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12.11.2019

04:00

Datenspezialist

Die 100-Milliarden-Dollar-Gelegenheit: Molecular Health will die Forschung revolutionieren

Von: Peter Brors, Siegfried Hofmann

In der Medikamentenentwicklung bahnen sich große Veränderungen an. Der Datenspezialist will die Forschung mit Big Data und KI viel schneller und effizienter machen.

Datengetriebene Forschung wird die Medikamentenentwicklung radikal verändern. E+/Getty Images

Wissenschaftler arbeiten in einem modernen Labor

Datengetriebene Forschung wird die Medikamentenentwicklung radikal verändern.

Heidelberg Mit ökonomischen Zeitenwenden kennt sich Dietmar Hopp bestens aus. Als Mitgründer von SAP schuf er in den 70er-Jahren den bis heute einzigen Softwarekonzern Deutschlands, der Weltgeltung erlangt hat. Und auch Friedrich von Bohlen hat als direkter Nachfahre des legendären Stahlunternehmers Alfried Krupp von Bohlen und Halbach weitreichende wirtschaftliche Entwicklungen sogar innerhalb der eigenen Familie eng begleitet.

Jetzt schickt sich das Duo gemeinsam an, die Pharmaforschung grundlegend mit zu verändern. Hopp als finanzstarker Investor und von Bohlen als visionärer Manager des Heidelberger Unternehmens Molecular Health (MH).

Von Bohlen sagt: „Durch die umfassende datenbasierte Integration des biologischen Wissens stehen Pharmaforschung, Diagnose und Therapie und damit letztlich das Gesundheitswesen als Ganzes vor großen Veränderungen. Diagnosen werden präziser, Behandlungen erfolgreicher, Nebenwirkungen geringer und Arzneimittelentwicklung produktiver und erfolgreicher.“

Die nötigen Instrumente, glaubt der MH-Chef, könnte er mit seinem Heidelberger Gesundheitsanalytik-Spezialisten teilweise selbst liefern, und zwar mit einer besonders intensiv aufbereiteten Medizin-Datenbank und zugehörigen Analyseinstrumenten. Vor diesem Hintergrund lotet der Krupp-Nachfahre nun Möglichkeiten neuer Allianzen aus, in deren Rahmen die neuen Methoden der digitalen Pharmaforschung bei einem größeren Portfolio von Forschungsprojekten getestet werden könnten.

Das Grundkonzept des Heidelberger Unternehmens: An die Stelle der bisherigen „linearen“ Produktentwicklung über eine Folge von Einzelschritten – von der Suche nach molekularen Angriffspunkten über die Molekülauswahl- und Optimierung, präklinische Analysen bis hin zur Phase-III-Studie – sollte ein integrierter, datengestützter und viel stärker als bisher die Biologie integrierender Prozess treten.

Dieser Prozess soll die Entwicklungsschritte stark parallelisieren, über die Prozessabschnitte hinausgehendes Wissen integrieren, Wirkstoffkandidaten und Patientengruppen genauer selektieren und dadurch Ausfallraten, Kosten und Entwicklungszeiten deutlich reduzieren. „Für die Pharmabranche wäre das gewissermaßen der Übergang vom Propeller- zum Jetzeitalter“, sagt von Bohlen.

Der 56-Jährige bringt mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung auf dem Gebiet mit. Bereits Ende der 90er-Jahre gründete der studierte Neurobiologe die Bioinformatikfirma Lion Bioscience, die später im Pharmaentwickler Sygnis aufging. Mit Technologie und Mitarbeitern von Lion gründete er 2004 Molecular Health, an der auch SAP-Mitgründer Dietmar Hopp beteiligt ist. Daneben wirkt von Bohlen auch als Geschäftsführer der Dievini Hopp Biotech-Holding, unter deren Dach Hopp all seine Investments in mitunter bis zu einem Dutzend Biotechfirmen gebündelt hat.

Molecular Health mit derzeit rund 120 Mitarbeitern zählt sich selbst zu den „Pionieren in der datengetriebenen Medizin“. Es wurde bisher maßgeblich von Hopp mit einem Kapitaleinsatz über rund 180 Millionen Euro finanziert. Hopps Holding Dievini hält rund 90 Prozent des Kapitals, zehn Prozent liegen bei Gründern und Kooperationspartnern.

Die „100-Milliarden-Dollar-Gelegenheit“

Mit ihren Ambitionen in der digitalen Medikamentenentwicklung sind Hopp und von Bohlen in diesen Tagen keineswegs allein unterwegs. Das Thema beschäftigt sowohl Pharma- als auch Technologieunternehmen intensiv. Auch Marktforscher und Forschungs-Dienstleister wie Iqvia oder Medidata treiben das Thema voran. McKinsey-Experten sprechen mit Blick auf die Möglichkeiten in diesem Gebiet von einer „100-Milliarden-Dollar-Gelegenheit“. Und der Chef des Baseler Pharmakonzerns Roche, Severin Schwan, sieht die Pharmaforschung vor „einem großen Schub nach vorn“.

Der Schweizer Konzern hat mit den milliardenschweren Akquisitionen der US-Firmen Foundation Medicine und Flatiron für großes Aufsehen in der Branche gesorgt. Mit den Zukäufen kombiniert Roche einen Spezialisten für Genomanalysen mit einem Unternehmen, das auf die Analyse von Daten aus der klinischen Praxis, sogenannten Realworld-Daten, fokussiert ist.

Der Molecular-Health-Chef setzt auf Künstliche Intelligenz und Big Data. Frank Beer für Handelsblatt

Friedrich von Bohlen

Der Molecular-Health-Chef setzt auf Künstliche Intelligenz und Big Data.

Die meisten anderen Pharmahersteller treiben die Digitalisierung ihrer Forschung in weitaus kleineren Schritten und Allianzen voran. Novartis und Astra Zeneca etwa arbeiten mit Firmen wie der britischen Benevolent AI zusammen. Die Darmstädter Merck-Gruppe kooperiert mit der amerikanischen Firma Palantir und will mit ihr unter anderem ein System für den Austausch und die bessere Analyse von Informationen aus akademischen und sehr frühen Forschungsprojekten etablieren.

Darüber hinaus investieren zahlreiche kleinere Spezialisten in das Themenfeld. Dazu gehören in Deutschland etwa die Rostocker Firma Centrogene, die sich auf seltene Krankheiten konzentriert und jüngst ihr Debüt an der Nasdaq gab, oder die Eschborner Firma Innoplexus, die ebenfalls auf Basis einer umfangreichen Datenbank und KI Serviceleistungen für die Pharmaforschung anbietet.

Im angelsächsischen Raum treten einige junge, üppig finanzierte Start-ups wie die britische Benevolent AI oder die kalifornische Insitro inzwischen sogar mit der Ambition an, eine eigene KI-basierte Medikamentenentwicklung zu etablieren. Mehrere dieser Firmen haben nach Aussage von Bohlens inzwischen Interesse an einer Übernahme von Molecular Health signalisiert.

Auch daraus leitet der MH-Chef ab, dass die Fortschritte auf dem Gebiet der biologieintegrierten und datenbasierten Medizin über kurz oder lang in völlig neue F+E-Modelle für die Pharmaindustrie münden werden. Das gilt umso mehr, als gleichzeitig sowohl der Druck in Richtung einer stärkeren Personalisierung der Therapien als auch der Zwang zur kostengünstigeren Produktentwicklung und Versorgung zunimmt.

„Das ist mit den traditionellen F+E-Modellen nicht mehr zu leisten“, glaubt von Bohlen. „Wer in der Champions League mitspielen will, muss daher diesen fundamentalen Umschwung vollziehen. Die Industrie kennt solche Situationen. Denken Sie zum Beispiel an die Revolution biologischer Therapeutika. Acht der zehn heute umsatzstärksten Medikamente sind solche Arzneimittel. Das Verstehen der menschlichen Biologie ist der Schlüssel für alles: bessere Medikamente, bessere Diagnose und Behandlung, bessere und günstigere Versorgung. Und eines Tages auch für bessere Prävention.“

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Kommentare (2)

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Herr Michael Sauer

12.11.2019, 12:52 Uhr

Leider kommt in diesem Artikel nicht ausreichend zur Sprache, dass die Anleger, die seinerzeit in Herrn von Bohlens "big data" Firma Lion Bioscience investierten, nicht selten Ihr Investment komplett verloren haben. Die Verlinkungen im Artikel führen im Falle von Lion Bioscience ins Nirgendwo und im Falle der Syngis Pharma auf eine "Expedion AG". Diese hat bereits meherer Namensänderungen (von Lion-> Syngis->Expedion) und Aktiensplits hinter sich und bietet regelmäßig verbliebenen Aktionären an, Anteile zu kaufen (was allerdings oftmals nicht mal die Verkaufsgebühren decken sollte). Ich wünsche Herrn von Bohlen diesmal mehr Fortune, jedoch sind die Schlagworte "big data", "KI" nicht neu (schon damals wurde das Gleiche postuliert), was mich von einem erneutem Investment Abstand nehmen läßt.

Katja Arnold

12.11.2019, 16:04 Uhr

Lieber Herr Sauer, ich denke Lion ist in den Medien in den letzten Jahren hinreichend besprochen worden. Aber wir sehen heute und die internationale Entwicklung zeigt es, die Idee von damals mit Big Data und AI war ihrer Zeit absolut voraus. Heute zweifelt das niemand mehr an, ob man es mag oder nicht.

Wir in Deutschland sollten auch akzeptieren, dass die hohen Risiken von Forschung und Entwicklung in der Natur von Biotechunternehmen liegen und für Fortschritt und große Innovationen notwendig sind. Umso besser, dass es nun Werkzeuge mit Künstlicher Intelligenz und Big Data gibt, die diese Risiken zukünftig für alle Akteure minimieren können.

Sie haben die Verbindung zu Expedeon aufgezeigt. Es sei deshalb an dieser Stelle auf den gestrigen 120-Millionen Euro cash deal von Expedeon mit Abcacm und diesen Artikel im Handelsblatt verwiesen: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/immunologie-und-proteingeschaeft-biotechfirma-expedeon-verkauft-ihr-kerngeschaeft-fuer-das-doppelte-des-boersenwerts/25215104.html
Jedes Geschäftsmodell hat seine Zeit.

Viel wichtiger ist doch der Blick in die Zukunft und welche Möglichkeiten, sich mit dieser kuratierten Datenbasis und intelligenten Anwendungen für die unterschiedlichsten Zielgruppen ergeben: für Patienten und Ärzte eine genaue Gen-basierte Analyse der Tumorbiologie und Therapieempfehlungen, für Biotech und Pharma eine Vorhersage der Erfolgswahrscheinlichkeit von klinischen Studien, für Behörden und die Industrie die Analyse von Nebenwirkungen von Arzneimitteln. Ja, wir wünschen Molecular Health viel Erfolg! Und Fortune gehört auch immer dazu!

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