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12.11.2022

16:21

Falling Walls Summit

Warum Labor-Start-ups immer noch zu selten sind

Von: Roman Winkelhahn

Ausgründungen aus Forschungsprojekten sind ein wesentlicher Standortfaktor. Deutschland hat dahingehend gute Voraussetzungen – aber macht es genug daraus?

Elisa Bertini präsentiert das Produkt ihres Start-ups Puna Bio, einen Dünger auf Basis von Mikroben. Falling Walls Foundation/Christoph Soeder

Biochemikerin und Gründerin

Elisa Bertini präsentiert das Produkt ihres Start-ups Puna Bio, einen Dünger auf Basis von Mikroben.

Berlin Der Wissenschaftsgipfel „Falling Walls“ in Berlin ist ein Schaufenster für Forschungsprojekte. Die Veranstaltung bringt Wissenschaftler an einen Ort, deren Technologie große ökologische und soziale Probleme lösen könnte, und die ihre Arbeit selbst aus dem Labor auf den Markt bringen wollen. Gekürt wird der wissenschaftliche Durchbruch des Jahres. Und das Teilnehmerfeld ist stark besetzt.

Der Biologe Christopher Landowski vom finnischen Start-up Onego Bio entwickelt etwa ein Verfahren zur Gewinnung von Eiweiß – mit Bakterien anstelle der Hühner. Chemiker Stafford Sheehan arbeitet mit dem Start-up Air Company an der Gewinnung von Flugzeugtreibstoff durch CO2. Und Marek Checinski will mit C1 Green Chemicals emissionsfrei hergestelltes, sogenanntes grünes Methanol als Erdölersatz produzieren.

Der Gipfel gibt einen Einblick in die oft verborgene Welt der Spitzenforschung. Eine breite Öffentlichkeit finden meist nur wissenschaftliche Durchbrüche, die mRNA-Technologie der Covid-Impfstoffe etwa.

Doch gibt es in Deutschland zahlreiche führende Forschungsstandorte, die Innovationen und revolutionäre Verfahren oft ohne die erhoffte Aufmerksamkeit vorantreiben. Dabei liegt darauf auch die Hoffnung, aus den Universitäten und Hochschulen heraus eine Gründergeneration zu gewinnen.

Doch zu oft werden aus wissenschaftlichen Studien nur Papier und Prototypen. Oder die Spin-offs verkümmern wieder. Woran liegt das? Und wie ließe sich die Zahl der Ausgründungen und ihre Erfolgswahrscheinlichkeit erhöhen? Es geht dabei um nicht weniger als die technologische Souveränität des Landes.

Herausforderung ist das Erklären

„Die meisten Geschäftsleute sind Generalisten“, sagt Leroy Cronin, CEO und Gründer des Start-ups Chemify. Eine Idee kann noch so gut sein: Wenn potenzielle Kunden und Investoren sie nicht verstehen, ist eine Ausgründung schon zum Scheitern verurteilt.

Seine Vision: ein digitaler Baukasten für Moleküle und eine Künstliche Intelligenz, die die Anleitungen schreibt. Doch diese komplexe Idee an den Geschäftsmann oder die Geschäftsfrau zu bringen: immer wieder eine kleine Herausforderung, erklärt der Brite.

Cronin ist Professor für Chemie an der Universität Glasgow. Mit Chemify will er die Produktion von Molekülen günstiger, gefahrloser und schneller machen. Aber: „Den Leuten dieses Konzept zu erklären, ist gar nicht so leicht“, sagt er.

Studien sehen enormes Potenzial – wenn die Förderung stimmt

Ein bekanntes Credo aus der Start-up-Szene lautet „Fake it till you make it“: Hier ist es durchaus akzeptiert, ein Versprechen zu machen, das eine Jungfirma erst später tatsächlich erfüllen kann. Das kollidiert mit den Regeln und Ansprüchen der Wissenschaft, erklärt Elisa Bertini, Co-Gründerin des argentinischen Start-ups Puna Bio. Die Chemikerin sagt: „Wir Forscher sind Perfektionisten; CEOs sind Pragmatiker.“

Die Zusammenarbeit erfordert oft Zugeständnisse von beiden Seiten. Bei Puna Bio werden die drei Wissenschaftsgründer von einem Betriebswirtschaftler unterstützt.

Fridtjof Detzner ist Gründer der Wagniskapitalfirma Planet A Ventures. Falling Walls Foundation/Christoph Soeder

Risikoinvestor mit Blick für Nachhaltigkeit

Fridtjof Detzner ist Gründer der Wagniskapitalfirma Planet A Ventures.

Ein Lichtblick: Immer mehr Gründerzentren an Universitäten nehmen sich dem Thema an und versuchen, Wissenschaftler und Betriebswirte zusammenzubringen. Für Wissenschaftler gibt es Workshops in Unternehmensführung – und private Business-Hochschulen verweisen Absolventen auf der Suche nach Geschäftsideen an die Forschungsinstitute.

Maximilian Eckel ist Leiter des Gründerzentrums an der WHU, der Otto Beisheim School of Management in Vallendar. Junge Forscher fokussieren sich auf den Karriereweg in Forschung und Lehre – der Blick auf die Gründungschancen bleibe zu häufig aus, sagt er: „Daher ist es wichtig, den Leuten zu zeigen, wie dieser Schritt aussehen könnte“, sagt Eckel.

Die Chancen für die eigenen Absolventen kennt er ebenso gut: Eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey geht davon aus, dass solche Initiativen bis 2030 Start-ups im Wert von 500 Milliarden Euro hervorbringen könnten.

Quantencomputer-Start-up gewinnt Award

Das Interesse von Risikokapitalgebern an Start-ups aus Bereichen wie Technologie, Gesundheit oder Recycling ist groß. Doch es gibt Hürden.

Eine Befragung des Risikoinvestors Atomico zeigt, dass die tatsächlichen Investitionen in diesen Bereichen weit unter der Zahl der Business-Angels liegt, die sich interessiert zeigten. Nur Start-ups aus der Fintech-Branche sind gleichwohl gefragt und durchfinanziert.

Das kann daran liegen, dass Wagniskapitalfirmen selbst noch Know-how in verschiedenen Wissenschaftsbereichen aufbauen müssen. Eine Investmentfirma, die das von Anfang an gemacht hat, ist Planet A von Fridtjof Detzner. Einerseits investiert er gezielt in Gründungen, die ernsthaft die Klimaziele adressieren können. Andererseits weiß er: Ist der wissenschaftliche Kern schlecht, hilft auch die beste Business-Schale nicht.

Der Investor sagt: „Wir müssen sicherstellen, dass die Start-ups, in die wir investieren, wirklich signifikant besser sind als die Konkurrenz.“ Wie das funktionieren kann: mit fest angestellten Wissenschaftlern im Team, die vor einer Finanzierungsentscheidung genauso den „Daumen hoch“ geben müssen wie die Wirtschaftsexperten.

Auf diese Weise ist Detzner zu Traceless gekommen. Das Hamburger Start-up um die Bio-Ingenieurin Anne Lamp hat auf dem Falling-Walls-Gipfel im vergangenen Jahr den Preis „Durchbruch des Jahres“ gewonnen. In diesem Jahr hat die Quantencomputer-Firma Qphox den Award erhalten. Die Niederländer arbeiten an Modulen, die Quantencomputer über Lichtsignale verbinden sollen.

Ein Start-up aus Detzners Portfolio hat es dieses Jahr zumindest ins Finale geschafft: C1 Green Chemicals mit seinem Erdölersatz aus Methanol. „Wenn Methanol grün ist, dann können 80 Prozent der organischen Chemieerzeugnisse über diese Route produziert werden“, sagt Gründer Marek Checinski in Berlin.

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