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13.03.2019

18:18

Elektrostrategie bei Volkswagen

7000 Stellen weniger – So will VW seine Kernmarke umbauen

Von: Stefan Menzel

Stellenabbau, Sparprogramm, Streit mit dem Betriebsrat: Der VW-Vorstand geht mit der neuen Elektro- und Digitalisierungsstrategie auf internen Konfrontationskurs.

Konzern im Umbruch

Bis zu 7000 Stellen werden gestrichen – VW verschärft Sparkurs

Konzern im Umbruch: Bis zu 7000 Stellen werden gestrichen – VW verschärft Sparkurs

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Wolfsburg Ein neuer Stellenabbau sorgt für große Unruhe in Wolfsburg. Die Marke Volkswagen verlangt mehr Geld für den anstehenden Umbau in Richtung Elektromobilität und Digitalisierung. Weil dafür bis zum Jahr 2023 acht Milliarden Euro zusätzlich gebraucht werden, soll zugleich an anderer Stelle gespart werden. Insgesamt will die Marke 19 Milliarden Euro in die beiden Megatrends der Branche investieren.

Der Wolfsburger Autohersteller will im Gegenzug bei Materialkosten, Variantenvielfalt und zugleich auch beim Personal sparen. Die Marke VW kalkuliert damit, dass zwischen 5000 und 7000 Stellen abgebaut werden müssen – überwiegend in Deutschland und in der Verwaltung.

In indirekten Bereichen wie der Verwaltung arbeiten bei Volkswagen etwa 54.000 Menschen. Der Hersteller bestätigte damit einen Bericht des Handelsblatts aus der vergangenen Woche.

„Wir müssen noch deutlich mehr tun, um die anstehenden Herausforderungen auch in der Zeit nach 2020 zu bewältigen“, sagte Ralf Brandstätter, Chief Operating Officer (COO) der Marke Volkswagen, am Mittwoch in Wolfsburg. Das Unternehmen müsse sein Transformationstempo noch einmal beschleunigen, um im elektrischen und digitalen Zeitalter bestehen zu können. Das gelte insbesondere für den Umbau der Verwaltung.

Brandstätter verwies darauf, dass es darüber „bereits erste konstruktive Gespräche mit dem Betriebsrat“ gegeben habe. Das Verhältnis zwischen Topmanagement und Arbeitnehmerseite war an den vergangenen Tagen jedoch extrem angespannt in Wolfsburg. Konzernchef Herbert Diess hatte dem mächtigen Betriebsrat zu wenig Veränderungswillen vorgehalten.

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Der Vorstand um Diess musste sich andererseits vom Betriebsrat vorwerfen lassen, dass in den vergangenen Jahren extreme Managementfehler begangen worden seien. Mit einer operativen Rendite von 3,8 Prozent hatte die Marke Volkswagen im vergangenen Jahr ihr eigenes Margenziel von mindestens vier Prozent verfehlt. Der operative Gewinn war von 3,3 auf 3,2 Milliarden Euro gefallen.

Bei der Marke Volkswagen soll jetzt so schnell wie möglich ein zusätzliches Effizienzprogramm aufgelegt werden, das vom Jahr 2023 an 5,9 Milliarden Euro jährlich bringen soll. Damit wäre aus Sicht des Managements gewährleistet, dass die zusätzlich geplanten Investitionen von acht Milliarden Euro aus eigener Kraft erwirtschaftet werden können. VW setzt dabei auch auf steigende Verkaufszahlen und höhere Preise im Vertrieb seiner Autos.

In den Fokus rückt insbesondere die Verwaltung bei Volkswagen. Gemeinkosten und Personalbedarf in der Verwaltung sollen dort um jeweils 15 Prozent gesenkt werden. Die Umsetzung einer sogenannten „Digitalisierungs-Roadmap“ zielt darauf, die Belegschaft auf die digitale Arbeitswelt vorzubereiten.

Volkswagen wird dazu 4,6 Milliarden Euro in neue IT-Systeme investieren, um die Prozesse in der Verwaltung zu digitalisieren und damit entscheidend zu vereinfachen.

Betriebsrat stellt Bedingungen

Das Unternehmen kalkuliert damit, dass bis 2023 durch Automatisierung von Routinearbeiten etwa 5000 bis 7000 Stellen wegfallen werden. Das lasse sich auffangen, indem Stellen beim altersbedingten Ausscheiden von Mitarbeitern nicht wieder besetzt werden.

Volkswagen will zudem drei weitere Jahrgänge für Programme zur Altersteilzeit freigeben. Allein damit gebe es ein rechnerisches Potenzial von rund 11.000 Mitarbeitern, die auf absehbare Zeit ausscheiden könnten. Betriebsbedingte Kündigungen lassen sich damit nach Konzernangaben vermeiden.

In einer ersten Reaktion signalisierte der Betriebsrat zwar Verhandlungsbereitschaft, stellte aber zugleich Bedingungen. Der Vorstand müsse wissen, dass es bei den Angeboten zur Altersteilzeit keinen Unterschied zwischen Verwaltung und Produktion geben könne.

Der Betriebsrat wolle nicht, dass der Vorstand eine Zwei-Klassen-Belegschaft einführt – die einen bekommen Altersteilzeit, die anderen nicht. Die Altersteilzeit dürfe nicht nur vorrangig Mitarbeitern aus der Verwaltung angeboten werden.

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„Der Betriebsrat sieht die Aussagen der Unternehmensseite zu den 5000 bis 7000 Arbeitsplätzen sehr kritisch“, sagte Betriebsratschef Bernd Osterloh. Der Vorstand sei bisher nicht in der Lage, eine Erklärung zu diesen Zahlen zu liefern. „Fakt ist: Hirngespinste von externen Unternehmensberatungen werden wir nicht akzeptieren“, so Osterloh weiter. Beim aktuellen Sparprogramm hatte sich Volkswagen von Roland Berger beraten lassen.

Zurückhaltend reagierte die niedersächsische Landesregierung auf die Pläne zum Stellenabbau. „Das Land erwartet die Vorlage und Diskussion substantieller und abgestimmter Planungen des Vorstands im Aufsichtsrat und wird zuvor von einer Stellungnahme absehen“, sagte eine Sprecherin der Landesregierung.

Aus Aufsichtskreisen hieß es dazu, dass es beim Land eine gewisse Verstimmung gebe, weil Volkswagen bislang nicht über den Stellenabbau informiert habe. Niedersachsen ist der zweitgrößte Volkswagen-Aktionär.

Stefan Bratzel, Professor am Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach, rechnet auch in anderen Unternehmen der Autobranche mit neuen Konflikten wegen des Abbaus von Arbeitsplätzen. Durch den Wechsel zur Elektromobilität würden Stellen überflüssig.

Der Elektroantrieb brauche etwa 20 Prozent weniger an Personal als Benzin- oder Dieselmotoren. „Die nächsten Jahre werden nicht einfach, das wissen auch die Betriebsräte“, sagte Bratzel.

Produktivität der Werke soll steigen

Volkswagen kommt in Deutschland auf etwa 110.000 Mitarbeiter. Bis zum Jahr 2025 gilt eine Beschäftigungssicherung, die betriebsbedingte Entlassungen ausschließt. In den Werken Emden und Hannover gilt diese Beschäftigungssicherung sogar bis zum Jahr 2028.

Bereits im Herbst 2016 hatte das Unternehmen mit der Arbeitnehmerseite ein Sparprogramm verabredet („Zukunftspakt“), das bis Ende 2020 läuft. Es sieht den weltweiten Abbau von 30.000 Stellen vor, 23.000 davon in Deutschland.

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Im Gegenzug sollen 9000 Arbeitsplätze in Zukunftsbereichen wie der Softwareentwicklung neu entstehen, betriebsbedingte Kündigungen sind bis 2025 ausgeschlossen. Das Programm sollte eine Ergebnisverbesserung von jährlich 3,7 Milliarden Euro von 2020 an bringen und die Produktivität der Werke erhöhen.

Die Marke VW verfehlte im vergangenen Jahr ihre Renditeziele, vor allem weil die Probleme rund um den neuen Abgas- und Verbrauchstest WLTP viel Geld kosteten. Weil Zulassungen nach dem neuen Prüftest fehlten, konnte lange Zeit nur ein eingeschränktes Modellangebot verkauft werden.

Auch aktuell haben die Wolfsburger Probleme. Die Schwäche des wichtigen chinesischen Automarktes lastet weiter auf der Verkaufsbilanz. Die Kernmarke VW lieferte im vergangenen Monat weltweit knapp 400.000 Autos aus und damit 2,2 Prozent weniger als vor einem Jahr, wie das Unternehmen ebenfalls am Mittwoch mitteilte.

Die Marke verkauft etwa die Hälfte ihrer Autos in der Volksrepublik China. Der Wolfsburger Konzern ist Marktführer dort.

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