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31.05.2022

16:23

DSM-Firmenich

Milliardenfusion: Neuer Chemieriese greift Evonik und Symrise an

Von: Bert Fröndhoff, Michael Scheppe

Mit DSM und Firmenich schließen sich zwei Schwergewichte aus dem Ausland zu einem Anbieter mit 11,5 Milliarden Euro Umsatz zusammen. Ein Dax-Konzern gerät besonders unter Druck.

Firmenich ist einer der großen europäischen Anbieter für Aromen und Duftstoffe. Reuters

Parfümflakons

Firmenich ist einer der großen europäischen Anbieter für Aromen und Duftstoffe.

Düsseldorf. Erstpublikation: 31.05.2022, 09:16 Uhr (aktualisiert am 31.05.2022 um 16:23 Uhr) In der europäischen Spezialchemiebranche kommt es zu einem neuen milliardenschweren Zusammenschluss. Der niederländische DSM-Konzern und die Schweizer Firmenich-Gruppe haben sich auf eine Fusion geeinigt, wie die Unternehmen am Dienstagmorgen mitteilten.

Der neue Konzern mit dem Namen DSM-Firmenich kommt auf einen Umsatz von 11,5 Milliarden Euro. DSM-Firmenich geht das Projekt laut eigenen Angaben als Fusion unter Gleichen an und plant mit einem doppelten Firmensitz in Maastricht und im Schweizer Kaiseraugst.

Damit wird aus zwei Schwergewichten künftig ein fokussierter Hersteller von Inhaltsstoffen für Parfüms, Nahrungsmittel, Gesundheitsprodukte und Tierernährung – ein Unternehmen, das auf die Zulieferung und Produktentwicklung für die Konsumgüter- und die wachstumsstarke Gesundheitsbranche ausgerichtet ist.

Fusion von DSM und Firmenich: Starker Wettbewerber für Evonik

Das Familienunternehmen Firmenich ist einer der großen Anbieter für Aromen und Duftstoffe, wie sie etwa in Parfüms verwendet werden. DSM wiederum hat sich in den vergangenen Jahren immer stärker zu einem Hersteller von Inhaltsstoffen für Nahrungsmittel und Gesundheitsprodukte entwickelt. Die Geschäftsbereiche sollen nun unter einem Dach weiterentwickelt werden. Die DSM-Aktie stieg zeitweise um fast 13 Prozent – der größte Tagesgewinn der Firmengeschichte.

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    Durch die niederländisch-schweizerische Großfusion geraten auch deutsche Konzerne unter Druck. In dem Geschäft entsteht insbesondere für Symrise ein mächtiger Konkurrent. Der Dax-Konzern stellt Duft- und Aromastoffe her, die etwa in Parfüms und Cremes, aber auch in Nahrungsmitteln verarbeitet werden.

    Grafik

    Auch der Chemiekonzern Evonik bekommt einen starken Wettbewerber. Die Essener fokussieren ihr Portfolio derzeit auf mehrere Spezialsegmente: Eines davon ist die Produktion von Inhaltsstoffen für Ernährung, Kosmetik, Arzneimittel und Tiernahrung. Evonik stand vor einigen Jahren selbst kurz vor einem Zusammenschluss mit DSM. Das Projekt scheiterte unter anderem an der Frage des Konzernsitzes, wie es in Branchenkreisen heißt.

    Der Milliardendeal sorgt nun für Bewegung im Duft- und Aromamarkt. Firmenich ist neben der Schweizer Firma Givaudan, dem US-Konzern International Flavors and Fragrances (IFF) und Symrise einer der vier großen Hersteller, die zusammen über die Hälfte des weltweit 38 Milliarden Euro großen Marktes kontrollieren. Gemessen am Umsatz steht DSM-Firmenich nun an der Spitze des Marktes. Das Geschäft ist seit Jahren ein großes Wachstumsfeld – und wird es bleiben: Neben dem Grundbedürfnis nach Essen und Trinken treiben Megatrends wie Gesundheit und Pflege die Nachfrage.

    DSM-Firmenich: Wachsende Konkurrenz für Symrise

    Die Fusion von DSM und Firmenich zeigt auch, dass die Konzerne der Branche immer offensiver in wachstumsstärkere Geschäftsbereiche außerhalb des traditionellen Geschmacks- und Duftstoffsektors vordringen. Die Wachstumsraten bei Duftstoffen für Parfüm liegen etwa bei drei bis fünf Prozent pro Jahr, sagt Analyst Andreas von Arx von der Baader Bank. „In Bereichen wie Tierfutter, Enzymen oder Inhaltsstoffen für Nahrungsmittel und Aktivkosmetik können die Konzerne höheres Wachstum erzielen.“

    Firmenich machte bislang den Großteil seines Umsatzes im klassischen Geschäft. Mit der Fusion mit DSM kann die Schweizer Firma weitere Bereiche des Marktes erschließen. Die Konkurrenz macht es vor: IFF etwa hatte zuletzt das Nahrungsmittelzusatzgeschäft des Chemiekonzerns Dupont übernommen. Symrise verstärkte sich durch Zukäufe im Bereich Tiernahrung und beteiligte sich im Sommer an einem Spezialisten im Bereich Tiergesundheit.

    In Finanzkreisen heißt es, DSM sei zunächst auch an einem Zusammenschluss mit Symrise interessiert gewesen. Die Niedersachen wachsen zwar schnell, erwirtschafteten 2021 aber nur rund 3,8 Milliarden Euro Umsatz. Firmenich kam vor dem Deal umgerechnet auf 4,2 Milliarden Euro. Auch die Konkurrenten Givaudan mit 6,6 Milliarden Euro und IFF mit 10,8 Milliarden Euro sind deutlich größer als der Dax-Konzern. Die Sorge wegen des wachsenden Konkurrenzdrucks drückte die Aktien von Symrise am Dienstagvormittag um drei Prozent ins Minus.

    „Symrise ist nun ein relativ kleiner Spieler geworden und sollte sich überlegen, sich mit Zukäufen zu verstärken oder sich einem größeren Partner anzuhängen“, sagt Analyst von Arx. Größe spielt in dem Markt eine wichtige Rolle. Konsumgüterfirmen arbeiten gern mit großen Herstellern zusammen, das minimiert das Risiko von Problemen.

    Die Duft- und Aromahersteller sind mittlerweile nicht allein reine Molekülzulieferer für die Konsumgüter- und Pharmahersteller. Die Spezialfirmen verstehen sich als Entwicklungspartner bei neuen Produkten wie gesundheitsfördernden Lebensmitteln, neuartiger Tiernahrung und innovativer Kosmetik. Die Firmen liefern den Markenartiklern fast alle Produktbestandteile zu, diese führen diese dann zusammen und vermarkten die Ware.

    Zusammenschluss von DSM und Firmenich erfolgt über Aktientausch

    Der Zusammenschluss von DSM und Firmenich erfolgt über einen Aktientausch. Danach werden die bisherigen DSM-Aktionäre mit 65 Prozent die Mehrheit am neuen Unternehmen halten. Im Zuge der Fusion trennen sich die Niederländer von ihrer Kunststoffsparte, die für 3,7 Milliarden Euro an ein Joint Venture des deutschen Chemiekonzerns Lanxess und des Finanzinvestors Advent geht.

    Die neue DSM-Firmenich-Gruppe soll nach dem Schweizer Modell eines steuernden Verwaltungsrates mit einer operativ verantwortlichen Geschäftsführung geführt werden. Dort werden die Niederländer die entscheidenden Positionen besetzen. Verwaltungsratschef wird der bisherige DSM-Chefaufseher Thomas Leysen. Sein Stellvertreter wird Patrick Firmenich, bislang Chef des Verwaltungsrats der Schweizer Firma.

    CEOs des neuen Unternehmens werden die beiden DSM-Vorstandsvorsitzenden Geraldine Matchett and Dimitri de Vreeze.

    Sie soll gemeinsam mit Dimitri de Vreeze als Co-CEO den neuen Konzern DSM-Firmenich leiten. Bloomberg

    DSM-Co-Chefin Geraldine Matchett

    Sie soll gemeinsam mit Dimitri de Vreeze als Co-CEO den neuen Konzern DSM-Firmenich leiten.

    DSM-Firmenich erwartet von den konsum- und pharmanahen Geschäften mittelfristig ein Umsatzwachstum von fünf bis sieben Prozent pro Jahr bei einer Gewinnspanne von mehr als 20 Prozent. Die Synergien durch den Zusammenschluss beziffern die Firmen auf 350 Millionen Euro jährlich. Dies soll im Jahr 2026 erreicht werden.

    Der Abschluss der Transaktion wird für das erste Halbjahr 2023 erwartet. Zuvor müssen die Wettbewerbsbehörden dem Deal noch zustimmen.

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