Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

27.07.2021

19:32

Currenta

„Ein tragischer Moment für Leverkusen“: Mindestens zwei Menschen sterben bei Explosion in Chemiepark

Von: Dennis Pesch, Nele Höfler, Maike Telgheder

Im Leverkusener Chemiepark ist ein Tanklager im Entsorgungszentrum explodiert. Zwei Mitarbeiter wurden tot aufgefunden, weitere Personen werden vermisst.

Nordrhein-Westfalen

Explosion in Chemiepark in Leverkusen

Nordrhein-Westfalen: Explosion in Chemiepark in Leverkusen

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Düsseldorf, Frankfurt Nach einer schweren Explosion im Leverkusener Chempark ist am Abend ein zweiter Mitarbeiter tot aufgefunden worden. Das teilte die Betreiberfirma Currenta mit. Die Explosion hatte sich nach Angaben der Firma aus bisher unbekannter Ursache gegen 9.30 Uhr im Tanklager des Entsorgungszentrums Bürrig ereignet. Danach kam es zu einem Brand in dem Tanklager, der gegen Mittag gelöscht worden war.

Wie Currenta am Dienstagnachmittag mitgeteilt hatte, wurden nach dem Unglück in der Müllverbrennungsanlage noch vier Mitarbeiter vermisst. Ob es sich bei dem zweiten Toten um einen der Vermissten handelt, war zunächst unklar. Laut Betreiber und Stadt Leverkusen wurden 31 Mitarbeiter verletzt, fünf von ihnen erlitten schwere Verletzungen und werden intensivmedizinisch versorgt.

„Wir haben heute hier eine schwere Stunde“, sagte Chempark-Leiter Lars Friedrich bei einer Pressekonferenz am Dienstagnachmittag. Seine Gedanken seien bei den Angehörigen des Verstorbenen, den Schwerverletzten und den noch Vermissten. Die Suche nach den Vermissten sei aktuell der Schwerpunkt, sagte Stephan Hummel von der Werksfeuerwehr. Die Identität des ersten Toten sei noch nicht abschließend geklärt. Ein Mitarbeiter habe schwere Brandverletzungen erlitten.

Auf Fotos, die nach der Explosion im Netz veröffentlicht wurden, war eine riesige Rauchsäule zu sehen, die in umliegende Orte weiterzog. Um die Bevölkerung zu warnen, wurden Sirenen und Warn-Apps ausgelöst.

Es sei noch nicht klar, ob bei dem Brand giftige Substanzen freigesetzt worden sind. Die Analyse laufe noch, sagte Friedrich. Deshalb schließe er nichts aus. „Umweltanalytiken dauern ein paar Tage, bis man da sichere Ergebnisse hat. Wir haben die Warnlage auch deshalb noch nicht zurückgenommen“, erklärte der Chempark-Leiter.

Die Menschen im Umfeld des Chemparks seien weiter zur Vorsicht aufgerufen. Anwohner in den nahen Stadtteilen Bürrig und Opladen sollen vorerst kein Gemüse oder Obst aus dem Garten essen. Hermann Greven von der Berufsfeuerwehr ging am Dienstagnachmittag davon aus, dass die Warnungen für die Bevölkerung noch einige Stunden gelten würden.

Oberbürgermeister: „Immense Detonation im Stadtgebiet“

In dem Tanklager der Sonderabfallverbrennungsanlage befanden sich drei Tanks mit Lösungsmitteln. In den Tanks mit einem Fassungsvermögen von 300 bis 400 Kubikmetern würden die Produktionsabfälle der dort ansässigen Unternehmen zwischengelagert, um dann später in der Sonderverbrennungsanlage verbrannt zu werden, sagte Friedrich. Wie viel Lösungsmittel in den Tanks enthalten war und verbrannt ist, sei unklar.

Leverkusens Oberbürgermeister Uwe Richrath (SPD) zeigte sich ebenfalls betroffen von der Explosion und sprach den Angehörigen sein Mitgefühl aus: „Es war eine immense Detonation im Stadtgebiet. Ein tragischer Moment für Leverkusen. Ich hoffe auch, dass wir die vier Personen noch lebend finden“.

Richrath bat die Bürger, sich bei der Stadt zu melden, falls sie etwas Ungewöhnliches im Zusammenhang mit der ausgetretenen Substanz beobachten sollten.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe ordnete das Ereignis in die Warnstufe „Extreme Gefahr“ ein. Anwohner und Passagiere von Bus und Bahn sind nach wie vor aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten oder in ein Gebäude zu gehen.

Wegen der „größeren Schadenslage“ wurde die Autobahn 1 bei Leverkusen gesperrt, wie die Polizei via Twitter mitteilte. Von der Vollsperrung betroffen waren das Autobahnkreuz Leverkusen-West sowie die A1 zwischen dem Autobahnkreuz Leverkusen und Köln-Nord. Gesperrt waren auch die A3 zwischen dem Autobahnkreuz Leverkusen und dem Autobahndreieck Langenfeld sowie die A59 zwischen dem Autobahnkreuz Monheim-Süd und dem Autobahnkreuz Leverkusen-West, wie die zuständige Autobahn GmbH mitteilte.

Nach Angaben von Straßen.NRW wurde auch der Leverkusener Westring (L108) zwischen dem Leverkusener Westkreuz und Rheindorf gesperrt. Sofort eingestellt wurden auch die Arbeiten an der unmittelbar angrenzenden Baustelle der Leverkusener Rheinbrücke. Alle Mitarbeiter der Baufirmen hätten die Baustellen verlassen, hieß es. Im Bereich der Autobahnen seien aber keine Personen zu Schaden gekommen.

Currenta ist Betreiber des so genannten Chemparks mit drei Standorten in Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen – eines der größten Chemie-Areale in Europa. Allein am Standort Leverkusen sind rund 22.000 Mitarbeiter beschäftigt und 50 Unternehmen angesiedelt, darunter auch die Dax-Konzerne Covestro und Bayer und auch Lanxess. Insgesamt sind im Chempark Leverkusen rund 22.000 Mitarbeiter beschäftigt. „Die Betroffenheit ist sehr groß“, sagte ein Mitarbeiter dem Handelsblatt.

2019 hatten Bayer und Lanxess ihre Anteile an Currenta mit rund 3300 Mitarbeitern an eine Infrastruktur-Investmentgesellschaft der australische Bank Macquarie verkauft.

Lanxess hat seinen größten deutschen Produktionsstandort im Chempark Leverkusen mit mehreren Betrieben. Covestro hat dort seinen Hauptsitz und vier Produktionsbetriebe. Der Kunststoffhersteller beschäftigt dort rund 4000 Mitarbeiter. Konzernchef Markus Steilemann schrieb auf Twitter, er sei „zutiefst erschüttert“ über den Unfall: „Mein aufrichtiges Beileid gilt den Angehörigen und Kolleginnen und Kollegen des tödlich verunglückten Mitarbeitenden.“

Alle Betriebe haben auf Anweisung von Currenta die Mitarbeiter aus den administrativen Bereichen nach Hause geschickt und die Produktionen in einen „sicheren Zustand“, so der Fachterminus, gefahren.

Nach Angaben aus Unternehmenskreisen soll die Energieversorgung des Parks durch die Explosion nicht beschädigt worden sein. Die Produktion könnte also wieder schnell hochgefahren werden. Wie ein Sprecher von Lanxess mitteilte, rechne man nicht mit substanziellem wirtschaftlichen Auswirkungen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×