Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

16.02.2023

13:02

Flugzeugbauer

Airbus verbucht Rekordgewinn – muss aber um seine Produktionsziele zittern

Von: Gregor Waschinski

Der Boeing-Rivale muss seine Ziele für die Mittelstreckenjet-Fertigung erneut verschieben. Airbus-Chef Faury erklärt die Lösung der Lieferprobleme zur „Hauptpriorität“.

Die Produktion wird erst später hochgefahren. Reuters

Airbus A320neo

Die Produktion wird erst später hochgefahren.

Paris Airbus zeigt derzeit zwei Gesichter: Der europäische Flugzeugbauer vermeldete für das vergangene Jahr einen Rekordgewinn. Zugleich lieferte der Konzern wegen anhaltender Probleme bei den Lieferketten weniger Maschinen aus als geplant – und muss seine Ziele für das Hochfahren der Produktion erneut nach hinten verschieben.

Die Verzögerung bei den Auslieferungen sei „selbstverständlich frustrierend“, sagte Airbus-Chef Guillaume Faury am Donnerstag in Toulouse. „In diesem Jahr wird die Hauptpriorität mehr denn je auf dem Hochfahren der Produktion von Verkehrsflugzeugen liegen.“ Airbus wolle 2023 eng mit Zulieferern zusammenarbeiten, um die Fertigung anzupassen.

Der Flugzeugbauer bezieht Triebwerke und andere Bauteile von Partnerfirmen, die ihre Produktion nach der Coronakrise oft nicht schnell genug wieder angeschoben hatten. Vor allem Zulieferer aus den USA hatten angesichts des Geschäftseinbruchs während der Pandemie Personal entlassen, das nun fehlt. Faury sprach von einem „widrigen Geschäftsumfeld, das verhindert, dass sich die Lieferkette so schnell erholt, wie wir erwartet haben“.

Airbus hatte im vergangenen Jahr 661 Flugzeuge an seine Kunden übergeben, deutlich weniger als die ursprünglich anvisierten 720 Maschinen. Nun nimmt der Konzern für 2023 erneut das Ziel von 720 Flugzeugen ins Visier. Das ist noch weit entfernt von dem Niveau vor der Coronakrise: Im Jahr 2019 hatte Airbus 863 Flugzeuge an seine Kunden übergeben.

Und das laufende Jahr begann für den Konzern nicht gut: Die Auslieferungen fielen im Januar verglichen mit dem Vorjahresmonat um ein Drittel auf 20 Maschinen. Der große US-Rivale Boeing, den die Europäer in den vergangenen Jahren immer auf Abstand gehalten hatten, lieferte zu Jahresbeginn fast doppelt so viele Flugzeuge an seine Kunden aus.

Die Verzögerung bei den Auslieferungen sind für den Airbus-Chef „selbstverständlich frustrierend“. AP

Guillaume Faury am Donnerstag

Die Verzögerung bei den Auslieferungen sind für den Airbus-Chef „selbstverständlich frustrierend“.

Bei den Kurz- und Mittelstreckenjets der A320-Familie, dem Verkaufsschlager von Airbus, soll das mittelfristige Produktionsziel von 65 Stück pro Monat nun erst Ende 2024 erreicht werden. Das ist fast ein Jahr später als zuletzt angestrebt. Auch das Zieldatum für eine monatliche Produktionsrate von 75 verschiebt sich demnach erneut, von 2025 auf 2026.

Bei den Großraumflugzeugen für die Langstrecke kündigte Airbus am Donnerstag einen höheren Output an – ein weiteres Zeichen für die Erholung des Luftverkehrs nach der Pandemie. Bis 2024 will der Konzern die Produktion des A330neo von drei auf vier Stück pro Monat erhöhen, die monatliche Rate für den A350 soll von aktuell sechs auf neun Maschinen im Jahr 2025 steigen.

Faury trat Befürchtungen entgegen, dass höhere Ziele bei den Langstreckenjets wegen der knappen Ressourcen zu weiteren Verzögerungen im A320-Segment führen könnten. „Es gibt keine Konkurrenz zwischen dem Hochfahren beim A320 und bei den Großraumflugzeugen“, sagte er. Anders als beim A320 liefere Airbus beim A330neo und beim A350 derzeit auch „insgesamt pünktlich“ aus.

Flugzeugbauer profitiert vom starken Dollar

Der scheidende Finanzvorstand Dominik Asam konnte bei seinem letzten großen Auftritt am Donnerstag erneut eine starke Geschäftsbilanz präsentieren. Die Erlöse legten 2022 um13 Prozent auf 58,8 Milliarden Euro zu, der Anstieg war etwas stärker als erwartet. Der bereinigte Betriebsgewinn verbesserte sich um 16 Prozent auf 5,6 Milliarden Euro.

Der Konzern profitierte dabei auch vom im Verhältnis zum Euro starken US-Dollar. Verkehrsflugzeuge werden in Dollar verkauft, die Zahlungen der Kunden tauscht Airbus dann in Euro um.

Grafik

Asam verlässt den Flugzeugbauer Anfang März, um in gleicher Funktion beim Softwarekonzern SAP zu arbeiten. Sein Nachfolger wird Thomas Toepfer, bislang Finanzvorstand des Kunststoffherstellers Covestro. Allerdings kann Toepfer erst zum September wechseln. So lange übernimmt Xavier Tardy, der Finanzchef der Rüstungs- und Raumfahrt-Tochter Airbus Defence & Space, übergangsweise die Aufgaben.

Für 2023 geht Airbus von einem weiteren Gewinnanstieg auf sechs Milliarden Euro aus. Allerdings rechnet der Konzern damit, dass der freie Barmittelzufluss vor Fusionen und Kundenfinanzierungen von 4,7 Milliarden Euro im vergangenen Jahr auf drei Milliarden Euro fallen wird.

Finanzvorstand Asam erklärte die Entwicklung damit, dass Airbus 2022 von einem stärkeren Cashflow überrascht worden sei. Unter anderem seien die Einnahmen aus Anzahlungen für Flugzeugbestellungen höher als erwartet gewesen. „2023 ist die Kehrseite davon“, sagte er. Aber auch der Rückstand bei den Auslieferungen werde dieses Jahr „sicherlich nicht helfen“, was die verfügbaren Barmittel angeht.

Großbestellung von Air India

Die Auftragslage für Airbus ist stabil. In dieser Woche ging eine Großbestellung von Air India ein: Die indische Fluggesellschaft beabsichtigt, 210 Maschinen der A320-Familie sowie 40 A350-Großraumflieger zu kaufen. Bei Boeing bestellte Air India ebenfalls, das Auftragsvolumen für den US-Konkurrenten war aber etwas geringer als die Airbus-Order.

Airbus bestätigte bei der Jahrespressekonferenz am Donnerstag sein Interesse, sich an der künftig eigenständigen Cybersicherheitssparte des französischen IT-Dienstleisters Atos zu beteiligen. Man strebe eine „strategische Partnerschaft“ mit Evidian an, sagte Faury. Ein finanzielles Investment sei sinnvoll, weil in den Airbus-Geschäftsbereichen vom Flugzeugbau über Rüstung bis zur Raumfahrttechnik datengetriebene Lösungen eine immer wichtigere Rolle spielen würden.

Atos teilte mit, dass Airbus ein unverbindliches Angebot für einen 29,9-prozentigen Anteil an Evidian vorgelegt habe. Der Verwaltungsrat werde die Gespräche mit Airbus fortsetzen, halte aber auch Ausschau nach weiteren Interessenten. Atos will sein Geschäft mit Cybersicherheit, Big Data und Digitalisierung bis Mitte des Jahres unter dem Namen Evidian abspalten und an die Börse bringen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×