandort in Afrika aufzubauen. Anders als Biontech hat das US-Unternehmen dieses Vorhaben bislang nicht mit konkreten Projekten oder Zeitplänen unterlegt.

    Die Initiativen der mRNA-Spezialisten und führenden Hersteller von Covid-Impfstoffen vollziehen sich vor dem Hintergrund einer wachsenden Kritik an der schwachen Impfstoff-Versorgung des afrikanischen Kontinents.

    Schwache Impfraten in Afrika

    Unter allen Weltregionen ist Afrika die mit dem schwächsten Impfstatus. Von den rund 1,4 Milliarden Einwohnern des Kontinents sind nach Daten der britischen Webseite „Our World in Data“ bislang nur zwölf Prozent vollständig und weitere 12,3 Prozent teilweise gegen Infektionen mit dem Sars-CoV-2-Virus geimpft. Die Impfraten in der EU und den USA liegen bei mehr als 70 Prozent, in Südamerika und China bei mehr als 80 Prozent.

    Viele Länder drängen daher seit Längerem bereits auf eine Aufhebung der Impfstoffpatente und eine Übertragung von Technologie-Know-how für die Herstellung von mRNA-Impfstoffen an afrikanische Produzenten. Diese Forderung wird sowohl von der WHO als auch der US-Regierung unterstützt, von der Europäischen Union (EU) und Deutschland bislang aber abgelehnt.

    Bereits Mitte des vergangenen Jahres verkündete die WHO den Aufbau eines Technologie-Transfer-Hubs in Südafrika, um eine industrielle Fertigung von mRNA-Impfstoffen in Afrika voranzutreiben. Dieser Hub wird von einem Konsortium unter Führung der südafrikanischen Firmen Biovac und Afrigen Biologics geführt. Afrigen Biologics gab jüngst bekannt, dass man erstmals eine Kopie des Covid-Impfstoffs von Moderna in eigener Regie hergestellt habe. Das südafrikanische Unternehmen will diesen Impfstoff gegen Ende des Jahres in die klinischen Tests bringen.

    WHO begrüßt Biontech-Initiative

    WHO-Generaldirektor Tedros Ghebreyesus bekräftigte am Mittwoch das Ziel, jedem Land Zugang zu Impfstoffen und anderen Mitteln zu verschaffen, um die Gesundheit seiner Bevölkerung zu schützen. Dies sei nur durch echte Zusammenarbeit bei der Entwicklung, Herstellung, Verteilung und Einführung von Impfstoffen vor Ort und durch eine größere Vielfalt an Plattformen zu erreichen. „Wir begrüßen die Initiative von Biontech zur Steigerung der Impfstoffproduktion in Afrika als Ergänzung des WHO-Hubs für den Transfer von mRNA-Technologie in Südafrika und ihres weltweiten Netzwerks an Knotenpunkten“, wird Ghebreyesus in einer Mitteilung von Biontech zitiert.

    Die Initiative geht auf einen Beschluss der EU von Mitte 2021 zurück. Eine EU-Vertreterin bekräftigte am Mittwoch, dass die Aufhebung der Patente auf Impfstoffe keine Option sei und aus Sicht der EU auch nicht zu einer verbesserten Versorgung beitrage. Notwendig sei ein Transfer von Know-how und Produktionstechniken – wie ihn Biontech nun angekündigt hat.

    Impfstoff zum Selbstkostenpreis

    Die Impfstoffe würden zum Selbstkostenpreis verkauft und ausschließlich an afrikanische Länder, versprach Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Möglich sei das Projekt durch eine Kooperation von Afrikanischer Union (AU), EU und Biontech. AU und EU haben sich das Ziel gesetzt, dass bis 2040 60 Prozent der in Afrika benötigten Impfstoffe auch in Afrika hergestellt werden.

    Am Donnerstag und Freitag kommen europäische und afrikanische Regierungschefs zu einem Gipfel in Brüssel zusammen. Die Impfstoffversorgung ist dabei ein zentrales Thema. Die EU hat bisher 148 Millionen Impfstoffdosen an afrikanische Länder gespendet – für eine Bevölkerung von 1,2 Milliarden Menschen. Außerdem ist sie der wichtigste Geber für die Impfstoffinitiative Covax. Bis Mitte des Jahres will die EU 450 Millionen Dosen bereitgestellt haben.

    Hilfsorganisationen kritisieren, dass gleichzeitig in der EU Dosen nicht genutzt werden. In der EU würden derzeit mehr Impfstoffe entsorgt als nach Afrika gespendet, heißt es von Oxfam. Die neue Kooperation sei nicht ausreichend. „Die EU und Deutschland wollen nun verstärkt auf die Impfstoffproduktion in Afrika setzen, jedoch weiterhin nur unter der Monopolkontrolle der europäischen Pharmakonzerne“, sagte Pia Schwertner von Oxfam. „Dies würde den afrikanischen Ländern noch immer keine Autonomie bei der Produktion der Impfstoffe einräumen.“

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