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28.05.2018

18:54

Dieselskandal

Das Kommunikations-Debakel der deutschen Autobosse

Von: Roman Tyborski

Der Dieselskandal zeigt: Deutschlands Autobossen fällt es schwer, Fehler zuzugeben. Eine Chronologie des Scheiterns.

BMW, VW und Daimler: Das Kommunikations-Debakel der Autobosse Bloomberg

Ratloser Daimler-Chef

Dieter Zetsche hat sich lange von allen Vorwürfen freigesprochen. Doch Daimler scheint auch beim Diesel geschummelt zu haben.

DüsseldorfWorüber genau sich Dieter Zetsche mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer am Montag unterhalten hat, wollte der Daimler-Chef nicht verraten. Nur so viel: Es sei ein gutes und konstruktives Gespräch gewesen.

Zetsche äußerte sich ungewöhnlich vorsichtig. Immerhin wurde er von Scheuer nach Berlin zitiert, um sich zu den Vorwürfen des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) zu äußern. Die Behörde wirft Daimler vor, Abschalteinrichtungen in ihren Fahrzeugen eingebaut zu haben.

Dieter Zetsche war nicht immer so zurückhaltend in seiner Art die Dieselkrise zu kommunizieren. Bereits kurz nach Bekanntwerden der Manipulationen bei Volkswagen am 18. September 2015 hatte er sich klar positioniert: „Wir haben keinerlei Manipulationen an unseren Fahrzeugen vorgenommen“, sagte Zetsche in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS).

VW müsse „noch ehrlicher, offener, wahrhaftiger“ werden, sagte der neue Konzern-Chef. dpa

Herbert Diess

VW müsse „noch ehrlicher, offener, wahrhaftiger“ werden, sagte der neue Konzern-Chef.

Im November desselben Jahres preschte Zetsche mit einer Äußerung vor, die vor dem Hintergrund der Vorwürfe des KBA nun an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln lassen: „Wir haben nie sogenannte Defeat Devices (Anm. d. Red.: Abschalteinrichtungen) eingesetzt und werden es auch nicht tun.“

Zetsche ist nicht der einzige Auto-CEO, der bei der Kommunikation des Dieselskandals keine gute Figur abgibt. VW-Chef Herbert Diess gesteht zwar, dass Volkswagen „noch ehrlicher, offener, wahrhaftiger“ werden müsse.

Doch das hatte auch bereits sein Vorgänger Matthias Müller angekündigt – was ihn jedoch nicht davon abhielt, im Januar 2016 am Rande der Detroit Autoshow einem US-Journalisten ein Radio-Interview zu geben, in dem er behauptete, dass es sich bei dem Dieselskandal von VW nur um ein technisches Problem handele. „Volkswagen hat die US-Gesetze falsch interpretiert“, so Müller. VW hatte „nicht die richtige Interpretation der amerikanischen Gesetze.“

„Volkswagen hat die US-Gesetze falsch interpretiert“, sagte der E-VW-Chef einem US-Radiosender. dpa

Matthias Müller

„Volkswagen hat die US-Gesetze falsch interpretiert“, sagte der E-VW-Chef einem US-Radiosender.

BMW-Vorstandsvorsitzender Harald Krüger wiederum gab sich auf der Hauptversammlung im vergangenen Jahr noch kämpferisch. „Hören wir auf, die Menschen zu verunsichern“, rief er von der Bühne. „Und hören wir auf, den modernen Diesel kaputtzureden.“

Auf der IAA im September 2017 legte Krüger nach. Der BMW-Chef prahlte damit, dass man in München weiter „die saubersten Diesel der Welt“ baue. Auf der diesjährigen Hauptversammlung musste Krüger dann reumütig zugeben: „Uns ist vor einigen Jahren ein Fehler unterlaufen.“ In einigen BMW-Modellen wurde eine fehlerhafte Abgasreinigungssoftware gefunden.

Der Kommunikationsexperte Kai vom Hoff wundert sich nicht über die Art und Weise, wie sich Deutschlands Autobosse durch den Dieselskandal lavieren. „Speziell großen Unternehmen fehlt eine Fehlerkultur“, sagt der CEO-Berater.

„Uns ist vor einigen Jahren ein Fehler unterlaufen“, musste der VW-Chef einräumen. dpa

Harald Krüger

„Uns ist vor einigen Jahren ein Fehler unterlaufen“, musste der VW-Chef einräumen.

„Auch deswegen werden Fehler so lange kaschiert wie nur möglich.“ Besonders problematisch ist, dass viele Konzerne eigentlich Transparenz predigen würden. „Wenn es aber hart auf hart kommt, halten sich viele Unternehmen nicht an diesen Vorsatz.“

Noch im Januar 2016 hatte Dieter Zetsche nichts von Schummeleien bei Mercedes wissen wollen. „Bei uns wird nicht betrogen, bei uns wurden keine Abgaswerte manipuliert“, sagte der Daimler-Chef in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“.

Beim Neujahrsempfang 2016 in Berlin zeigte sich Zetsche zudem sicher, dass die Unternehmenskultur von Daimler Betrügereien wie bei Volkswagen unmöglich mache. Im September 2016 dann ein erstes Einlenken.

In einer Vielzahl von Ländern habe Daimler sich verschiedenen Untersuchungen unterziehen müssen, und was da auffällig war, wurde beziehungsweise werde diskutiert, sagte Zetsche in einem Interview mit der „FAZ“. „In Europa führen wir für einige Fahrzeugmodelle freiwillige Softwareupdates durch.“

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Auch bei den VW-Verantwortlichen ließ die Einsicht lange auf sich warten. Noch im Mai 2017 hatte der ehemalige VW-Chef Matthias Müller hinsichtlich der Hardwarenachrüstung alter Dieselmodelle von der Politik mehr Pragmatismus gefordert. „Die völlige Umrüstung auf Euro 6 ist viel zu teuer und zu aufwendig – also lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“

Kommunikationsexperte vom Hoff ist davon überzeugt, dass sich Deutschlands Auto-CEOs mit solchen Aussagen keinen Gefallen getan haben. „Durch die Art und Weise, wie manche Chefs großer Automarken die Dieselkrise kommuniziert haben, ist über die Jahre ein Vertrauensschaden entstanden.“

Bei vielen Kunden und Aktionären sei hängen geblieben, dass die Unternehmenschefs sich erst von den Vorwürfen freigesprochen hatten und nun trotzdem zugeben müssen, dass auch in ihren Unternehmen geschummelt wurde. „Die Automobilunternehmen hätten besser ihre Fehler im Zuge der Dieselkrise zugeben müssen. Doch stattdessen fahren sie eine Salamitaktik, was dafür sorgt, dass sie sich fortwährend gegen immer neue Vorwürfe wehren müssen.“

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