Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

24.10.2019

14:47

Elektromobilität

Wandel zur E-Mobilität: Vor allem Batteriezellen bereiten der Branche noch Probleme

Von: Stefan Menzel

VW-Vorstand Sommer verteidigt auf dem Handelsblatt Auto-Gipfel den Wechsel vom Verbrenner zum E-Antrieb. Doch die Branche muss noch viele Probleme mit Batteriezellen lösen.

Der ID.3 soll Volkswagen ins Elektrozeitalter katapultieren. Reuters

Elektro-Konzern

Der ID.3 soll Volkswagen ins Elektrozeitalter katapultieren.

Stuttgart Stefan Sommer hätte gern viel mehr Zeit. „Für die Entwicklung der Verbrennertechnologie hatte die Automobilindustrie 130 Jahre, für den Wechsel auf den Elektroantrieb stehen uns gerade 20 Jahre zur Verfügung“, sagt der Volkswagen-Einkaufsvorstand auf dem Handelsblatt Auto-Gipfel in Stuttgart. Der Umstieg auf eine neue Antriebsart ist mit gehörigen Risiken verbunden. Insbesondere die Batterien und die Batteriezellen bereiten der Automobilindustrie Sorgen.

„Die Batteriefabriken gibt es heute noch gar nicht“, warnt Sommer auf dem Branchentreffen im Porsche-Museum. Auch die technologisch führenden asiatischen Zellhersteller wie Samsung, LG und CATL besäßen in Europa nicht genügend eigene Produktionsstätten, um den gewaltigen künftigen Bedarf der Automobilhersteller zu decken.

Bis zum Jahr 2025 müsse die gesamte Branche etwa 150 Milliarden Euro in Batteriezellwerke investieren, um die verschärften Kohlendioxid-Grenzwerte mit Elektroautos erfüllen zu können. „Ein Kraftakt“, so Sommer. In einer neuen Untersuchung kommen das World Economic Forum (WEF) und die Unternehmensberatung McKinsey zu dem Schluss, dass sich der heutige Zellbedarf bis zum Jahr 2030 vervierzehnfachen wird.

Bei Volkswagen wird es trotzdem keine Umkehr geben, der Wolfsburger Autokonzern hält unverändert an seinen Elektroplänen fest – trotz aller Risiken bei Batteriezellen. „Der Elektrozug ist aus dem Bahnhof heraus“, versichert Sommer. Der VW-Konzern ist gewillt, das unternehmerische Wagnis für den Wechsel auf den Elektroantrieb zu tragen.

Verschärfte Emissionsgrenzen lassen dem Wolfsburger Autohersteller keine Alternative. Und natürlich spielt dabei auch die Dieselaffäre eine wesentliche Rolle: Nach den Abgasmanipulationen will sich Volkswagen jetzt als ein Unternehmen darstellen, dass es mit Klima- und Umweltschutz wirklich ernst nimmt. Vor allem eben getragen durch den Systemwechsel auf den E-Antrieb.

Bisher hat der Volkswagen-Konzern jährlich nur einige wenige Zehntausend Batterieautos produziert. Das wird sich auf absehbare Zeit entscheidend ändern. Anfang November nimmt die VW-Fabrik in Zwickau die Produktion rein batteriegetriebener Elektroautos auf.

Wenn Volkswagen alle technischen Probleme in den Griff bekommt, könnten dort im nächsten Jahr schon an die 100.000 E-Autos von den Bändern laufen. Die Fabrik im Süden von Sachsen war deshalb komplett von der Verbrennerfertigung auf neue Elektroautos umgestellt werden.

Danach geht es Jahr für Jahr bei Volkswagen mit den Produktionszahlen für E-Fahrzeuge nach oben. 30 Milliarden Euro nimmt der Wolfsburger Konzern in die Hand, damit in den nächsten zehn Jahren 70 neue E-Modelle entwickelt werden können. 22 Millionen rein batteriegetriebene Fahrzeuge will VW zusammen mit seinen Tochtermarken bis zum Jahr 2028 produzieren. Zum Vergleich: Die jährlichen Produktionszahlen bei Volkswagen liegen im Moment bei etwa elf Millionen.

Autos mit Diesel- und Benzinmotor werden zwar auch in den nächsten zehn Jahren noch millionenfach bei Volkswagen produziert, doch ihre Bedeutung nimmt nach und nach ab. Der VW-Konzern will im Jahr 2050 die Vorgaben des Pariser Klimaabkommens erfüllen und dann überhaupt kein Kohlendioxid mehr emittieren – in der eigenen Fertigung in mehr als 120 Werken und auch mit den Autos, die diese Fabriken künftig verlassen werden.

Der Manager ist auf dem Handelsblatt Auto-Gipfel überzeugt, dass die E-Mobilität sich durchsetzen wird. Uta Wagner für Handelsblatt

VW-Vorstand Stefan Sommer

Der Manager ist auf dem Handelsblatt Auto-Gipfel überzeugt, dass die E-Mobilität sich durchsetzen wird.

VW-Einkaufsvorstand Sommer rechnet deshalb damit, dass das letzte Volkswagen-Modell mit Verbrennungsmotor um das Jahr 2040 in Wolfsburg und an anderen Standorten produziert wird. Ende des nächsten Jahrzehnts wird bei VW die letzte Modellfamilie in Serie gehen, die noch auf einer Verbrennerplattform basiert. Die Entwicklungsarbeiten an dieser letzten Benzin- und Dieselplattform werden um das Jahr 2025 herum beginnen, so lange sind die Vorlaufzeiten und die Modellzyklen in der Automobilindustrie und damit auch bei Volkswagen.

Als Weltmarktführer ist Volkswagen so groß geworden, dass sich die eigene Fertigung von Batteriezellen lohnt. Der Wolfsburger Autokonzern will sich bei der Belieferung mit Zellen also nicht nur auf bekannte asiatische Hersteller verlassen. „Batterien, das ist die Schlüsseltechnologie“, betont VW-Vorstand Sommer auf dem Autogipfel. Allein die Batterie mache etwa 40 Prozent des Wertes eines Elektroautos aus. Deshalb wolle Volkswagen diese Technologie auf jeden Fall auch selbst beherrschen.

Unter den deutschen Automobilherstellern ist Volkswagen bislang der einzige Konzern, der sich für eine eigene Fertigung von Batteriezellen entschieden hat. Volkswagen investiert eine Milliarde Euro für den Aufbau einer Fabrik im niedersächsischen Salzgitter. Der VW-Konzern macht das nicht ganz allein; die Wolfsburger haben dafür ein Joint Venture mit dem schwedischen Anbieter Northvolt gegründet. In zwei bis drei Jahren beginnt dort die Produktion eigener Volkswagen-Batteriezellen.

Handelsblatt Live

Alternative Antriebsformen: „Die E-Mobilität wird kommen, da gibt es keine Alternative“

Handelsblatt Live: Alternative Antriebsformen: „Die E-Mobilität wird kommen, da gibt es keine Alternative“

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

„Wir werden gestärkt aus der Transformation hervorgehen“

Die neue Fabrik wird für eine Kapazität von etwa 16 Gigawattstunden ausgelegt. Das dürfte gerade einmal für rund 250.000 rein batteriegetriebene Elektroautos ausreichen. Doch der künftige Bedarf bei Volkswagen ist noch wesentlich größer. VW kalkuliert damit, dass nur in Europa bis Mitte des nächsten Jahrzehnts etwa 150 Gigawattstunden benötigt werden, also knapp das Zehnfache der Salzgitter-Kapazität.

Volkswagen wird zwar möglicherweise noch weitere eigene Zellwerke etwa in Osteuropa errichten. Doch der Wolfsburger Konzern bleibt zusätzlich extrem abhängig von den Lieferungen großer asiatischer Zellproduzenten.

Bei Volkswagen gibt es die Hoffnung, dass ein Teil des Zellbedarfs in absehbarer Zeit auch durch das Recycling älterer Batterien gedeckt werden kann. Doch das Batterie-Recycling wird wahrscheinlich erst in etwa zehn Jahren eine größere Bedeutung bekommen haben. Denn zunächst muss die erste Generation der Elektrofahrzeuge mit komplett neuen Batterien ausgestattet werden. Nur wenn es einen größeren Bestand von E-Autos gibt, wird das Batterie-Recycling wirtschaftlich.

Nicht nur Volkswagen verbreitet Optimismus, dass der Wechsel auf den Elektroantrieb gelingen wird. Auch die gesamte Branche ist zuversichtlich, dass der Einstieg in das Elektrozeitalter realisierbar sein sollte. Die Zuversicht teilt Bernhard Mattes, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), der Interessenorganisation deutsche Autohersteller und -zulieferer. „Die deutsche Automobilindustrie hat ihre besten Zeiten noch vor sich“, betont der VDA-Präsident auf dem Autogipfel des Handelsblatts.

+++ Handelsblatt Auto-Gipfel +++: Das war der Handelsblatt Auto-Gipfel 2019

+++ Handelsblatt Auto-Gipfel +++

Das war der Handelsblatt Auto-Gipfel 2019

Die Autobranche erfindet sich neu. Auf dem Handelsblatt Auto-Gipfel präsentierten Porsche, BMW und Opel ihre Visionen. Eine Chronologie der Veranstaltung.

Das große technischen Know-how wie etwa in der Massenproduktion von Fahrzeugen sei ein Garant dafür, dass die deutschen Hersteller schon recht bald in großer Stückzahl Elektroautos produzieren könnten. Elektrifizierung und Digitalisierung böten der Automobilindustrie vor allem zusätzliche Chancen. „Wir werden gestärkt aus dieser Transformation hervorgehen“, glaubt der VDA-Präsident. Hersteller und Zulieferer seien in der Lage dazu, die anstehenden Aufgaben zu lösen.

Für den VDA-Präsidenten gibt es auch keinen Gegensatz zwischen massenhafter Automobilproduktion und Umweltschutz. Mit ihren neuen Modellen – allen voran also mit Elektroautos – werde es der Branche gelingen, auch künftige verschärfte Emissionsgrenzen wie etwa beim Kohlendioxid zu erfüllen.

Der Elektroantrieb werde sich vor allem in Europa durchsetzen. In anderen Regionen der Welt könnte es allerdings sein, dass andere Antriebsformen eine größere Bedeutung bekämen. Den Diesel hält Mattes für unverzichtbar. Wegen ihrer niedrigen Verbrauchswerte würden moderne Dieselmodelle eine wichtige Rolle spielen, bis neue Elektrofahrzeuge in großer Zahl bereitstünden.

Beim Wechsel auf den Elektroantrieb fordert Mattes allerdings auch die Unterstützung durch die Politik ein. Die Automobilindustrie könne allein keine leistungsfähige Ladeinfrastruktur aufbauen, dabei müsse die öffentliche Hand helfen. Andernfalls lasse sich das Ziel nicht erreichen, dass im Jahr 2030 auf deutschen Straßen mehr als sieben Millionen E-Fahrzeuge unterwegs sein sollen. In schwieriger werdenden konjunkturellen Zeiten sei eine Unterstützung durch die Politik umso stärker nötig.

Anfang November kommt es zu einem neuerlichen Treffen mit Vertretern der Automobilindustrie und der Bundesregierung. Auf dem Autogipfel im Kanzleramt sollen dann vor allem konkrete Beschlüsse gefasst werden, wie es mit dem Aufbau der Ladeinfrastruktur weitergeht.

Stefan Sommer, Mitglied des VW-Vorstands, verteidigt den Wechsel des Konzern hin zur E-Mobilität. Marc-Steffen Unger für Handelsblatt

Handelsblatt Autogipfel 2019

Stefan Sommer, Mitglied des VW-Vorstands, verteidigt den Wechsel des Konzern hin zur E-Mobilität.

Handelsblatt Premium

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Franz Schügerl

24.10.2019, 17:46 Uhr

Herr Sommer ist ein Realitätsverweigerer. Er kann E-Mobile produzieren soviel er will und Zellen einkaufen und selbst produzieren so viel er will, ob der Konsument die E-Mobile kaufen wird steht auf einem anderen Blatt!

Herr Hans Schönenberg

24.10.2019, 18:57 Uhr

Man möge mir verzeihen: ich bin einer von den ewig Gestrigen; ich fahre inzwischen über 4 Jahre einen Tiguan Diesel mit ca. 84.000 km ohne jegliche Störung.Die Reichweite beträgt bei meinem Fahrstil über 900 km. Wir waren in Kroatien; in Südpolen usw. ohne eine Steckdose zu suchen; wobei Diesel (und Benzin) in Polen und Kroatien wesentlich preiswerter ist. Ich hoffe, dass, wenn das Fahrzeug ausgetauscht werden muß, irgend etwas anderes zum erschwinglichen Preis zur Verfügung steht, als der Batterieantrieb.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×