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22.07.2016

17:06 Uhr

Ex-Bayer-Chef Dekkers als VCI-Präsident

Ein Holländer hadert mit der deutschen Politik

VonSiegfried Hofmann

Der Verband der deutschen Chemieindustrie hat die Erwartungen der Branche nach unten korrigiert. VCI-Präsident und Ex-Bayer-Chef Marijn Dekkers gibt der Politik die Schuld – und sieht den Standort Deutschland in Gefahr.

„Wir müssen daher unbedingt vermeiden, dass die chemischen Wertschöpfungsketten in einzelnen Segmenten reißen“, sagt Marijn Dekkers. Reuters

VCI-Präsident

„Wir müssen daher unbedingt vermeiden, dass die chemischen Wertschöpfungsketten in einzelnen Segmenten reißen“, sagt Marijn Dekkers.

FrankfurtDie deutsche Chemieindustrie verliert zusehends an Schwung. Der Branchenverband VCI hat daher seine Jahresprognose für 2016 abermals nach unten korrigiert und rechnet jetzt nur noch mit 0,5 Prozent Produktionswachstum. Der Umsatz dürfte – bedingt durch rückläufige Preise – um 1,5 Prozent auf etwa 186 Milliarden Euro schrumpfen. Von der Zuversicht, mit der die Branche in das neue Jahr gestartet war, ist damit nicht mehr viel geblieben.

Zuletzt war der Branchenverband noch von einer Steigerung der Produktion um ein Prozent im Jahr 2016 ausgegangen, Ende des vergangenen Jahres hatte man sogar noch auf ein Plus von 1,5 Prozent gehofft. Doch entgegen dieser Prognose ist die Produktion im ersten Halbjahr 2016 nach VCI-Daten nur stagniert. Der Umsatz lag mit 90 Milliarden Euro sogar um 3,5 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Der Ausblick sei nicht gerade vielversprechend, sagte VCI-Präsident Marijn Dekkers. „Der Chemie fehlen positive Impulse – wirtschaftlich wie politisch.“ Der frühere Bayer-Chef verweist unter anderem auf die Wachstumsschwäche in den Schwellenländern, eine geringe Dynamik im Welthandel und das Ende des globalen Investitionsbooms als Gründe für die schwache Entwicklung der Branche. Auch der bevorstehende Austritt Großbritanniens aus der EU werde sicher negative Auswirkungen haben. Das alles ist aus Sicht Dekkers zwar noch kein Grund, Alarm zu schlagen. Langfristig mehrten sich indessen die Zweifel, „ob Deutschland seine Position als Chemiestandort verteidigen kann.“

Die größten Chemiekonzerne der Welt

Platz 10

Covestro (Deutschland)
Der Werkstoffhersteller aus Leverkusen verweist den letztjährigen Zehntplatzierten, das US-Unternehmen PPG Industries, in seine Schranken und gehört nun mit einem Verdienst in Höhe von 16,94 Milliarden US-Dollar selbst zu den zehn umsatzstärksten Chemieunternehmen der Welt. Covestro firmierte bis 2015 als Bayer Material Science, spaltete sich dann aber vom Chemiekonzern ab – mit Erfolg.

Quelle: Unternehmensangaben, Statista 2018 / Gesamtjahr 2017, jeweils letzte verfügbare Angaben

Platz 9

Akzo Nobel (Niederlande)

In der Branche der Farben und Lacke hat der Hersteller mit Sitz in Amsterdam eine marktführende Position inne. Unter allen Chemieunternehmen kann sich Akzo Nobel mit einem Umsatz von 17,46 Milliarden US-Dollar immerhin auf dem neunten Rang positionieren.

Platz 8

Linde (Deutschland)
Der deutsche Technologiekonzern mit dem Kerngeschäft um Gase und Prozess-Anlagen hat im letzten Jahr 20,5 Milliarden US-Dollar Umsatz gemacht und erreicht so den achten Platz im Unternehmensranking.

Platz 7

Henkel (Deutschland)
Der Düsseldorfer Konzern gliedert sich in drei Unternehmensbereiche: Wasch-/Reinigungsmittel, Schönheitspflege und Klebstoffe. 2017 fuhr das Unternehmen einen Jahresumsatz von 23,99 Milliarden US-Dollar ein. Damit konnte Henkel seinen Verdienst zwar im Vergleich zum Vorjahr um rund ein Fünftel steigern, wird im Ranking aber dennoch von einer anderen Firma überholt.

Platz 6

Air Liquide (Frankreich)
Nach einem Umsatzplus von mehr als einem Viertel ist das führende, französische Unternehmen bei Gasen für Industrie, Medizin und Umweltschutz der neue Sechstplatzierte. 24,38 Milliarden US-Dollar konnten 2017 eingenommen werden. Mit Linde und Praxair zählt Air Liquide zu den drei größten Industriegaseherstellern der Welt.

Platz 5

Lyondell Basell (USA)
Im Mittelfeld des Rankings und mit 34,48 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz landet Lyondell Basell. Der weltweit größte Produzent von Polyolefinen und Katalysatoren betreibt zudem Erdölraffinerien und produziert Treibstoffzusätze wie MTBE.

Platz 4

Saudi Basic Industries (Saudi-Arabien)
Unverändert auf dem vierten Platz befindet sich der saudi-arabische Chemie- und Metall-Konzern Saudi Basic Industries. Mit 35,41 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz reicht es für den Hersteller von Methanol, Ethanol und Düngemittel weiter nicht für den Sprung unter die Top 3 – gerade in Anbetracht des gesunkenen Verdienstes (minus 11,55 Prozent) rückt das Podium nun auch in weitere Ferne.

Platz 3

Bayer (Deutschland)
Der deutsche Konzern muss seinen zweiten Platz an zwei fusionierte Konkurrenten abtreten. Auch der Umsatz geht auf 41,95 Milliarden US-Dollar zurück (minus 17,28 Prozent). Das Unternehmen mit Schwerpunkt auf der chemischen und pharmazeutischen Industrie plant allerdings weiter selbst eine Megafusion mit Monsanto. Damit möchte das Unternehmen seine Agrarchemie-Sparte um genverändertes Saatgut erweitern. Um diese umstrittene Fusion unter Dach und Fach zu bringen, sind Bayer und Monsanto bereit, milliardenschwere Firmenteile zu verkaufen.

Platz 2

Dow Dupont (USA)
Zum 1. September des vergangenen Jahres wurde die Fusion der beiden US-Unternehmen Dupont und Dow Chemical vollzogen. Das neugeschaffene Unternehmen sichert sich mit einem gemeinsamen Umsatz in Höhe von 62,48 Milliarden US-Dollar zunächst mit weitem Abstand den zweiten Rang im Unternehmensranking. Es ist weiterhin geplant, das Gemeinschaftsunternehmen in drei börsennotierte Unternehmen für Agrarchemikalien, Spezialchemikalien und Kunststoffe aufzuspalten.

Platz 1

BASF (Deutschland)
Unveränderter Spitzenreiter mit 77,24 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz: BASF. Der nach Umsatz und Marktkapitalisierung weltweit größte Konzern, mit Hauptsitz in Ludwigshafen am Rhein, wird sich angesichts der Megafusionen in der Branche künftig neu positionieren müssen. Dabei würde aber, laut Unternehmensführung, mehr Wert auf die Wettbewerbsfähigkeit der bestehenden Geschäftsfelder als an Größe an sich gelegt werden.

Eine Herausforderung für die Branche besteht aus Dekkers Sicht vor allem darin, dass einzelne Teilbereiche, so insbesondere die Produktion von Basisprodukten und Kunststoffen international an Konkurrenzfähigkeit verlieren. In dem nach wie vor sehr hohen Exportüberschuss des Sektors wird das überdeckt durch die starke Performance der Pharmabranche, die traditionell mit in der Statistik des Chemie-Verbandes enthalten ist.

Rechne man Pharma heraus, sei der Außenhandelsüberschuss der Branche rückläufig. Die Produktion von Petrochemikalien ist nach Daten des VCI seit 2011 um sechs Prozent gesunken, vor allem als Folge wachsender Konkurrenz aus Nordamerika, Asien und dem Mittleren Osten, wo auf Basis günstiger Energie und Rohstoffkosten sehr große Kapazitäten errichtet wurden.

Dekkers warnt davor, dass auch nachgelagerte Produktionsstufen der Chemie betroffen sein könnten, wenn die Basischemie zu stark unter Druck gerät. Wenn Deutschland als Standort für einzelne Kunststoffe nicht mehr attraktiv genug sei, drohten weitere Stilllegungen, von denen auch nachgelagerte Wirtschaftszweige betroffen wären. „Wir müssen daher unbedingt vermeiden, dass die chemischen Wertschöpfungsketten in einzelnen Segmenten reißen.“

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Diese Produktionsketten zu erhalten, liege letztlich im Interesse der gesamten Wirtschaft. „Wenn wir den hohen Industrieanteil an der Wertschöpfung in Deutschland behalten wollen, müssen wir breit aufgestellt sein.“ Das muss auch die Politik aus Sicht Dekkers im Auge behalten. Die chemische Industrie brauche bessere Rahmenbedingungen für Investitionen und Forschung.

Der Appell des Holländers ist auch eine Art Abschiedsgruß an die deutsche Politik. Dekkers wird sich im September nach zweijähriger Amtszeit als VCI-Präsident verabschieden. Diese Funktion wird dann BASF-Chef Kurt Bock übernehmen. Den Chefposten bei Bayer hat Dekkers, nach sechs Jahren an der Firmenspitze, schon Ende Mai an seinen Nachfolger Werner Baumann übergeben.

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