Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

25.05.2022

07:09

Exklusive Datenanalyse

Klimaziele, Aufspaltungen, Machtkämpfe: Hedgefonds greifen deutsche Unternehmen an

Von: Bert Fröndhoff

Der Ukrainekrieg machte die Aktivisten vorsichtiger – aber nur für kurze Zeit. Eine Analyse zeigt nun, wie Hedgefonds Unternehmen derzeit unter Druck setzen.

Der aktivistische Investor Enkraft ist mit der Forderung nach einer Abspaltung des Braunkohlegeschäfts gescheitert. imago images/blickwinkel

RWE-Braunkohlekraftwerk

Der aktivistische Investor Enkraft ist mit der Forderung nach einer Abspaltung des Braunkohlegeschäfts gescheitert.

Düsseldorf Europa und speziell Deutschland werden für „aktivistische“ Investoren bedeutender. Zum Jahresbeginn verstärkte sich der Trend von 2021. Hedgefonds suchen sich vor allem europäische Unternehmen als Ziele für Kampagnen und Einflussnahme aus. In den USA ist das Phänomen seit einiger Zeit rückläufig.

Zwar gingen die Aktivitäten in Europa durch den Ukrainekrieg zunächst zurück. Doch die Beratungsgesellschaft Alvarez & Marsal (A&M) beobachtete, dass dies nur vorübergehend war: Der Druck der Aktivisten verstärke sich seit April wieder. Im Januar und Februar lag die Zahl der bekannt gewordenen Hedgefondsattacken in Europa bereits 30 Prozent über dem Vorjahreswert, heißt es in einer Datenauswertung von A&M, die dem Handelsblatt vorliegt.

Die Beratung analysiert regelmäßig mit einer seit Jahren gefütterten Datenbank den Investoreneinfluss auf 1600 europäische Unternehmen. Nun zeigt sich: Deutschland liegt als Ziel von Hedgefondsattacken nach Großbritannien gefestigt auf Platz zwei. Vor allem heimische Industriefirmen stehen im Fokus.

Patrick Siebert, Managing Director und Co-Head von Alvarez & Marsal in Deutschland, sagt: „Interessant sind für die Aktivisten Konglomerate, bei denen sie eine Aufspaltung und Abtrennung einzelner Geschäfte einfordern können.“ Die Investoren kritisieren das Management. Ziel ist, die Strategie des Unternehmens zu ändern und mehr Rendite aus den Aktienportfolios herauszuholen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Als neuer Treiber hätten sich der Analyse nach die ESG-Kriterien etabliert, sagt Siebert. ESG steht für Umwelt (Environmental), Soziales (Social) und verantwortungsvolle Unternehmensführung (Governance). Die Fonds drängen die Unternehmen, ihre Klimaschutzpläne schneller umzusetzen.

    In Deutschland hat dies jüngst Enkraft Capital versucht: Der Investor setzte das Management des Energieversorgers RWE öffentlich unter Druck. Enkraft Capital forderte, das klimaschädliche Braunkohlegeschäft abzuspalten.

    Bei der Abstimmung auf der RWE-Hauptversammlung scheiterte Enkraft damit aber. Andere, größere Fonds folgten den Argumenten des aktivistischen Investors nicht, der nur 0,03 Prozent der Anteile hält. 97 Prozent der Anteilseigner stimmten gegen den Trennungsantrag.

    Blackrock lehnt strengere Klimaziele ab

    Der Fall beschreibt zwei Phänomene. Zum einen sind Hedgefondsangriffe zwar häufig öffentlichkeitswirksam, aber nicht so oft erfolgreich. Zum anderen hat der Ukrainekrieg Folgen: Die Anteilseigner setzen die Energiekonzerne bei ihren ESG-Zielen derzeit weniger unter Druck. Sie sorgen sich um die Leistungsfähigkeit dieser systemrelevanten Unternehmen.

    A&M-Co-Head Siebert sagt: „Viele Fonds halten sich derzeit mit Forderungen gegenüber Öl- und Energiekonzernen zurück, weil auch für sie die Versorgungssicherheit im Vordergrund steht.“ Der bekannteste Vermögensverwalter Blackrock hat so eine „Verschnaufpause“ jüngst angekündigt.

    Blackrock versteht sich jedoch als passiver Investor. Der Verwalter fordert also nicht so oft selbst etwas vom Management seiner Portfoliounternehmen, eine Ausnahme sind die jährlichen Briefe des Blackrock-Gründers Larry Fink. Doch die Gesellschaft verfügt über viel Stimmgewicht bei großen europäischen Konzernen.

    In diesem Jahr will Blackrock die Hauptversammlungsanträge anderer Aktionäre auf schärfere Klimaregeln nicht unterstützen. Das meldete Anfang Mai die britische „Financial Times“. In der angespannten Energieversorgungslage seien diese Regeln zu extrem oder würden dem Management der Unternehmen zu viel kleinteilige Arbeit abverlangen.

    Investor Daniel Loeb lobt die Bedeutung des Konzerns für die Energiesicherheit. AP

    Logo des Ölkonzerns Shell

    Investor Daniel Loeb lobt die Bedeutung des Konzerns für die Energiesicherheit.

    Tatsächlich lehnten zuletzt die Anteilseigner der Ölkonzerne BP und Conoco Phillips Anträge auf strengere Klimaziele ab, wie sie einzelne Aktionäre auf Hauptversammlungen eingebracht hatten. Und selbst von dem für polternde Auftritte bekannte US-Hedgefondsmanager Daniel Loeb kommen vorsichtige Töne, wenn es um die Strategie von Shell geht.

    Loeb fordert seit seinem Einstieg bei Shell, den Konzern aufzuspalten: in einen alten, auf fossiler Energie basierenden Teil und in einen, der das grüne Zukunftsgeschäft umfasst. In einem aktuellen Schreiben stellte Loeb jedoch Shells zuverlässige Energieversorgung heraus – etwa durch das LNG-Geschäft.

    Alvarez & Marsal geht davon aus, dass sich die Hedgefonds nur vorübergehend zurückhalten. Mittelfristig würden ESG-Ziele das Vorgehen der Investoren wieder antreiben. Denn viele Unternehmen bieten den aktivistischen Anlegern dafür eine Angriffsfläche. Auch bei RWE dürften sie wieder die Trennung von der Braunkohle fordern.

    Die Beratungsgesellschaft nimmt bei ihren Analysen den Blick der Aktivisten ein: Die suchen nach Unternehmen, die sich im Vergleich zu wichtigen Konkurrenten operativ oder vom Aktienkurs her schlechter entwickeln. Die Fonds versuchen dann, eine Strategieveränderung zu erzwingen, die den Börsenwert heben könnte.

    28 deutsche Unternehmen gefährdet

    Siebert von A&M sagt: „Die Coronapandemie hat unter den deutschen Unternehmen die Spreu vom Weizen getrennt. Die Investoren haben einen klaren Blick darauf, wer aktuell gut und wer schlecht aufgestellt ist.“ Derzeit hat A&M 28 deutsche Unternehmen auf einer Liste, die ihren Berechnungen zufolge in den nächsten 18 Monaten wahrscheinliche Ziele der Hedgefonds sind. Namen nennt die Beratung nicht.

    Was genau die Fonds mit ihrem Engagement bezwecken, bleibt oft auch im Verborgenen. So hat im Frühjahr der US-Fonds Valueact seinen Anteil am deutschen Werbevermarkter Stroer auf 11,42 Prozent aufgestockt. Die Absicht dahinter ist bisher unklar.

    In anderen Fällen sind die Absichten deutlicher. So streiten aktuell Fonds um das Sagen beim norddeutschen Windenergiespezialisten PNE. Eine Tochter der Investmentbank Morgan Stanley hat als Großaktionär vergangene Woche auf der Hauptversammlung ihre Macht im Aufsichtsrat ausgebaut. Gegen sie haben sich die aktivistischen Investoren Enkraft und Active Ownership positioniert und wollen eine Übernahme von PNE verhindern. Dabei geht es eher um Macht und Geld, weniger um Strategie. Doch der Konflikt bindet Kräfte im Vorstand und Aufsichtsrat des Unternehmens.

    Vielfach lockt allein das Potenzial einer Aufspaltung. Dabei wird häufig die deutsche Bayer AG genannt, weil sie aus Sicht der Investoren wegen der Folgen der Glyphosat-Rechtslast in den USA unterbewertet ist. Sie fordern daher, die davon belastete Agrarsparte vom Pharmageschäft zu trennen.

    Investoren bringen die Abspaltung der Agrarsparte ins Spiel. Bayer AG

    Forschung bei Bayer Crop Science

    Investoren bringen die Abspaltung der Agrarsparte ins Spiel.

    Im Frühjahr meldete sich die Schweizer Alatus Capital bei den Leverkusenern und beantragte über ihren Hedgefonds die Nichtentlastung von Bayer-Chef Werner Baumann auf der Hauptversammlung Ende April. Das hätte das Aus für den Bayer-Chef bedeuten können, der die Abspaltungsforderungen regelmäßig abwehrt. Der Antrag des Investors scheiterte, der Druck auf den Konzern könnte aber bleiben.

    In anderen Fällen greifen Investoren schlicht wegen schwacher Perfomance oder Fehlern des Managements an. Das zeigt sich aktuell bei zwei britischen Konzernen: Der Konsumgüterhersteller Unilever wollte für 60 Milliarden Euro die Gesundheitsproduktesparte des Pharmakonzerns Glaxo-Smithkline kaufen, stieß aber auf erbitterte Gegenwehr der Aktionäre und scheiterte.

    Jetzt hat sich der berüchtigte US-Hedgefondsmanager Nelson Peltz bei Unilever eingekauft und will den Konzern aufmischen. Unter starkem Druck steht ebenso der Mobilfunkanbieter Vodafone. Dem Management werden strategische Schwächen angelastet, die sich unter anderem im kräftig gesunkenen Börsenwert widerspiegeln.

    Im Januar wurde bekannt, dass die schwedische Cevian als Europas größter aktivistischer Investor bei Vodafone eingestiegen ist – und dem Management seither ihre Vorstellungen über die Zukunft des Unternehmens unterbreitet.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×